Tierschutz Nordsee unter Strom

Der Einsatz von elektrischen Fangnetzen spart den Fischern Kosten. Die ökologischen Folgen dieser Fangmethode sind allerdings umstritten.

(Foto: Ton Koene/VWPics/laif)

Der Einsatz von elektrischen Netzen ist bisher nur wenigen Fischern erlaubt. Eine EU-Abstimmung könnte das jetzt ändern. Zwischen Umweltschützern und Unternehmern ist deshalb ein Streit entbrannt.

Von Thomas Hummel

Die Seezunge verabscheut den Tag, da buddelt sie sich gern in den sandigen Meeresboden ein und wartet auf den Sonnenuntergang. Der Fisch mag keine Helligkeit, denn ist er sichtbar, lebt er gefährlich in der Nordsee. Und wenn die Seezunge doch entdeckt wird von einem Feind, dann imitiert sie mit dem Aufstellen der Brustflosse das giftige Petermännchen, was die meisten Angreifer in die Flucht schlägt. Nur dem Menschen, dem kommt die Seezunge so nicht bei, da hilft auch kein Buddeln.

Der Mensch verkauft die Seezunge hochpreisig als Delikatesse, weshalb er sich einiges einfallen lässt, um sie zu fangen. Jetzt steht eine relativ neue Technik in der Nordsee kurz vor ihrem Durchbruch: Fischfang mit Strom. Dabei lassen die Fischer ein Netz mit Elektroden ins Wasser, stellen ein elektrisches Feld knapp über dem Meeresboden her, was die Tiere aufscheuchen soll - anschließend ist es ein Leichtes, sie mit einem Netz einzufangen.

Bislang lässt die Europäische Union nur fünf Prozent der Flotte eines Landes mit dieser Technik zu. Der Fischereiausschuss des EU-Parlaments votierte nun aber mehrheitlich für die Aufhebung dieser Beschränkung. Das Parlament soll im Januar darüber abstimmen, bevor der Rat und die Kommission darüber befinden. Je näher eine Entscheidung rückt, desto härter fallen die Debatten aus. Dabei geht es um Naturschutz, um Profit und um die Interessen der Mitgliedsstaaten.

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In Deutschland sind ein Dutzend Schiffe mit Elektronetzen in der Nordsee unterwegs, sieben davon gehören zur Fischerei-Genossenschaft Elsfleth bei Bremerhaven. "Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht", sagt Vorstandsvorsitzender Dieter Hullmann. Vor allem im Vergleich zur bisher herkömmlichen Fangart: Fischer montieren tonnenschwere Eisenstangen an die Schiffe und pflügen damit den Meeresboden um. Das ist brachial, führt zu erheblichen Schäden im Ökosystem und viel ungewolltem Beifang. Die Schiffe benötigen durch das Furchenziehen am Meeresboden enorme Mengen Treibstoff: Hullmann spricht pro Schiff von wöchentlich 30 000 Litern Diesel. Das Elektrofischen reduziert das um bis zu 50 Prozent, das ist gut für die Umwelt und schlägt sich erheblich in den Bilanzen nieder.

In den Niederlanden unterstützt die Regierung die Elektrofischerei seit Jahren. Über sogenannte "Pilotprojekte" stockten sie die Flotte inzwischen auf mehr als 80 Schiffe auf, Hullmann findet, die Nachbarn hätten sich die zahlreichen Umrüstungen "ermogelt". Da pro Schiff eine Investition von circa 250 000 Euro nötig ist, gebe es dort gar kein Zurück mehr, "das ist wirtschaftlich gar nicht möglich", sagt er. Entsprechend eindeutig pro Elektrofischerei treten die Niederländer in der EU auf. Während vor allem Franzosen und Briten stark dagegen sind - ihre Flotten sind fast durchweg mit der alten Ausrüstung unterwegs. Sie fürchten den Vorteil der Niederländer mit ihrer effizienteren Fangmethode.

In China sollen mit dieser Methode bereits ganze Seegebiete leergefischt worden sein

So kursierten zuletzt drastische Berichte von englischen Fischern in den Medien. Es sei wie Fischen in einem Friedhof, nachdem die Elektroboote da gewesen seien, sei alles tot. Nie hätten sie so viele tote Fische gefangen. Die Anti-EU-Partei Ukip nutzte die Darstellungen, um die Vorteile des Brexit zu betonen, weil dann die englischen Gewässer und Fischer geschützt werden könnten. Die Aussagen fördern zudem Bedenken, dass manch einer zu viel Volt in die Netze schießt, um seinen Fang zu erhöhen. Aus China gibt es Berichte, dass so ganze Seegebiete leergefischt wurden. "Wenn sie da voll reingehen, dann bleibt nicht viel übrig", erklärt Peter Breckling, Geschäftsführer vom Deutschen Fischerei-Verband. Die Muskeln der Fische krampften sich so stark zusammen, dass Blutungen und Knochenbrüche entstünden.

Für Dieter Hullmann ist das alles "Küstenklatsch". Bei den Schiffen seiner Genossenschaft seien die gefangenen Fische an Deck alle quicklebendig, schließlich müsse der Fischer darauf achten, dass der Fisch sich nach dem Elektroimpuls noch bewege, um ihn auch fangen zu können. Außerdem gebe es eine Fangquote der EU, die penibel überprüft werde. In einem ist sich Hullmann aber sogar mit Björn Stockhausen von der Umweltschutz-Organisation Seas At Risk einig: Bevor man die Elektrofischerei generell freigibt, müssten erst unabhängige wissenschaftliche Studien zu den Auswirkungen bereitstehen. "Wir sollten neue Fangmethoden nur dann genehmigen, wenn sie geringere Auswirkungen auf die Meeresumwelt haben als die bisherigen", sagt Stockhausen.

Die deutschen Krabbenfischer im Wattenmeer sind gegen die Elektrofischerei. Bei Krabben gibt es keine EU-Fangquote, stattdessen ist die Größe der Flotte begrenzt. Käme hier die gerade bei den Krebstieren viel effektivere Stromfischerei, könne sich schnell eine verheerende Überfischung einstellen.

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