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Vorfall in Bad Wildbad:Gefundenes Fressen für Wolfsgegner

Mehrere tote Schafe

Ausgerechnet am "Tag des Wolfes" sind in Bad Wildbad im Nordschwarzwald 40 Schafe auf ihrer Weide gestorben.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)
  • Im Nordschwarzwald hat sehr wahrscheinlich ein Wolf 40 Schafe auf ihrer Weide gerissen.
  • Schon melden sich Wolfsgegner und Regionalpolitiker, die damit Stimmungen schüren.
  • Die Mehrheit der Bevölkerung ist dennoch eher auf der Seite der Wölfe. 79 Prozent finden es gut, dass das Tier bei uns wieder heimisch wird.

Wölfe können nicht lesen. Deshalb haben sie wohl auch nicht mitbekommen, was der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zum "Tag des Wolfes" am 30. April auf seiner Website veröffentlicht hat: "Deutschland ist ein Wolfsland". Die große Mehrheit der Bundesbürger freue sich "immer noch" über die Rückkehr des Wolfes. Das Vermitteln von Wissen zum Thema sei allerdings wichtiger denn je, denn nur so könne "ein möglichst konfliktarmes Miteinander von Mensch und Wolf gelingen".

Konfliktärmer ist das Miteinander nach einem blutigen Vorfall in Baden-Württemberg allerdings nicht geworden. Ausgerechnet am "Tag des Wolfes" sind in Bad Wildbad im Nordschwarzwald 40 Schafe auf ihrer Weide gestorben. 32 wurden gerissen, der Verdacht fiel sofort auf einen Wolf. Einige ertranken, weil sie in Panik in einen Bach sprangen. Manche Tiere waren so schwer verletzt, dass dem Schäfer nichts anderes übrig blieb, als ihr Leid zu beenden. "Es war ein Bild des Grauens", sagte Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, nachdem sie den Ort besucht hatte.

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Davon gehen Experten ersten Untersuchungen zufolge mit "hoher Wahrscheinlichkeit aus". Für den betroffenen Schäfer ist das endgültige Ergebnis von besonderer Bedeutung.

Die Herde mit etwa 150 Tieren hatte sich in einem umzäunten Areal aufgehalten, das an einer Seite durch einen Bach begrenzt war. Die Schafe waren erst vor wenigen Tagen vom Stall auf die Weide gekommen. Nach ersten Untersuchungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg ist mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich ein Wolf für das Massaker verantwortlich. Gewissheit kann jedoch erst eine genetische Analyse von Proben geben, die von den toten Tieren genommen wurden. Der Wolf hatte wahrscheinlich einen Fluss durchquert, um die Schafe anzugreifen, offenbar war die Herde nicht komplett von einem Elektrozaun umgeben.

Handelt es sich um einen "Problemwolf"?

Warum tötet ein Wolf so viele Schafe - viel mehr, als er fressen kann? Handelt es sich um einen "Problemwolf"? "Das ist ein normales Verhalten von wilden Beutegreifern", sagt Ulrich Wotschikowsky, Wildbiologe und Wolfsexperte aus Oberammergau. Problemwölfe seien so selten wie weiße Hirsche, sagt er: "Wenn ein Raubtier ein solches Angebot hat, schlägt es instinktiv so lange zu, bis es nicht mehr kann." Dass der Wolf mutmaßlich durch den Bach zur Herde gelangte, ist für Wotschikowsky ein Indiz dafür, dass die Schafe nicht hinreichend geschützt waren. Für Wölfe seien Gewässer überhaupt kein Hindernis, besonders wenn auf der anderen Seite eine Schafherde grast, "sie schwimmen auch durch die 200 Meter breite Donau", sagt der Experte. Wirklich wolfsicher sei eine Weide nur, wenn sie komplett von einem mindestens einen Meter hohen Elektrozaun umgeben sei, der am besten noch mit einer weißen Litze überspannt ist. Das schreckt Wölfe ab, denn sie springen nicht gerne.

"Weidetierhaltung und Wolf zusammen funktionieren nicht flächendeckend in Baden-Württemberg", meint dagegen Anette Wohlfarth vom Landesschafzuchtverband. Seit 2015 wurden in dem Bundesland mindestens vier Wölfe bestätigt. Zwei wurden überfahren, einer ist wohl verendet und einer wurde erschossen im Schluchsee gefunden. Ein weiterer Wolf ist nach Angaben von Wotschikowsky in der Gegend von Bad Wildbad bestätigt. Bundesweit gibt es etwa 800 Wölfe, die meisten von ihnen leben in Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Sie sollen 2017 insgesamt 500 Nutztiere gerissen haben. Leidtragende sind vor allem Schäfer und Landwirte.

Drastische Vorfälle wie jetzt in Bad Wildbad sind ein gefundenes Fressen für Wolfsgegner und Regionalpolitiker, die damit Stimmungen schüren. Der baden-württembergische FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke forderte die Grünen auf, ihre "romantische Wolfspatenschaft" zu beenden. Der Wolf müsse unter die Kontrolle des Jagdrechts gestellt werden: "Als dicht bevölkertes Flächenland müssen wir durch bessere Kontrolle verhindern, dass Wölfe zum Problem werden." Der Arbeitskreis für Umwelt und Naturschutz der CDU-Landtagsfraktion spricht sich bereits für einen Abschuss aus. Das politische Ziel sei zwar, dass der Wolf auch in Baden-Württemberg einen Lebensraum haben könne. "In diesem Einzelfall jedoch halten wir es für notwendig, den Problemwolf, der sich offensichtlich im Blutrausch befunden hat, zu entnehmen", sagte der Vorsitzende Paul Nemeth.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist eher auf der Seite der Wölfe. 79 Prozent finden es gut, dass der Wolf bei uns langsam aber sicher wieder heimisch wird. Das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Nabu. "Man muss endlich ernst nehmen, dass die Wölfe zurück kommen", fordert Ulrich Wotschikowsky, die Politik müsse auch in Baden-Württemberg handeln und ein sinnvolles Programm auflegen. Wildbiologe Wotschikowsky sagt: "Bauern und Schafzüchter sind nicht damit zufrieden, dass sie Entschädigung bekommen für gerissene Tiere. Die Weiden müssen besser geschützt werden." Auch eine Förderung von Herdenschutzhunden für größere Herden ab 100 Tieren sei eine sinnvolle Maßnahme. Mit weltfremder Naturromantik hat das nichts zu tun, im Gegenteil. Die Wölfe lassen sich nicht von Gesetzen und Verbotsschildern abschrecken, zumal sie ja nicht lesen können.

© SZ vom 02.05.2018/lalse
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