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Universitätsklinikum Schleswig-Holstein:Gefährliche Keime in Kiel

Uni-Klinikum Schleswig-Holstein

Das Universitätsklinikum in Kiel hat zwei Intensivstationen geschlossen, zur Sicherheit.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)
  • Im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel grassiert ein aggressives Bakterium, das sich nur schwer behandeln lässt. Es ist gegen vier Antibiotikagruppen resistent.
  • 14 Patienten sind derzeit infiziert, fünf sind bereits gestorben.
  • Offenbar hat ein Patient den Erreger aus dem Ausland eingeschleppt.
  • Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisiert das Klinik-Management.

Von Christina Berndt

Ein paar Tage lang dachten die Ärzte im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel, sie hätten die Situation wieder unter Kontrolle. Doch dann griff der Keim weiter um sich: 14 Patienten im UKSH sind derzeit mit einem aggressiven Bakterium infiziert, das sich nur schwer behandeln lässt, teilte der Vorstand für Krankenversorgung des Klinikums, Jens Scholz, am Freitag der Presse mit.

Die Patienten seien zwischen 25 und 80 Jahre alt. Weitere fünf Patienten, die den Keim in sich trugen, sind inzwischen verstorben. Ob das Bakterium sie das Leben gekostet hat oder ob diese Patienten wegen der Beschwerden, die sie ins UKSH gebracht hatten, verstarben, kann derzeit niemand sagen. Denn alle Betroffenen lagen auf einer Intensivstation des Klinikums; sie waren also schwer krank.

Der Keim namens Acinetobacter baumannii ist international ein gefürchteter Krankenhauskeim. In deutschen Kliniken kommt das Bakterium, das üblicherweise in der Erde und im Wasser lebt, eher selten vor. Offenbar hat ein Patient den Erreger ins UKSH eingeschleppt, der inzwischen verstorben ist. Der Mann war am 11. Dezember 2014 aus einem Krankenhaus "im Mittelmeerraum", so das UKSH, nach Kiel verlegt worden.

Schnell infizierten sich weitere Patienten. Am 24. Dezember informierte das Klinikum das Gesundheitsamt. Dann besserte sich die Lage: Am 3. Januar wurden keine Neuinfektionen mehr entdeckt, bevor plötzlich eine zweite Ausbruchswelle begann. Woher die Erreger diesmal kamen, ist ungeklärt.

Gegen vier verschiedene Antibiotikagruppen resistent

Inzwischen hat das UKSH drastische Maßnahmen ergriffen. Um eine weitere Ausbreitung des Keims zu verhindern, seien zwei Intensivstationen geschlossen worden, hieß es am Freitag. Zudem sei der Campus "bis auf weiteres von der Aufnahme künstlich beatmeter internistischer Notfallpatienten abgemeldet".

Womöglich müssten große Operationen verschoben werden, weil es jetzt nicht mehr genügend Kapazitäten auf den Intensivstationen gebe. Die 14 derzeit infizierten Patienten im UKSH würden "zur Eindämmung des Infektionsrisikos strikt isoliert", teilte das Klinikum weiter mit.

Die Therapie der Betroffenen stelle "eine besondere Herausforderung dar", sagte Klinikumsvorstand Scholz. Denn der Kieler Keim ist gleich gegen vier verschiedene Antibiotikagruppen resistent, kann also mit diesen Medikamenten nicht mehr abgetötet werden.

Im Fachjargon handelt es sich daher um ein 4-MRGN, wobei MRGN für "multiresistentes gramnegatives Stäbchen" steht. Derzeit wird mit einem umfassenden Screening geprüft, ob es weitere Keimträger im Klinikum gibt. Auch werden Räumlichkeiten und Geräte "gründlich desinfiziert", so das UKSH.

Denn die Bakterien werden über Gegenstände und Körperkontakt übertragen und auch über die Luft.

Manche Patienten haben die Infektion auch schon überstanden

Wie andere Krankenhauskeime auch tötet das Kieler 4-MRGN keineswegs jeden Menschen, den es infiziert. "Manche unserer Patienten haben die Infektion bereits überstanden und sind gesund entlassen", betonte Kliniksprecher Oliver Grieve.

Einem Schwerstkranken kann eine solche Infektion aber den Rest geben, weil 4-MRGN vor allem bei immungeschwächten Menschen Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Blutvergiftungen auslösen kann. Auch deshalb lässt sich schwer beurteilen, ob die Todesfälle auch ohne das Bakterium eingetreten wären.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz übte scharfe Kritik: "Das Uni-Klinikum Kiel scheint beim Management von multiresistenten Keimen überfordert zu sein", sagte Vorstand Eugen Brysch. Offenkundig hätten die ersten Maßnahmen gegen den Keim nicht ausgereicht. Brysch zufolge sterben in Deutschland pro Jahr 40 000 Menschen an Krankenhauskeimen. "Davon wären 20 000 durch Hygiene vermeidbar", meint er.

© SZ vom 24.01.2015/frdu
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