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Sturm:"Harvey" - der Tropensturm, der bleibt

Tropensturm 'Harvey'

Nachbarn evakuieren eine ältere Frau in Friendswood, Texas.

(Foto: dpa)

Was macht Sturm "Harvey" so gefährlich? Warum wurde Houston nicht früher evakuiert? Und könnten die Schäden ähnlich hoch werden wie bei Hurrikan "Katrina"? Antworten zum Sturm in den USA.

Was ist "Harvey"?

"Harvey" ist der stärkste Wirbelsturm in den USA seit zwölf Jahren - und am Freitag auf Land getroffen. Eingestuft als Hurrikan der zweithöchsten Kategorie brachte er der Küste Sturm und Regen. Später wurde "Harvey" zwar herabgestuft und gilt aktuell nur noch als Tropensturm, er bringt aber weiterhin intensive Regenfälle.

Besonders problematisch: "Harvey" hat über dem am Ende des Sommers überdurchschnittlich warmen Golf von Mexiko eine Menge Feuchtigkeit aufgenommen - und er bewegt sich kaum. Auf wenigen hundert Quadratkilometern fällt deshalb anhaltend heftiger Niederschlag. Aktuell treibt der Sturm sehr langsam Richtung Meer, er werde aber voraussichtlich Mitte der Woche zurückkehren und noch mehr Regen bringen, meldet das Nationale Hurrikan-Zentrum der USA.

Welches Gebiet ist betroffen?

"Harvey" hat bislang vor allem den Südwesten von Texas verwüstet. 50 der 254 Bezirke des Bundesstaats sind von den Folgen des Sturms betroffen. Erhebliche Sturmschäden gab es insbesondere im Küstenort Rockport, wo der Hurrikan auf Land traf. Dort kam mindestens ein Mensch ums Leben. Im Großraum der Millionenstadt Houston macht nun vor allem der Regen den Menschen zu schaffen. Eine Karte der New York Times zeigt die betroffenen Gebiete, für die Donald Trump am Wochenende den Katastrophenfall ausgerufen hat.

An diesem Montag rief der US-Präsident auch für Louisiana den Katastrophenfall aus. Nun können Bundesmittel zur Behebung der zu erwartenden Schäden freigegeben werden.

Wie ist die Lage in Houston?

In der viertgrößten Stadt der USA steigen die Wasserpegel weiter dramatisch. Um einen Dammbruch zu verhindern, wurden zwei Wasserreservoirs vorsorglich geleert. Durch könnten weitere Häuser überflutet werden, warnten die Behörden und rieten Bewohnern, ihre Wohnungen zu räumen. Auch entlang des Brazos Rivers drohte das Wasser über die Deiche zu treten. Die Behörden ordneten deshalb für die südwestlichen Vororte Zwangsevakuierungen an.

Die Infrastruktur in der Millionenmetropole ist weitgehend zusammengebrochen: Viele Straßen sind nur noch mit Booten befahrbar, der Flugbetrieb an den beiden Flughäfen ist eingestellt, mehrere Krankenhäuser mussten evakuiert werden, der Schulunterricht ist bis auf Weiteres abgesagt.

In der Stadt leben etwa 2,3 Millionen Menschen, in der Metropolregion mehr als sechs Millionen. Houstons Bürgermeister Sylvester Turner steht in der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, zu spät mit der Evakuierung seiner Stadt begonnen zu haben. Turner weist dies zurück. Zahlreiche Menschen aus ihren Häusern hinaus auf die Straßen zu schicken, werde nicht leichtfertig angeordnet, sagte er vor Journalisten. Auch der Leiter der US-Katastrophenschutzbehörde, Brock Long, verteidigte die umstrittene Entscheidung der kommunalen Behörden. "Houston ist riesig", sagte Long. Es hätte mehrere Tage gedauert, die Stadt zu räumen.

Wie läuft die Evakuierung?

In Texas müssen voraussichtlich mehr als 30 000 Flutopfer in Notunterkünfte gebracht werden. An den Rettungseinsätzen beteiligen sich außer Feuerwehr und Polizei auch Tausende Nationalgardisten. Sie sind mit Booten und Hubschraubern im Einsatz. Tatsächlich gehen bei den Einsatzkräften zeitweise aber so viele Notrufe ein, dass sie nicht mehr hinterher kommen. Gerettet wird dann nur noch, wer sich in einer wirklich bedrohlichen Lage befindet. Ansonsten sind die Bewohner auf sich alleine gestellt. Die städtische Katastrophenschutzbehörde hat die Menschen aufgefordert, sich aufs Dach zu retten, wenn das oberste Stockwerk ihres Hauses nicht mehr sicher ist. Freiwillige werden zur Mithilfe aufgerufen.

Der Polizeichef von Houston, Art Acevedo, warnte Kriminelle davor, die Katastrophe auszunutzen. Mehrere Personen seien bereits wegen Plünderungen festgenommen worden.

Wie groß sind die Schäden?

Der texanische Gouverneur Greg Abbott geht davon aus, dass sich die Lage weiter verschlimmern wird. Schon jetzt würden die Schäden "in die Milliarden" gehen.

Über das konkrete Ausmaß sind sich die Versicherer uneins: Der Branchendienst Insurance Information Institute hatte unter Berufung auf Experten erklärt, die Schäden im Zusammenhang mit "Harvey" könnten ähnlich hoch liegen wie bei "Katrina" 2005. Es seien hauptsächlich Kosten wegen der zu erwartenden Regenfälle und Überschwemmungen zu erwarten, weniger wegen des Windes.

Die Rückversicherungsgesellschaft Hannover Rück geht dagegen davon aus, dass die Schäden deutlich unter denen von "Katrina" liegen werden. Die Kosten seien auch "weit entfernt" von denen bei "Sandy" im Jahr 2012, sagte eine Sprecherin des Rückversicherers. "Katrina" hatte die Branche knapp 80 Milliarden Dollar gekostet, "Sandy" 36 Milliarden Dollar.

"Harvey" hat nun auch die amerikanischen Raffinerie- und Förderanlagen an der Küste und im Golf von Mexiko in Mitleidenschaft gezogen. Am Montagmorgen zog als Folge der Benzinpreis an.

© sz.de/dpa/afp/ap/feko/ick
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