Video zur Zukunft von Youtube Schock im Kinderzimmer

Kinder und Jugendliche sind geschockt über ein Video, das über die Abschaltung von Youtube spekuliert.

(Foto: Screenshot: Youtube/Wissenswert)
  • Viele Kinder und Jugendlichen sind derzeit schockiert über ein Youtube-Video, in dem suggeriert wird, dass Youtube bald abgeschaltet werden könnte.
  • Hintergrund ist eine geplante Richtlinie der EU. Sie würde große Internetkonzerne verpflichten, urheberrechtlich für das zu haften, was auf ihren Plattformen hochgeladen wird.
  • Die Autoren des Videos geben zu, dass sie möglicherweise "etwas zu stark emotionalisiert" haben.
Von Martin Zips

Simon Difabachew steht zu seinem Video: Ja, meint der 22 Jahre alte Medien- und Kommunikation-Student aus Hannover, es könne schon sein, dass es das Videoportal Youtube im kommenden Jahr nicht mehr gibt. Und ja, es sei richtig gewesen, dass er ein Video mit eben dieser Botschaft in jenem Youtube-Kanal veröffentlicht habe, den er zusammen mit seinem ebenfalls 22 Jahre alten Freund Felix Härlen betreibt, der in Köln Psychologie studiert.

Das Video "Warum es Youtube nächstes Jahr nicht mehr gibt" findet sich dieser Tage auf Platz 1 der erfolgreichen Internetplattform - mit zuletzt mehr als 2,5 Millionen Views und mehr als 43 000 Kommentaren. Vielen Kindern und Jugendlichen treibt dieser Film derzeit den Angstschweiß auf die Stirn. Sie fürchten um ihre Internet-Idole, ihre digitalen Freunde, ihre Existenz.

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Worum geht es? In fünf Minuten und 47 Sekunden schürt Difabachew kindliche Furcht vor der - bitte? - EU-Urheberrechts-Richtlinie: "In einigen Monaten werden fast alle Kanäle, die wir kennen, lieben und immer wieder gucken, gelöscht werden", heißt es in dem Film. "Egal wie groß und beliebt, niemand wird übrig bleiben. Bis auf einige Kanäle von sehr großen Firmen." Bei dramatischer Musik ist mehrmals die Europa-Fahne zu sehen. Zugleich wird erklärt, dass Youtube, sollte es nach europäischem Recht für die von ihm verbreiteten Inhalte haftbar gemacht werden, plane, gleich "alle europäischen Kanäle" zu löschen.

Blöd gelaufen, liebe Kinder. "Und wenn alle diese Youtuber weg sind", so richtet sich Difabachew im Video an sein Publikum, "und du dich irgendwann damit abgefunden hast und dich wieder auf deinen Alltag, auf deine Arbeit, dein Studium oder deine Schule konzentrierst, wirst du feststellen, dass das Video, was du für deinen Geschichtsunterricht brauchst, nicht mehr da ist. Dass die Vorlesung, die du verpasst hast, nicht mehr auf Youtube zu sehen sein wird. Alle wichtigen Tutorials, alle Videos, die du brauchst, um dich weiterzubilden (...), werden auch weg sein." Für viele Schüler und Studenten: ein Horrorszenario. Julien Bam, Mrs. Bella, Dagi Bee, "BibisBeautyPalace" - die alle will mir Europa jetzt nehmen? Die Initiatoren des demnächst zur Abstimmung stehenden Entwurfs sehen sich derzeit einem gewaltigen Shitstorm ausgesetzt.

Im Kinderzimmer liegen die Nerven blank

Er sei weder europafeindlich noch populistisch, betont der Videomacher Difabachew. Auch seien er und sein Kollege Härlen nicht etwa der verlängerte Arm der Youtube-Propaganda-Abteilung. "Von denen haben wir kein Geld bekommen." Doch Difabachew gesteht: "Vielleicht haben wir im Video doch etwas zu stark emotionalisiert." Die Kommentare zu dem Film klingen dramatisch: "Ich glaube, ich muss kotzen", schreibt einer. "Die Europäische Union ist ein einziges Ärgernis!!!" ein anderer.

Auch die EU-Kommission reagiert: Jeder dürfe weiter kreativ sein, man versuche nur, die Position der Urheber gegenüber großen Online-Konzernen zu stärken. Doch im Kinderzimmer liegen die Nerven blank, auch weil es am Ende des Videos heißt: "Wir sind die jüngere Generation, die mit Internet und sozialen Netzwerken groß wurde. Die Freiheit und Veränderung, die das Internet brachte, darf nicht verboten werden." Tatsächlich ist die Reform des Urheberrechts umstritten: Kritiker befürchten den Einsatz schlecht funktionierender Upload-Filter ("Zensurmaschinen"), die das freie Netz insgesamt gefährden könnten. Susan Wojcicki, Chefin des 3,5-Milliarden-Dollar-Unternehmens Youtube, hat zum weltweiten Protest gegen die Richtlinie aufgerufen.

Für Difabachew und Härlen jedenfalls hat sich das Filmchen, das die digitale Endzeit heraufbeschwört, schon sehr gelohnt. Durch unzählige Youtube-Klicks dürften die Macher bereits einige Tausend US-Dollar verdient haben. Nun soll ein weiteres Video zum Thema folgen. Andere, ähnlich gemachte Internet-Videos kursieren - nicht nur auf Youtube - zuhauf. Allein die EU steht bei den Zwölf- bis 18-Jährigen so gar nicht mehr hoch im Kurs.

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