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Tierquälerei in Tirol:Vom Töten mit und ohne Ehre

Jäger im Wald

111.000 Jäger dürfen in Österreich jagen, weitere 12.000 erhalten jedes Jahr eine Gastkarte.

(Foto: dpa)

Ein Russe soll während einer Jagd in Tirol eine Gams gequält haben. Das Video dazu war auf Youtube zu sehen und erregt nun das Land der ansonsten passionierten Jäger.

Die Gams soll auf den Rücken gedreht werden, auf der weichen Seite lässt sie sich besser schleifen, aber sie wehrt sich, versucht vergeblich, sich wieder zurückzudrehen, sie zuckt und wirft ihren schlanken Körper hin und her. Keine Chance; ein Mann im klassischen Jagdgrün mit breitkrempigem Hut zwingt das angeschossene, blutende Tier zurück auf den Rücken, greift sich die Hinterbeine, schleudert die Gams wieder und wieder hart auf das Geröllfeld und zerrt sie schließlich minutenlang über spitze Steine gen Tal. Das Tier hinterlässt auf seinem Weg in den Tod eine breite Blutspur; erst Minuten später tritt ein zweiter Mann dazu und tötet das Wild mit einem Messer. Die Szenerie: das Scharnitzjoch bei Leutasch in Tirol. Der Jäger: Nach ersten Ermittlungen der Innsbrucker Staatsanwaltschaft ein Russe mit Gastjagdkarte. Der Vorwurf: Tierquälerei.

Das Video, auf dem die Jagdszene zu sehen ist, erregt ganz Österreich. Nachdem es Tierfreunde auf Youtube entdeckt und voller Verbitterung kommentiert hatten, machte das Filmchen eine rasante Netzkarriere, bevor es von der Plattform entfernt wurde. Allein, die Frage: Warum tun Jäger so etwas und wer kontrolliert, ob Jäger sich ethisch verhalten - sie war in der Welt.

Jägerverband verurteilt "barbarisches Vorgehen"

Der Tiroler Jägerverband versuchte umgehend, die Tatbeteiligten zu identifizieren, nachdem offenbar eine deutsche Touristin das Geschehen gesehen und angezeigt hatte; ersten Recherchen zufolge handelt es sich bei dem Jäger um einen russischen Jagdgast, dem dann später auch der blutige Gamsbart als Trophäe überreicht worden war. Der Verband spricht von einem "barbarischen Vorgehen", Landesjägermeister Anton Larcher sagte, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, "dass jemand, der so agiert, nie mehr in Tirol jagen wird". Den Jagdpächter habe man noch nicht mit dem Vorfall konfrontieren können. Der Jägerverband will die Beteiligten einem Disziplinarverfahren unterziehen, die Bezirkshauptmannschaft wurde vom Landesjägermeister aufgefordert, den Betroffenen die Jagdkarte auf Lebenszeit zu entziehen.

Etwa 111.000 Jäger übten, wie es auf der Webseite der Zentralstelle der Österreichischen Jagdverbände leicht holprig heißt, "flächendeckend die Jagd aus", etwa 12.000 Gastkarten würden jährlich ausgegeben. Wer beweisen kann, dass er in seiner Heimat ein Jagdrecht habe, der darf auch in Österreich mit Gastkarte zwei Wochen lang jagen. Eigentlich sei es Usus, heißt es, dass ein Jagdschützer, von denen es 20.000 im Land gebe, überwache, ob Jäger sich an gesetzliche und ethische Grundlagen hielten; in diesem Fall allerdings sei keiner dabei gewesen.

Im Land der passionierten Jäger ist eine Debatte über den Sinn der Jagd an sich und mögliche Fälle von Tierquälerei allerdings eher selten. Kritischer wird da schon die Frage politischer Korruption durch Jagdeinladungen gesehen. Gerade weil das Jagen als Freizeitbeschäftigung reicher Eliten gilt und die Preise für Abschüsse schon mal Tausende Euro ausmachen, hatte sich in den vergangenen Jahren eine höchst problematische Praxis etabliert: Unternehmen wie die Telekom Austria luden regelmäßig Wiens wirtschaftliche und politische Elite auf Jagdausflüge, zu Jagdbällen und Jagdstammtischen ein, am allerliebsten beim gut gelaunten Lobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly. Nach dem neuen Antikorruptionsgesetz soll das nun tabu sein.

Auch Tirols Landeshauptmann Günter Platter (ÖVP) musste sich für Gamsjagden auf Einladung durch befreundete Unternehmer rechtfertigen. Damit das anderen nicht passiert, gibt die Tiroler Landesjagd, die im Besitz des Landes ist, "exklusives Brauchtum" pflegt und "Ehrenabschüsse" anbietet, die Namen ihrer Gäste lieber erst gar nicht preis.

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