Urteil zum Rauchen Bitte nur einatmen!

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Urteil zu Rauchen auf dem Balkon

"Irgendwann hat es halt eine Grenze"

Braucht es wirklich ein Urteil zum Rauchen auf dem Balkon? Welche Erfahrungen Münchner mit ihren qualmenden Nachbarn machen und wie Raucher die Entscheidung des BGH sehen - eine Umfrage.

Zigarettenrauch vom Nachbarbalkon muss nicht geduldet werden, hat der BGH entschieden. In vielen Lokalen gibt es bereits ein Rauchverbot. Gesund sind Zigaretten nicht - selbst Raucher haben deshalb gelernt, sich in Demutsformeln auszudrücken. Dumm nur, dass es so schön sein kann, fehlbar zu sein.

Von David Pfeifer

Ein Szene-Restaurant in Berlin. Am späteren Abend werden den verbliebenen Gästen Untertassen als Aschenbecherersatz hingestellt, damit sie zum Rauchen nicht mehr vor die Tür gehen müssen. Während sich zwei champagnerselige Runden überaus laut und sprudelnd freuen, sitzt ein Tisch voller US-Amerikaner wie vom Donner gerührt zwischen den aufsteigenden Rauchwolken und verlangt den Chef zu sprechen. Dieser erklärt den Gästen aus Übersee nonchalant, es würde um diese Uhrzeit niemand mehr essen und sich gestört fühlen können - wenn sie deswegen unverzüglich gehen möchten, würde er sie gerne auf die Getränke einladen.

Selbst als Nichtraucher weiß man in so einer Situation nicht genau, auf wessen Seite man sitzen möchte.

Einerseits hat man sich wahnsinnig schnell daran gewöhnt, dass an öffentlichen Orten nicht mehr geraucht werden darf. Andererseits will man auch nicht unbedingt in einer Gesellschaft leben, die so überreguliert ist, dass man nie mehr aus dem Rahmen fallen oder über die Stränge schlagen darf.

In Berlin wird das allgemeine Rauchverbot in der Gastronomie eher lasch gehandhabt. Das ist einer der Gründe, warum die Stadt auf Menschen aus aller Herren Länder so verlockend wirkt. Deregulierung verspricht Abenteuer.

BGH Rauchende Colts
Zigaretten auf dem Balkon

Rauchende Colts

Qualmen ja, auch auf dem Balkon - aber nur nach Stundenplan: Der Bundesgerichtshof hat anerkannt, dass Mieter ihren Nachbarn wegen Rauchbelästigung verklagen können. Das Urteil wird zu einer Ausweitung der Kampfzone führen.   Von Wolfgang Janisch

Mehr als 60 Prozent für ein Rauchverbot

In München hingegen darf nach einer Volksbefragung im Jahr 2010 selbst in den Oktoberfest-Zelten nicht mehr geraucht werden. An der Befragung nahmen zwar nur 38 Prozent der Wahlberechtigten teil, von denen stimmten dann aber mehr als 60 Prozent für ein absolutes Rauchverbot in Gaststätten. Man ahnt, wer da zur Wahl gegangen ist.

In Wien wiederum gilt noch die weiche Regel, dass der Wirt einen Rauchraum abtrennen darf, solange der Hauptraum für die Nichtraucher bleibt. Hier kann man auch gut sehen, wozu das führt: Oft ist der Raucherbereich voller, es geht dort lustiger zu, denn mit Bier und Wein schmeckt die Zigarette besser. Und umgekehrt.

Seitdem die Gesundheitsmoral gesiegt hat, machen Raucher nicht mal mehr Sprüche, um ihre Sucht zu verherrlichen. Natürlich ist Rauchen durch nichts zu verteidigen, Raucher wissen das. Die ulkigen Warnhinweise auf den Packungen könnte man sich sparen. Rauchen ist vielleicht nicht das Allerdümmste und Gefährlichste, was Menschen tun können - aber es gehört in die Spitzenkategorie, irgendwo zwischen Saufen und Bungee-Jumping.

Raucher haben gelernt, sich in Demutsformeln auszudrücken, die zu den unwürdigen Orten passen, an die sie zum Rauchen geschickt werden. Doch genau im Schwachsinnigen liegt eben auch die Lust. Das Exzessive macht seinen Reiz aus, eben das Bewusstsein, etwas Schlechtes zu tun. Manchmal wird so etwas wie Entspannung oder Genuss ins Feld geführt, wenn es um die guten Eigenschaften von Zigaretten geht. Das sind natürlich Karnevalsargumente, genau so wenig haltbar wie der Hinweis, man könne auch ohne Alkohol lustig sein. Selbstverständlich kann man ohne Alkohol lustig sein, nur halt nicht so hysterisch lustig wie mit. Man trinkt ja, um betrunken zu sein, um sich zu enthemmen, um Grenzen zu überschreiten. Aus ähnlichen Gründen wird geraucht.

Nichtraucher müsste man eigentlich als Atmer bezeichnen

Deswegen kann man die Welt auch nicht in Raucher oder Nichtraucher unterscheiden, allein schon weil es die zweite Menschengruppe gar nicht gibt. Den Nichtraucher müsste man genau genommen als Atmer bezeichnen. Atmen taugt allerdings nicht als Distinktionsmerkmal.

Die Auseinandersetzungen über das Rauchen ähneln eher denen zwischen Veganern und Fleischessern. Wer vegan isst, nicht raucht und regelmäßig Sport macht, nimmt den Standpunkt ein, den die Grünen in den Neunzigerjahren anboten: Er gewinnt Deutungshoheit in Moralfragen. Er hat recht. Es gibt Menschen, die finden das attraktiv, sie halten es quasi für eine Bürgerpflicht, das ihnen geschenkte Leben pfleglich zu behandeln. Raucher hingegen entscheiden sich mehr oder minder bewusst dafür, fehlbar zu sein und Selbstoptimierung gegen weniger Lebensjahre zu tauschen. Eine sehr persönliche Entscheidung, die man schwer in Kategorien wie richtig oder falsch diskutieren kann.

Deutschland war übrigens früh sehr weit vorne dran, was den Kampf gegen das Rauchen angeht. Schon im Dritten Reich finanzierte die Regierung Anti-Rauch-Kampagnen und verbot das Rauchen an öffentlichen Plätzen. Hitler war ein militanter Rauchgegner - was einen Raucher nicht zu einem besseren Menschen macht. Oder zu einem klügeren. Eventuell aber zu einem sympathischeren.