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Video zum Fall Walter Scott:Die entscheidenden Sekunden fehlen

  • Die Behörden von South Carolina haben im Fall des von einem Polizisten getöteten Afroamerikaners Walter Scott ein zweites Video veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie die beiden Männer aufeinandertreffen.
  • Allerdings bleibt unklar, was genau in dem Moment passierte, bevor die tödlichen Schüsse fielen.
  • Die Familie von Scott hofft, dass der Fall zu einem Umdenken bei der Polizei führt.

Von Oliver Klasen

Genau vier Minuten dauert das Video, das die Behörden von South Carolina jetzt veröffentlicht haben. Aufgenommen wurde es von einer Kamera, die im Streifenwagen des Polizisten Michael Slager montiert war und durch die Windschutzscheibe das Geschehen vor dem Auto filmte.

Es sind die ersten vier Minuten eines Polizeieinsatzes, der mit dem Tod eines Menschen endete. Walter Scott, 50 Jahre alt, starb an fünf Kugeln aus Slagers Waffe. Der Polizist schoss Scott in den Rücken, als dieser flüchtete.

Es ist die zweite Filmaufnahme, die von dem Vorfall in der Stadt North Charleston, South Carolina, öffentlich wird. Das erste Video hatte ein Augenzeuge mit der Handykamera gefilmt. Es zeigt die tödlichen Schüsse auf Walter Scott und wurde von mehreren US-Medien am Dienstag veröffentlicht. Dazu kommt jetzt das Material aus der Dashcam des Streifenwagens.

Die Frage, auf die es auch nach der Analyse beider Sequenzen keine vollständige Antwort gibt: Wie konnte eine zunächst harmlos anmutende Verkehrskontrolle derart eskalieren?

Das Bild bleibt unvollständig - weil ein entscheidender Moment fehlt, der zeitlich genau zwischen dem Ende der Aufnahme aus der Polizeiauto-Kamera und dem Beginn des Handy-Amateurvideos liegt. Es wird nicht klar, warum Walter Scott vor dem Polizisten geflüchtet ist.

Was das Video aus dem Polizeiauto zeigt

Das jetzt veröffentlichte Video beginnt damit, wie ein anthrazitfarbener Mercedes - Baureihe W124 - auf den Parkplatz eines Autoteile-Händlers einbiegt. Der Mercedes bremst, die linke Bremsleuchte brennt. Ob die rechte defekt ist, lässt sich nicht zweifelsfrei erkennen. In Medienberichten hatte es zuvor geheißen, ein kaputtes Rücklicht sei der Grund für die Polizeikontrolle gewesen. Allerdings sind die Rücklichter des Wagens ausgeschaltet, es ist Samstagvormittag.

Bei Minute 0:22 des Videomaterials steigt der Polizist aus seinem Wagen und geht an das Fenster auf der Fahrerseite des Mercedes. Slager will die Wagenpapiere sehen. Einen Führerschein kann der Fahrer vorlegen, nicht aber einen Versicherungsnachweis. Im anschließenden Gespräch erklärt Walter Scott, dass er beabsichtige, das Fahrzeug zu kaufen, das Geschäft aber wohl erst "am Montag" abgewickelt werde und er deshalb die Versicherungsunterlagen noch nicht besitze. Slager stellt ein paar Fragen, Scott antwortet. Polizeiroutine.

"I'll be right back with you" - "Ich bin gleich wieder bei Ihnen", sagt der Polizist bei Minute 1:40. Der Polizist geht zu seinem Wagen zurück, offensichtlich, um Scotts Führerschein zu überprüfen. Bei Minute 2:09 öffnet sich die Tür des Mercedes, Scott will aussteigen, aber Polizist Slager fordert ihn mit bestimmenden Worten auf, im Auto zu bleiben.

Minute 2:33. Die Mercedes-Tür öffnet sich erneut und Scott rennt schnell nach links davon. In den nächsten eineinhalb Minuten gibt nur noch die Tonspur Hinweise auf das Geschehen. Offenkundig rennt Slager dem Flüchtenden hinterher. An einer Stelle sagt er: "Taser, Taser, Taser!" (Das Elektroschock-Gerät, das US-Polizisten häufig mit sich führen). Kurz darauf befiehlt Slager offensichtlich, dass sich Scott auf den Boden legen soll. Dann endet die Aufnahme.

Was auf dem zuerst veröffentlichten Video zu sehen ist

Schauplatz des Videos, das der zufällig anwesende 23-jährige Feidin Santana mit seinem Smartphone gemacht hat, ist eine Grünanlage, offenbar unweit des Parkplatzes, auf dem zuvor die Polizeikontrolle stattfand. Es beginnt damit, wie Scott vor dem Polizisten steht, sich dann umdreht und erneut davonrennt. Auffallend ist, dass er relativ langsam läuft. Möglicherweise ist er noch benommen, weil er von einem Elektroschock getroffen wurde.

Slager feuert mehrere Male mit seiner Schusswaffe auf den Flüchtenden. Nach einigen Schritten bricht Scott zusammen und bleibt auf dem Gras liegen. Man erkennt, wie Slager im Gehen offenbar über Funk Verstärkung herbeiruft. "Put your hands behind your back" - "Legen Sie die Hände auf den Rücken", sagt er zu Scott und fesselt ihn schließlich mit Handschellen.

Danach geht er an die Stelle zurück, von der aus Scott flüchtete, hebt vom Boden einen Gegenstand auf, geht zurück und platziert ihn neben den am Boden liegenden Scott. Allem Anschein nach handelt es sich dabei um das Elektroschock-Gerät. Weder Slager noch seine beiden Kollegen, die wenig später eintreffen, leisten erste Hilfe. Kurze Zeit später ist Scott seinen Verletzungen erlegen.

Welche Erkenntnisse über den Fall inzwischen gesichert sind

  • Konsequenzen: Nach den Schüssen auf den unbewaffneten Scott wurde Slager wegen Mordes angeklagt und aus dem Polizeidienst entlassen. Bei einer Verurteilung droht ihm gemäß dem Recht von South Carolina die Todesstrafe.
  • Massive Zweifel an der Version des Polizisten: Slager hatte sich auf Notwehr berufen und gesagt, dass er "um sein Leben" gefürchtet habe. Im Polizeibericht gab er ursprünglich an, Scott habe ihm seinen Taser entrissen. Diese Version erscheint durch das Augenzeugenvideo jedoch zweifelhaft.
  • Slagers Vergangenheit: Aus der Personalakte ergibt sich, dass der Polizist bereits 2013 wegen übermäßiger Gewalt gegen einen Schwarzen angezeigt wurde. Die Behörden, die den Fall überprüften, kamen jedoch zu dem Schluss, Slager habe sich richtig verhalten. Jetzt soll der Fall noch einmal untersucht werden.
  • Aktenlage zu Walter Scott: Der Getötete war nicht vorbestraft oder einschlägig polizeibekannt. Wie die örtliche Zeitung The Post and Courier schreibt, sei er nur ein einziges Mal unter dem Verdacht der Körperverletzung festgenommen worden, und zwar im Jahr 1987. In den Akten steht nichts, was auch nur ansatzweise auf eine Gewaltbereitschaft hindeuten würde.

Was nach wie vor unklar ist

  • Warum ist Scott vor der Polizei geflüchtet? Auf diese Frage gibt es bisher keine Gewissheit. Der Vater des Erschossenen äußerte in Medienberichten die Vermutung, dass sein Sohn weggelaufen sei, weil er mit den Unterhaltszahlungen für seine Kinder im Rückstand sei und möglicherweise eine Festnahme befürchtete. Wie die New York Times schreibt, war Scott in der Vergangenheit tatsächlich häufiger in diesem Zusammenhang vor Gericht geladen worden.
  • Warum wurde Scott angehalten? Der Grund für die Polizeikontrolle liegt im Dunkeln. Ob es das defekte Rücklicht war, erscheint zweifelhaft.
  • Was hat es mit dem Auto auf sich? Scotts Familie und seine Unterstützer haben bislang angegeben, dass Scott das Auto gehört habe. Sein Gespräch mit dem Polizisten, so wie es aus dem jetzt veröffentlichten Video hervorgeht, widerspricht dieser Version.
  • Was passierte zwischen der Flucht und den Schüssen? In verschiedenen Medienberichten hieß es bisher, es habe ein Handgemenge zwischen beiden Männern gegeben, bevor die tödlichen Schüsse fielen. Das hat auch Feidin Santana ausgesagt, der die Szene mit seinem Handy filmte. "Der Polizist hatte die Lage unter Kontrolle und Scott versuchte nur, sich dem Elektroschocker zu entziehen", sagte Santana in einem Interview mit dem Sender NBC am Mittwoch.

Die Polizei von South Carolina will sich derzeit nicht offiziell zu dem Vorfall äußern und verweist auf die laufenden Ermittlungen, in die sich auch die US-Bundespolizei FBI und das US-Justizministerium eingeschaltet haben.

Der Fall Walter Scott hat nationale Bedeutung erlangt. Er steht in einer Reihe mit anderen Fällen tödlicher Polizeigewalt in den USA - etwa dem Fall Michael Brown in Ferguson oder dem Fall Eric Garner in New York.

Die Familie von Scott hofft, dass sein Tod jetzt zu Reformen bei der Polizei führt. Experten beklagen schon lange die unzureichende Ausbildung und inadäquates Verhalten in Krisensituationen. "Etwas wird sich ändern, etwas muss sich ändern", sagte der Bruder des Opfers, Anthony Scott, in North Charleston. Polizisten müssten zwei Mal überlegen, bevor sie ihre Waffen abfeuerten.

Und dann stellt der Bruder eine Forderung, die indirekt an das ganze Land gerichtet ist: "Wir wollen nicht, dass Walter einfach ein weiteres Opfer ist" - ein weiteres Opfer in der Liste von insgesamt mehr als 300 Menschen, die bisher in diesem Jahr in den USA durch Polizeigewalt ums Leben kamen.

© Süddeutsche.de/fued/leja
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