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USA:Weniger tote Polizisten, wachsende Feindseligkeit

Tödliche Angriffe auf Polizisten in den USA sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. Doch die Stimmung ist so feindselig wie lange nicht.

Wenjian Liu und Rafael Ramos sitzen am 20. Dezember, vier Tage vor Weihnachten 2014, in ihrem Streifenwagen im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die beiden Polizisten sind auf Patrouille, als ein Mann sich von hinten ihrem Auto nähert. Der 28-jährige Ismaaiyl Brinsley taucht plötzlich an der Beifahrerseite auf, zieht seine Waffe und schießt den beiden Männern des New York Police Departements mehrmals in den Kopf. New Yorks Bürgermeister wird später sagen: "Es ist klar, dass dies eine Hinrichtung war, dass diese Polizeibeamten wie bei einer Exekution erschossen wurden." Liu, 32, und Ramos, 40, sterben im Krankenhaus an ihren schweren Kopfverletzungen.

Der Angreifer erschießt sich nach der Tat in einer nahegelegenen U-Bahn-Station. Er hatte zuvor seine Ex-Freundin in Baltimore angeschossen und war dann mit dem Zug nach New York gefahren.

#ShootThePolice

Seine Attacke auf die beiden Polizisten kündigte Brinsley, der aus einer muslimisch-afroamerikanischen Familie stammte und mehrfach vorbestraft war, auf Instagram an: "Heute verpasse ich ein paar Schweinen Flügel. Sie haben einen von uns genommen. Lass uns zwei von ihnen nehmen. Dies ist vermutlich meine letzte Meldung." Dem Eintrag angefügt waren drei Hashtags: #ShootThePolice #RIPEricGardner #RIPMikeBrown. Eine Drohung - und Anspielungen auf die getöteten Afroamerikaner Eric Garner und Michael Brown.

Garner starb am 17. Juli 2014 bei seiner Festnahme im Würgegriff eines weißen Polizisten. Der unbewaffnete 18-jährige Michael Brown wurde am 9. August 2014 von dem weißen Cop Darren Wilson in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri mit sechs Schüssen getötet. Beide Polizisten wurden später von einer Grand Jury freigesprochen.

Wenn US-Polizisten die Waffe gegen Zivilisten richten, steht oft Aussage gegen Aussage; wenn die Schüsse töten, bleibt meist allein die Version der Staatsgewalt. Als justifiable homicides tauchen diese Fälle in der Statistik des FBI auf - als gerechtfertigte Tötungen, wenn etwa aus Notwehr oder zum Schutz von Dritten gehandelt wird. Für den Zeitraum zwischen 2009 und 2013 registriert die US-Bundespolizei 2102 solcher Fälle, Tendenz steigend.

Nach Recherchen des Nachrichtenportals Vox.com gab es in 2016 bisher erst einen Tag, an dem die US-Polizei niemanden erschossen hat. Recherchen der Washington Post zufolge starben 2016 bisher mehr als 500 Bürger durch Kugeln aus Polizeiwaffen.

So viele US-Polizisten sterben bei Schusswechseln

Die Zahl der im Dienst getöteten Polizeibeamten ist dagegen rückläufig. Trotz täglich stattfindender Einsätze mit Schusswaffen, scheint die Lage der Polizisten sicherer zu werden. Auf den Seiten "Officer Down Memorial Page" und "National Law Enforcement Officiers", Gedenkseiten für im Dienst getötete US-Polizisten, werden 21 Polizisten aufgeführt, die bisher in 2016 bei Schießereien ums Leben kamen. In 2015 waren es 42 Polizisten, die bei Schusswechseln starben, was im Vergleich zu 2014 ein Rückgang von 14 Prozent ist. Die Washington Post kommentierte die Zahlen wie folgt: "2015 geht als zweitsicherstes Jahr für US-Polizisten in die Geschichtsbücher ein."

New Yorks Polizeichef Bill Bratton sieht das anders. So feindselig wie heute habe die US-Bevölkerung Polizisten seit Jahrzehnten nicht mehr gegenüber gestanden, befand er im Mai 2015 nach dem Tod eines 25-jährigen Polizisten. Der Zivilfahnder hatte in Queens einen Verdächtigen verfolgt und war von diesem in den Kopf geschossen worden. Zwei weitere Polizisten wurden in den Monaten zuvor im Dienst angeschossen, als sie wegen eines bewaffneten Raubüberfalls in der Bronx unterwegs waren. "Man müsste fast bis in die späten Sechziger oder frühen Siebzigerjahre zurückgehen, um eine Zeit zu sehen, in der in diesem Land so eine Stimmung gegen die Polizei herrschte", sagte Bratton damals auf einer Pressekonferenz zum Tod seines Mitarbeiters.

Schwarze und Latinos werfen der US-Polizei seit Jahrzehnten Rassismus vor, US-Präsident Barack Obama forderte erst kürzlich mehr Reformen und Transparenz in den Polizeidistrikten. Viele US-Bürger, besonders jene, die sich den Republikanern nahe fühlen, sind der Meinung, dass es einen sogenannten "War on Cops" gebe und die Polizisten zu Unrecht rassistischer Handlungen beschuldigt werden. Während Anti-Rassismus-Aktivisten sich unter "Black Lives Matter" formieren, antworten ihre Gegner mit "Blue Lives Matters". Blau sind in den USA die Polizeiuniformen.

Die Frage, welche Leben mehr zählen, ist in der Debatte aber wohl kaum die relevante Größe.

© SZ.de/jana /tamo/feko

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