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Türkei:Warum sich Ankara und Istanbul um einen Turm streiten

Bild wie aus Tausendundeiner Nacht: Galata-Turm mit Mond in Istanbul.

(Foto: Emrah Gurel/AP)

Der Galata-Turm ist eine der Hauptattraktionen von Istanbul. Jetzt verlangt die Regierung in Ankara Hoheit über das Bauwerk - wegen eines ehrgeizigen Bauprojekts.

Schön ist er wirklich nicht. Aber wuchtig und in den Grundfesten unerschütterlich, das ist er schon. Der Galata-Turm mit seinen drei Meter dicken Außenmauern und seinem blechernen Gandalf-Hut hat in den gut fünfzehnhundert Jahren seiner Geschichte Kriege, Belagerungen, Eroberungen, Erdbeben, Brände, die Pest und den Einfall der modernen Touristenhorden überstanden - bis zum Corona-Ausbruch engagierten sie ihn rund um die Uhr als wichtigsten Nebendarsteller wahrer Selfie-Orgien. Da wird das klobige Bauwerk, welches das inoffizielle Wahrzeichen von Istanbul ist, wohl auch noch das Gezänk zwischen der Regierung in Ankara und der Stadtverwaltung der Metropole überstehen.

Obwohl. Wer im Recht ist in dem Streit, lässt sich schwer sagen. Die Zentralregierung in Ankara, besser gesagt das Ministerium für Kultur und Tourismus, besteht jetzt jedenfalls auf der Oberaufsicht über den Turm. Das hat Kulturminister Mehmet Nuri Ersoy zwar schon vor einiger Zeit eingeklagt, denn er hat große Pläne: "Wir bereiten seit Langem das Projekt einer Beyoğlu-Kulturstraße vor." Diese Kulturstraße soll vom neuen Galata-Kreuzfahrtschiffhafen am Bosporus - noch nicht eröffnet, wegen Corona - über den Galata-Turm bis zum Taksim-Platz als Herz des Ausgehstadtteils Beyoğlu führen. Doch dann war lange Zeit keine Rede mehr davon. Der Minister aber war die Strecke am Jahresanfang sogar persönlich abgelaufen, mit Medienbegleitung. Der Istanbuler Architekturkritiker und Kolumnist Hakkı Yırtıcı zeigt sich bis heute ziemlich überrascht von der Idee einer "Kulturstraße": "Vor dem theatralischen Auftritt des Kulturministers am Jahresanfang hatte ich davon noch nie irgendetwas gehört."

Scharnierstück in den Plänen

Der Galata-Turm selbst wird derzeit noch von der Stadt Istanbul betrieben. Die liegt mit der Zentralregierung politisch ohnehin in fast allen Fragen im Kleinkrieg. Der Turm aber ist für die Stadt ein touristisches und finanzielles Kleinod, der Balkon unter dem kegelförmigen Dach gilt als bester Aussichtspunkt über die Metropole und den Bosporus und der sensationelle Blick entschädigt für die quälend lange Wartezeit am Fuß des neunstöckigen Baus und für das Essen im Turmrestaurant. Rund um den Turm drängen sich Teegärten, Restaurants und Imbissbuden, der Rummel beginnt schon vormittags und endet weit nach Mitternacht: Der Turm ist ein Touristenmagnet. Jedenfalls war er das vor Corona. Aber auch in einer Zukunft mit Social Distancing dürfte der Turm seine Attraktion als Ausguck und Selfie-Kulisse behalten.

Doch der Galata-Turm ist offensichtlich Scharnierstück in den ambitionierten Plänen der Zentralregierung: Sie will im ehemals europäisch dominierten Istanbuler Stadtteil Beyoğlu einen großen zusammenhängenden Kultur- und Erlebnisraum schaffen: ein zweites Istanbul also neben dem klassischen Touristenziel rund um die Hauptattraktionen Hagia Sophia und Blaue Moschee am gegenüberliegenden Ufer des Goldenen Horns. Und das soll von den Touristen erlaufbar sein. Vom Galata-Turm soll die Kulturstraße weitergehen über die Fußgänger-, Shopping-, Fress- und Kulturmeile İstiklal zum Taksim-Platz. An diesem Platz, der als das "Herz der Türkei" gilt, wird derzeit ohnehin ein ambitioniertes Opern-und Kulturhaus gebaut: Das neue Atatürk-Kulturzentrum soll offenbar Herz und Abschluss der neuen Kulturmeile bilden.

Wobei der Begriff Kultur auch in Istanbul dehnbar ist: Zu befürchten ist, dass es nicht nur um Kultur, sondern ebenso um Konsum gehen wird. Architekturkritiker Hakkı Yırtıcı sagt voraus: "Das wird kein kosmopolitischer Raum, das wird eine Strecke für den touristischen Konsum." Die Stadtverwaltung jedenfalls hat die gerade erst erfolgte Aufforderung, die Turmverwaltung umgehend abzugeben, erst einmal von einem Gericht auf Eis legen lassen: Der Rechtsstreit könnte sich also hinziehen.

© SZ/moge/cat
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