Vor Gericht:Riesiges Netzwerk für Pädophile

Lesezeit: 4 min

Kinderpornografie-Plattform 'Elysium'

Um Mitglied bei der kinderpornografischen Plattform zu werden, mussten die Nutzer nur einen Nutzernamen und ein Passwort festgelegen.

(Foto: dpa)

Bei Elysium ist es zum ersten Mal gelungen, einen Kinderpornografie-Ring in Deutschland zu zerschlagen. Eine Fall-Übersicht.

Von Melanie Raidl und Marie Schiller

In der griechischen Mythologie ist "Elysium" ein "Ort der Seligen" für antike Helden, die Außerordentliches geleistet haben - in den Jahren 2016 und 2017 aber war "Elysium" die Hölle für kleine Mädchen und Jungen. Im von seinen Machern so benannten Darknetportal wurden Tausende Fotos und Videos von sexuellen Übergriffen an Kindern verbreitet. Ein Netzwerk für Pädophile. Von heute an wird den vier Hauptangeklagten der Prozess am Landgericht Limburg gemacht. Aber wer genau sind die Täter? Was war "Elysium" und was ist seit der Zerschlagung des Portals im vergangenen Jahr passiert?

Die Plattform

"Elysium" nahm Ende 2016 in Deutschland seinen Ursprung. Es war eine Plattform für den Tausch kinderpornografischer Bilder und Videos, aufgebaut im Darknet. Das Darknet wird als verborgener Internetbereich verstanden, der sich nur mittels eines speziellen Browsers finden lässt. Man kann es als virtuellen Untergrund verstehen, der häufig von Kriminellen für illegale Handlungen genutzt wird, gerade in repressiven Regimen aber auch Aktivisten und Journalisten zum Informationsaustausch dient. "Die "Elysium"-Plattform war nicht wie die typischen Kinderpornografie-Seiten im Darknet aufgebaut", sagt Georg Ungefuk, Generalstaatsanwalt in Frankfurt, der die Ermittlungen geführt hat. "Jedermann konnte sich mit einem Nutzernamen und Passwort einloggen und musste keine Beweise für die Zugehörigkeit liefern", so der Experte.

"Elysium" war außerdem auf eine internationale Community ausgelegt, es gab mehrere Chat-Bereiche in sechs verschiedenen Sprachen. "Deshalb hatte die Community in der kurzen Zeit, in der sie online war, auch so einen rasanten Anstieg an Mitgliedern", sagt Ungefuk. Die Plattform wurde im Frühjahr 2017 von Kriminalbeamten ausgehoben, zu der Zeit hatte sie bereits 111 000 Mitglieder. Wie viele Plattformen im Darknet war auch "Elysium" hierarchisch aufgebaut: Es gab mehrere Betreiber, Chat- und Foren-Administratoren, Grafiker und Mitarbeiter für die Sicherheit gegen außen. Die Mitglieder verabredeten sich auch zu realen Treffen und boten ihre eigenen Kinder zum Missbrauch an. Die einen filmten die Videos, die dann von anderen weitergesendet wurden. Man erhielt nur neues Material, wenn man selbst welches verbreitete.

Die Verdächtigen

Verantwortlich für die Darknet-Plattform sind der Staatsanwaltschaft zufolge vier Männer aus Deutschland. Ein 40-jähriger Hesse soll den Server betrieben und die Technik gestellt haben. Er ist der Hauptangeklagte. Programmiert und eingerichtet worden sein soll die Plattform von einem 58-Jährigen aus Baden-Württemberg. Er soll schon ein wichtiges Mitglied bei der Vorgängerplattform "The Giftbox Exchange" gewesen sein. Diese internationale Kinderporno-Website war von 2015 bis 2016 aktiv. Mittlerweile sind zwei amerikanische Täter in den USA zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden.

Wie in gewöhnlichen Chatforen auch, gab es auch bei "Elysium" einen Administrator und einen Moderator. Diese Aufgaben sollen ein 47-Jähriger aus Baden-Württemberg und ein 62-Jähriger aus Bayern übernommen haben.

Das Verbrechen

Allen vier Angeklagten wird vorgeworfen, bandenmäßig Kinderpornografie verbreitet zu haben. Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wirft dem 40-jährigen Hessen und dem 58-Jährigen aus dem Landkreis Tübingen vor, die Plattform aufgebaut und betrieben zu haben. Es besteht außerdem der Verdacht, dass der Mann aus dem bayerischen Landkreis Landsberg am Lech Kinder schwer sexuell missbraucht haben soll.

Komplizierte Ermittlungen und zahlreiche Haftstrafen

Die Ermittlungen

Während verschiedener Ermittlungen im Darknet stieß die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt im Mai 2017 auf die Kinderpornografie-Plattform. Die Staatsanwälte leiteten sofort Ermittlungen gegen unbekannt ein. Mit technischen Mitteln und verdeckter Fahndung durchforsteten sie die Chats und Foren von "Elysium". Eine kleine Sicherheitslücke in der Programmierung verriet ihnen letztendlich den genauen Ort des Servers, von dem "Elysium" gehostet wurde. Er stand in Limburg in Hessen. Es folgte eine Hausdurchsuchung bei dem 40-jährigen mutmaßlichen Betreiber und Administrator, die Plattform konnte daraufhin abgeschaltet werden.

Die Ermittler stellten mehrere Terabyte an Datenmaterial sicher und stießen dadurch auf einen weiteren mutmaßlichen Betreiber, den 58-Jährigen aus dem Landkreis Tübingen, sowie weitere mutmaßliche Foren-Mitarbeiter. Eine auf der Plattform verfügbare Bilderserie führte die Kriminalbeamten weiter. Auf den Bildern soll der 62-jährige Grafiker aus Landsberg mit Kindern zu sehen sein. Nach detaillierter Analyse stellten die Ermittler fest, dass der Mann auf den Bildern sich zum Zeitpunkt der Aufnahme in Österreich befunden haben müsse. Deswegen nahm das dortige Bundeskriminalamt ebenfalls Ermittlungen auf. Zunächst versuchten die Polizisten, die Kinder zu finden, die auf den Bildern zu sehen waren. Die Ermittlungen ergaben, dass diese sich in der Nähe von Wien befinden müssten. Da eines der Kinder im schulpflichtigen Alter zu sein schien, wurden alle Schulen in und um Wien besucht, alle Lehrer befragt, ob sie das Mädchen auf dem Foto erkennen würden.

Den entscheidenden Hinweis gab eine Lehrerin in Wien. Sie erkannte auf der Bilderserie ein Mädchen aus einer ihrer Klassen. So gelang es den Ermittlern den zweiten mutmaßlichen Täter auf den Fotos zu finden - den 28-jährigen Vater der Kinder. Er wurde daraufhin in seiner Wohnung im 10. Wiener Bezirk festgenommen, wo auch das siebenjährige Mädchen und ihr fünfjähriger Bruder wohnten. Im weiteren Verlauf ermittelten die Beamten mehr als 28 weitere Opfer. Insgesamt 14 Tatverdächtige wurden im Frühjahr vergangenen Jahres festgenommen, zwölf Deutsche und zwei Österreicher.

Bisherige Prozesse

Zehntausende Mitglieder sollen "Elysium" genutzt haben. Insgesamt wurden 111 000 Konten entdeckt, darunter sollen aber mehrere Doppelaccounts sein. "Manche Nutzer haben sich mit zwei oder mehreren Konten mit unterschiedlichen digitalen Identitäten angemeldet", sagt Oberstaatsanwalt Ungefuk. In Österreich und in Deutschland wurde nach der Zerschlagung der Plattform, dem sogenannten Takedown, mehreren "Elysium"-Mitgliedern der Prozess gemacht - meistens wegen Kindesmissbrauchs und der Verbreitung kinderpornografischen Materials.

Ein Ingenieur wurde Anfang des Jahres vom Landgericht in Dresden wegen Missbrauchs von zwei kleinen Mädchen und Verbreitung der Fotos und Videos des Übergriffes verurteilt. Er bekam eine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren.

Auch der in Wien festgenommene Vater, der seine Kinder missbraucht und an andere Täter weitervermittelt hatte, wurde bereits verurteilt: zu 14 Jahren Haft. Das Gericht war sich sicher, dass seine Frau zumindest teilweise von den Verbrechen wusste; sie erhielt deshalb sieben Jahre Haft, ein 41-jähriger Freund des Paares zwölf Jahre Haft. Er hatte sich bei Besuchen an dem Jungen und dem Mädchen vergangen. Nach einem Gutachten steht fest: Die beiden Männer werden wegen hoher Rückfallgefahr in eine "Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher", wie es in Österreich heißt, verwiesen.

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