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Tropensturm Harvey:Houston unter Wasser: Die neue Normalität

  • Überflutungen nach starken Regenfällen gehören in Houston zum Alltag.
  • Bauboom und unregulierte Stadtentwicklung tragen eine Mitschuld daran, dass die Wassermassen nicht mehr abfließen können.
  • Warum "Harvey" so viel Starkregen brachte - und der texanischen Metropole regelmäßig Ungemach droht.

Von Johannes Kuhn

Das Ausmaß der Zerstörung ist erschreckend, doch das Phänomen ist in Houston inzwischen gut bekannt. Sturm Harvey hat bereits die fünfte große Überschwemmung in der Stadt seit 2012 ausgelöst, die "Jahrhundertfluten" ereilen die viertgrößte Metropole der USA inzwischen fast jährlich.

Dafür ist allerdings nicht alleine die Lage am Golf von Mexiko verantwortlich. Mit durchschnittlich 24 Metern über dem Meeresspiegel hat Houston eine deutlich bessere Ausgangslage als andere Orte am Golf, die in möglichen Sturmgebieten liegen. Derzeit laufen viele Flüsse und Kanäle über und verwandeln Nachbarschaften in Seebecken, doch es gilt, was der damalige örtliche Hochwasserbeauftragte Mike Talbott vergangenes Jahr erklärte: "Ohne diese Kanäle würde die Gegend von jedem Regen überflutet werden, nicht nur von starken Regenfällen."

Wer die Überflutungen verstehen möchte, wird vor allem in der Geschichte der Stadt fündig. Daran, dass die viertgrößte Metropole der USA auf einem Sumpfgebiet steht, erinnert inzwischen nicht mehr viel. 6,4 Millionen Menschen leben im Großraum Houston, seit der Jahrtausendwende wächst die Bevölkerung zwischen 4 und 6 Prozent pro Jahr. Gerade Minderheiten zieht es die Öl- und Chemie-Industrie dominierte Boom-Region, viele Neubürger sind teuren Staaten wie Kalifornien oder New York entflohen.

Texas lockt die US-Amerikaner mit niedrigen Steuern und günstigem Wohnraum. Um diesen bereitzustellen, nimmt Houston seinen Slogan "Die Stadt ohne Limits" vor allem in der Stadtentwicklung und Regulierung ernst. Seit Jahrzehnten steht die Stadt für ungezügelte Freiheit für Bauherren und Geschäft. Was anderswo selbstverständlich ist, gilt in Houston traditionell als übergriffig: Anfang der Achtzigerjahre gab es sogar Gegenwehr, als der Stadtrat veranlasste, dass künftig Hausnummern an Geschäftsgebäuden anzubringen sind.

Flächennutzungspläne als Angriff auf die persönliche Freiheit

Entsprechend ist es keine Überraschung, dass Houston als einzige US-Metropole auf formale Flächennutzungspläne verzichtet. Mehrmals scheiterten Referenden und Stadtrats-Initiativen zur Einführung gelenkter Bebauung. "Gegner betonten, dass Flächennutzungspläne einen Angriff auf persönliche Freiheit, Privateigentum, Wirtschaftswachstum und den 'American Way of Life' seien", berichtete der Kritiker Barry Kaplan bereits 1980 über solch einen missglückten Versuch. An diesen Argumenten hat sich ebensowenig geändert wie an dem herausgehobenen Einfluss, den Bau- und Immobilienbranche auf die Stadtpolitik haben.

Das Wachstum Houstons und des umliegenden Bezirks Harris County wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit der Versiegelung von Böden und der Bebauung möglicher Flutzonen in der Nähe von Flüssen erkauft - alleine seit 2010 entstanden dort 7000 Wohneinheiten. Der Geowissenschaftler John Jacob, der die Feuchtbiotope in der Küstenregion untersucht, schätzt alleine zwischen den Jahren 1992 und 2010 den Bodenverlust auf etwa 30 Prozent der Gesamtfläche.

"Skrupellos" sei dies, erklärte er den Reportern von Pro Publica und der Texas Tribune, die vor einigen Monaten mit einer aufwändigen Recherche auf das Flut-Problem aufmerksam machten. Mit der Bebauung verschwindet das Präriegras, das mit seinen tiefen Wurzeln das Wasser besser versickern lässt. Zudem kann der versiegelte Boden den Regen nicht mehr in spontan gebildeten Teichen sammeln.

Flutwasser im Namen des Wachstums

Offiziell müssen Bauherren inzwischen versuchen, die Feuchtbiotope so stark wie möglich zu schonen. In der Praxis können sie allerdings auch einfach Umweltgebiete außerhalb der Stadt finanzieren und sich so von dieser Pflicht freikaufen. Zudem stellte eine Bundesbehörde im Jahr 2015 bei einer Stichprobe fest, dass mehr als die Hälfte der Bauprojekte gegen die Auflagen verstießen. "Im Namen des Wachstums haben wir uns selbst mit Flutwasser überschüttet", bilanzierte der Umwelt-Anwalt Jim Blackburn.

Längst sind inzwischen Viertel von Fluten betroffen, die nicht in ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten liegen. Eigentlich pragmatische Ideen wie die Nutzung niedriger Abschnitte der Stadtautobahn als Überlauf werden zum Problem: Bei Groß-Fluten erschweren die überschwemmten Straßen die Evakuierung, das Wasser nimmt wie in einem Kanal Fahrt auf und dringt so einfacher in andere Gegenden vor.

Dass die Stadt sich in den kommenden Jahren auf weitere Probleme einstellen kann, gilt als ausgemacht. Unabhängig davon, wie stark der Klimawandel einzelne Ereignisse wie Hurrikan Harvey beeinflusst, verzeichnet Houston bereits seit mehr als 30 Jahren eine starke Zunahme sintflutartiger Regenfälle.

Heißes Meer, heiße Luft und Starkregen

Houstons Industrie und die Todeszone im Golf

Bei all den überfluteten Wohnhäusern wird gerne vergessen, dass die Region der wichtigste amerikanische Standort für die Öl- und Chemie-Industrie ist. Entlang des Kanals, der Houston mit dem Golf von Mexiko verbindet, liegen zahlreiche Fabriken und Raffinerien, dazu der zweitgrößte Hafen der USA. Die Hurrikan-Katastrophe ist ausgeblieben, doch durch Fabrik-Abschaltung und Überflutungen erwarten Experten, dass größere Mengen Chemikalien ins Meer gelangen werden. Damit wird auch die so genannte "Todeszone" im Golf von Mexiko weiter wachsen - jenes sauerstofflose Gebiet, in dem keine Fische, Krustentiere oder Muscheln leben können. In diesem Jahr erreicht die Todeszone mit 23 000 Quadratkilometern (ungefähr die Fläche Mecklenburg-Vorpommerns) bereits ihre größte Ausdehnung seit Entdeckung des Phänomens. Für den Sauerstoffmangel werden vor allem Chemikalien in Flüssen wie dem Mississippi, darunter Nitrate aus der Fleischproduktion, verantwortlich gemacht.

Wenn die Lufttemperaturen steigen, können Regenwolken mehr Wasser aufnehmen, die dann stärker abregnen. Die Golfregion ist hierfür im Sommer ohnehin besonders anfällig, steigende Wassertemperaturen und ein steigender Meeresspiegel führen absehbar auch zu größerer Verdampfung und damit zu größeren Regenmengen.

Bereits im vergangenen Jahr erlebte die Region um Baton Rouge im benachbarten Staat Louisiana eine gewaltige Flut, weil ein prall gefülltes Regengebiet nicht nach Norden abziehen konnte und so tagelang Wasser über die gleiche Stelle ausschüttete. Ähnliches erlebt gerade der Süden von Texas, da der Sturm sich kaum von der Stelle bewegt.

Im Laufe des Dienstags soll sich Harvey Richtung Nordenosten drehen und der Regen an der texanischen Golfküste etwas nachlassen. Die Flut-Bilanz im Großraum Houston bisher: 10 Tote und 30 000 Menschen, die in Notunterkünften übernachten. Der Wiederaufbau wird viele Monate dauern.

© SZ.de/ees

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