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Viersen:Was geschah in der Kita?

Erzieherin soll Kita-Kind getötet haben

Vor der Kita "Am Steinkreis" in Viersen ist eine kleine Gedenkstätte für das tote Mädchen entstanden.

(Foto: Marcel Kusch/dpa)

Eine Erzieherin hat möglicherweise ein dreijähriges Mädchen getötet. Die Ermittler aber verweigern Auskünfte, und so schießen die Spekulationen ins Kraut.

Die Ermittler schweigen. Also wabern die Gerüchte durch Viersen, die 76 000-Einwohner-Stadt am linken Niederrhein. Denn mitten im Stadtteil Alt-Viersen hat sich Entsetzliches ereignet: Ein kleines Mädchen soll bereits am 21. April in der Kita so schwere Verletzungen erlitten haben, dass ein Notarzt das Kind zwar zunächst retten und ins Krankenhaus bringen konnte. Dort jedoch starb es am 4. Mai, einen Tag nach seinem dritten Geburtstag. Seit Ende voriger Woche wächst sich die Tragödie zum Albtraum aus: Da gab die Polizei bekannt, man habe eine 25-jährige Erzieherin als mutmaßliche Täterin festgenommen. Ein Richter ordnete Untersuchungshaft an - wegen Mordverdachts.

Eine Obduktion hatte zuvor ergeben: "Das Mädchen ist durch Fremdeinwirkung zu Tode gekommen." So steht es in einer von bisher nur zwei kargen Presseerklärungen, die Ermittler verbreiteten. Staatsanwaltschaft und Polizei verweigern detailliertere Auskünfte. Also schießen die Spekulationen ins Kraut, vor allem über die mutmaßliche Täterin.

Nach Informationen von Bild sollen die Rechtsmediziner Hinweise auf "massive Gewalteinwirkung gegen Hals und Brust" gefunden haben. "Es könnte sein, dass sich die Tatverdächtige auf das Mädchen gekniet hat", zitiert das Blatt aus Kreisen der Ermittler. Ob das stimmt? "Kein Kommentar", antworten Polizei und Staatsanwältin auf SZ-Anfrage, man ermittle "mit Hochdruck". Und Schweigen.

Immerhin, laut zurückgewiesen haben die Behörden Mutmaßungen, die verdächtige Erzieherin sei der Polizei schon früher wegen Gewalttätigkeit gegenüber Kindern aufgefallen. Das seien "Falschbehauptungen", so die Ermittler, die nur "das Leid der Angehörigen und Betroffenen vergrößern". Bild und die Deutsche Presse-Agentur mussten sich in ihrer Berichterstattung korrigieren. Allerdings berichtet die Rheinische Post, die Beschuldigte habe zuvor in Kempen, dem nördlichen Nachbarort von Viersen, in einem Kindergarten gearbeitet. Dort seien "mehrfach Kinder verletzt worden". Ein Sprecher der Stadt Kempen bestritt dies am Dienstag: Es habe keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Der befristete Arbeitsvertrag der Erzieherin sei einfach ausgelaufen.

Obduktion erst nach 15 Tagen

Zum 1. Dezember 2019 trat die Frau dann offenbar ihren neuen Job an, in der städtischen Kita "Am Steinkreis", die nun ein mutmaßlicher Tatort ist. Auf Fotos ist zu sehen, dass Kinder vor der Eingangstür bemalte Steine abgelegt haben, zur Erinnerung an die tote Spielkameradin. An diesem Ort beginnen alle Fragen: Wieso dauerte es, nachdem das kleine Mädchen am 21. April schwerst verletzt, mit Atemstillstand, aus der Kita auf die Intensivstation des Allgemeinen Krankenhauses verbracht worden war, volle acht Tage, ehe eine Ärztin eine mögliche Straftat meldete? Die Klinik beantwortet eine entsprechende Anfrage nicht, man sei "der falsche Ansprechpartner". Wieso verstrichen nach dem Tod des Mädchens am 4. Mai und der Obduktion nochmals 15 Tage, ehe die Verdächtige festgenommen wurde? Wurden der Erzieherin so lange noch andere Kinder anvertraut? Die Kita arbeitet momentan nur im Notbetrieb, erst am 8. Juni öffnet das Land NRW seine Kindertagesstätten wieder. Zum dann "eingeschränkten Regelbetrieb", wie es heißt.

Die betroffene Kita wird von der Stadt Viersen betrieben. Bürgermeisterin Sabine Anemüller äußerte sich am Wochenende zu dem Fall: "Sollte sich der Verdacht bestätigen, der sich aus den bisherigen Ermittlungen ergeben hat, käme zu der Trauer und dem Mitgefühl für die Familie des Kindes noch Bestürzung darüber hinzu, dass der Tod des Mädchens auf Fremdeinwirkung zurückzuführen ist." Anemüller sprach inzwischen mit der alleinerziehenden Mutter des Opfers, für alle Mitarbeiter, Eltern und Kinder bedeute der Verdacht "eine schwere Prüfung".

Nachfragen beantwortet die Stadtverwaltung nicht, weder zum beruflichen Werdegang noch zur Vorgeschichte der verdächtigen Kindergärtnerin. Das alles sei Sache der Ermittler, deren Ergebnisse müsse man abwarten. So wie alle in Viersen.

© SZ/nas
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