Trauerfeier in Köln 150 Kerzen gegen den Schmerz

In einer so bewegenden wie würdevollen Trauerfeier gedenken 1400 Gäste im Kölner Dom der Opfer des Germanwings-Absturzes. Auch für den Copiloten wurde eine Kerze aufgestellt.

Von Bernd Dörries, Köln

Es gibt kein richtiges Wetter für so einen Tag. Aber vielleicht eines, das nicht so recht passt, weil es zu schön ist für den Anlass. Die Sonne strahlt auf den Kölner Dom und den Platz davor.

In den vergangenen Tagen hat die Stadt die Baustellen aufgeräumt, die Bodenplatten abspritzen und einen Brunnen säubern lassen. Es war hier selten so sauber in den vergangenen Jahren. Gaukler stehen sonst vor den Portalen, Menschen, die für oder gegen etwas demonstrieren oder einfach ein wenig Geld wollen, dazwischen chinesische Touristen. An diesem Freitagmittag ist die Fläche vor dem Dom leer, abgesperrt von der Polizei. Die Leere macht die Kirche noch größer, als sie sonst schon wirkt.

Vor fast 800 Jahren haben die Kölner angefangen, die Hohe Domkirche St. Petrus zu bauen, die den Menschen einen Ort für ihren Glauben geben sollte. Die mit ihrer Größe und Pracht aber auch zeigen sollte, wie groß Gott ist und wie klein die Menschen. Die Baumeister wollten keinen Platz für den Zweifel lassen.

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen", sagt Kardinal Rainer Maria Woelki nun, der Kölner Erzbischof, in seiner Predigt. Es sind die letzten Worte Jesu auf dem Weg zur Kreuzigung. Es seien auch die Fragen, die sich diejenigen stellten, die zurückgeblieben sind, sagt Woelki. Die Frage nach dem Warum. "Ich kann Ihnen keine theoretische Antwort geben", sagt Woelki. Der Glaube stößt an seine Grenzen im riesigen Dom. Eine Viertelstunde haben die Messdiener gebraucht, um die große Kerze anzuzünden, die das ewige Leben symbolisiert.

Fast einen Monat ist es her, dass eine Maschine der Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen zerschellte, 150 Menschen starben. Aus Vätern, Müttern, Söhnen und Schwestern wurden Hinterbliebene. Viele von ihnen, fast 500, sind in den Kölner Dom gekommen, zum ökumenischen Gottesdienst und anschließenden Staatsakt. Die Spitze des Staates ist komplett vertreten, Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede, Bundeskanzlerin Angela Merkel sitzt in der ersten Reihe.

Auf der Treppe zum Altar stehen 150 Kerzen für die Opfer der Katastrophe vom 24. März. Darunter eine für den, der das Unglück verursacht hat.

(Foto: Friedrich Stark/AP)

Vor ihr stehen 150 Kerzen. Eine für jedes Opfer, eine für den, der sie zu Opfern machte. Die Kerze war umstritten, die katholische Kirche wollte sie aufstellen, Vertreter der Angehörigen sagten, das sei kein schönes Zeichen, weil man meinen könnte, ein Täter werde zum Opfer gemacht. Darum gehe es nicht, sagt Bundespräsident Gauck. "Auch seine Angehörigen haben einen Menschen verloren, den sie geliebt haben und der eine Lücke hinterlässt in ihrem Leben."

"Eine verstörende Vernichtungstat"

Sein Name fällt nicht an diesem Tag, der Bundespräsident sagt, man wisse nicht, was im Kopf des Copiloten vor sich gegangen sei, der das Flugzeug in einen Berg steuerte. "Wir sind konfrontiert mit einer verstörenden Vernichtungstat", sagt Gauck, und: "Wir erschrecken auch über das Böse, das sich hier gezeigt hat." Es ist kalt im Kölner Dom, der Kirche steckt der Winter noch in den Steinen. Seit 1400 Jahren beten die Menschen an der Stelle, an der heute der Dom steht und davor schon Gotteshäuser standen. Und genau so lange zweifeln und verzweifeln sie wahrscheinlich auch schon an dieser Stelle.

Etwa 1400 Trauergäste sind in den Dom gekommen, die meisten lange bevor die Trauerfeier um zwölf Uhr beginnt. Die Vertreter der Politik sitzen neben den Schülern aus Haltern, es ist absolut still; es ist eine Stille, die so gar nicht in diese Zeit passen mag. Kein Handy klingelt, die Szene wirkt wie ein Standbild. Es sind Minuten, in denen viele wahrscheinlich über den Tod nachdenken, der plötzlich da war. Dann schreit ein kleines Kind.

Ein Helfer überreicht Bundespräsident Joachim Gauck eine kleine Holzfigur. Es soll ein Zeichen der Anteilnahme für alle Familien der Verunglückten sein.

(Foto: Oliver Berg/AFP)

Auf den Bänken liegen kleine Engel aus Holz, die man mit den Fingern umgreifen kann. Halt sollen sie geben, sagen zwei Notfallseelsorger, als sie vorne am Altar sprechen. "Halten und gehalten werden, das knüpft ein Band zu denen, die an anderen Orten mit uns verbunden sind." Worte, die später mit dem Adjektiv "bewegend" versehen werden.

Der Dom aber, er wirkt wie starr vor Trauer. An seinen Rändern stehen Tragen und Rollstühle, zur Sicherheit, zwischendurch wird eine Frau von Samaritern gestützt hinaus begleitet. Am Altar steht eine junge Frau, die eine Fürbitte hält. Sie hat ihren Bruder verloren. Die Stimme ist brüchig, der Glaube aber noch nicht verschwunden. "Herr, ich bitte dich: Trockne unsere Tränen, stärke die schönen Erinnerungen und schenke uns allen neuen Lebensmut. Lass die Liebe inmitten der Trauer stärker sein als die Verzweiflung."

Helfer aus Frankreich, Hinterbliebene aus Spanien, Seelsorger aus Köln

Aus vielen Ländern sind die Menschen nach Köln gekommen, um gemeinsam zu trauern. Die Helfer aus Frankreich, die Hinterbliebenen aus Spanien, die Seelsorger aus Köln und die Beamten der Düsseldorfer Polizei, die noch ermitteln sollen, was vielleicht nie ganz erklärt werden kann: Warum jemand so etwas tut. Die Politik oder ein Teil davon hat in den vergangenen Wochen die üblichen Antworten gegeben, sie will neue Gesetze produzieren, Berufsverbote für Depressive erlassen. Es klang so, als hätten viele vergessen, dass es auch bisher schon verboten war, Menschen in den Tod zu fliegen. Es klang so, als müsse nur eine Lücke in einem Gesetz geschlossen werden, damit so etwas nie wieder vorkomme.

"Es gibt kein vollkommen kontrollierbares, zu hundertprozentiger Sicherheit führendes Leben", sagt Bundespräsident Gauck. "Wir alle sind im täglichen Leben auf Vertrauen angewiesen." Man müsse dem vertrauen, der einem im Auto entgegenkomme. Dem Koch, dessen Speisen man esse. Und eben dem Piloten.

Nicht weit von Gauck entfernt liegen seit vielen Jahrhunderten Gebeine, die den Heiligen Drei Königen zugeschrieben werden. Die Weisen aus dem Morgenland folgten einst einem Stern, der sie an ihr Ziel brachte. Der Bundespräsident sagt: "Ich wünsche uns einen Stern, der uns sicher und klar leitet durch die Dunkelheiten unseres Lebens."

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