Tiere:"Schnaubt ein Wildschwein durch die Nase, sollte man aufpassen"

Großstadtdschungel Berlin

Süß? Oder doch gefährlich? Deutsche Wildschweine.

(Foto: Gregor Fischer/dpa)

Im Herbst kommt es häufig zu Begegnungen zwischen Mensch und Wildschwein. Experte Frank Siegwarth erklärt, warum die Tiere sich immer stärker vermehren, wie man sich verhalten und auf welche Laute man achten soll.

Interview von Thomas Hummel

Herbst ist Wildschwein-Zeit. Weil die Tiere auf Futtersuche sind, treffen sie nun häufiger auf Menschen. Sie gelten als raubeinig und angriffslustig, und so geraten Personen angesichts der durchaus imposanten Schweine nicht selten in Panik. Frank Siegwarth aus Völklingen im Saarland will den schlechten Ruf der Wildschweine korrigieren. Deshalb hat er 2005 die Internetseite wildschweine.net programmiert, auf der zahlreiche Informationen zu den Tieren zu finden sind. Der 50-Jährige ist IT-Fachmann in der Verwaltung. Wildschweine sind sein Hobby, seine Leidenschaft.

SZ: Herr Siegwarth, Sie bieten auf Ihrer Internetseite Audio-Dateien an, auf denen Wildschweine zu hören sind. Dazu erklären Sie, was das Gegrunze bedeutet. Zum Beispiel bedeutet dort ein Schwein seinen Kameraden: 'Ich bin da, mir geht es gut und ich kann euch leiden.' Sprechen Sie wildschweinisch?

Frank Siegwarth: Wenn man viel mit Wildschweinen zu tun hat, ist das möglich. Sie verfügen über mehrere Laute, zum Beispiel für Hunger, Schmerz, Suchen, Warnen, Alarm oder für die Werbung um das andere Geschlecht. Das ist erlernbar. Man wird aber selbst nie wie eine Wildsau quieken können (lacht).

Wenn ein Mensch im Park oder im Wald einem Wildschwein begegnet, bei welchen Lauten muss er sich in Acht nehmen?

Wenn ein Schwein durch die Nase schnaubt, dann sollte man aufpassen. Man spricht hier auch von Blasen. Es heißt so viel wie: 'Du stehst bei mir im Wohnzimmer, komm nicht näher!'

Ist Ihnen das schon passiert?

Schlimmer. Ich bin einmal als Fußgänger im Wald um einen Busch gegangen und stand plötzlich vor einer Rotte. Die Anführerin schnaubte und startete einen Scheinangriff.

Einen Scheinangriff?

Sie ist auf mich zugerannt, schlug einige Meter vor mir einen Haken und drehte um. Das hieß so viel wie: 'Letzte Warnung! Mach, dass du wegkommst!'

Wie haben Sie reagiert?

Ich bin langsam in die andere Richtung gegangen und habe währenddessen ruhig gesprochen. Die Schweine sind dann verschwunden. Die wollen nämlich auch keinen Streit.

Demnach haben Sie sich richtig verhalten.

Wenn man Wildschweinen begegnet, sollte man ruhig bleiben und so tun, als wäre alles ganz normal. Dann am besten ohne Hast von den Tieren wegbewegen. Wichtig ist, dass man sie nie in die Enge treibt und ihnen eine Fluchtmöglichkeit offen lässt. Ein Wildtier greift nicht ohne Grund an, und diesen Grund darf man ihm halt nicht geben.

Tiere: Für Frank Siegwarth sind Wildschweine ein Hobby. Er will den schlechten Ruf der Tiere korrigieren.

Für Frank Siegwarth sind Wildschweine ein Hobby. Er will den schlechten Ruf der Tiere korrigieren.

(Foto: privat)

Gibt es auch kritische Situationen?

Manchmal rennen Wildschweine aus Versehen auf Menschen zu. Sie wittern Gefahr, weil sie sehr gut hören und riechen. Da sie aber schlecht sehen, wissen sie nicht genau, wo der vermeintliche Gegner ist. Da hilft lautes Rufen, in die Hände klatschen, sich bemerkbar machen. Gefährlich wird es eigentlich nur, wenn ein Tier verletzt ist. Manche werden von Autos angefahren oder vom Jäger angeschossen. Da weiß niemand, wie das Wildschwein in seiner Verzweiflung reagiert.

Wildschweine werden oft als angriffslustige Rowdys beschrieben, mit ihren Zähnen können sie auch Menschen schwer verletzen.

Bei ausgewachsenen Keilern würde ich schon vorsichtig sein, die Zähne sind tatsächlich messerscharf. Doch allgemein sind Wildschweine eine anpassungsfähige und clevere Tierart, der oft Unrecht getan wird. Sie sind sehr wehrhaft, aber keineswegs aggressiv. Es ist nicht die tobsüchtige Saubande, die auf Krawall gebürstet ist.

Woher kommt das schlechte Ansehen?

Da tragen auch die Medien dazu bei. Man liest eigentlich nur Negatives über Wildschweine. Daher ist der Ruf schlecht und die Lobby gleich null.

Gerade im Herbst nähern sich Wildschweine häufiger Stadt- und Ortsgrenzen. Begegnungen mit Menschen scheinen in vielen Gegenden unvermeidbar.

Die Population der Wildschweine in Deutschland nimmt zu, die Tiere suchen nach Raum und Nahrung. Doch das ist eines von Menschen gemachtes Problem.

Wie meinen Sie das?

Der Mensch hat die natürlichen Feinde der Wildschweine praktisch ausgerottet. Hier und da kehrt der Wolf zurück, aber das reicht keineswegs aus, um die Population der Schweine zu regulieren. Es bleiben der Uhu, das Habicht-Weibchen und der Fuchs, die vielleicht mal einen Frischling erlegen können. Der Hauptfeind der Wildschweine ist heute der Mensch, durch die Jagd und den Straßenverkehr.

Laut Jagdverband wurden im Laufe des Jagdjahres 2015/16 in Deutschland 610 000 Wildschweine abgeschossen, 90 000 mehr als im gleichen Zeitraum davor.

Und dennoch werden es immer mehr, unter anderem deshalb, weil falsch gejagt wird. So reguliert die Leitbache (eine Art Chefin der Rotte; Anm. d. Red.) die Fortpflanzung innerhalb der Gruppe, sie entscheidet, wann die Keiler zur Paarung kommen dürfen. Wird sie abgeschossen, gerät die Rotte aus dem Gleichgewicht, die Weibchen paaren sich dann oft zwei oder drei Mal im Jahr, was zu mehr Nachwuchs führt. Oder das Problem der großen Treibjagden: Jäger, die sich nicht an die Spielregeln halten, schießen auf alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Das merken sich die Wildschweine und wandern in Richtung der Siedlungsgebiete, denn dort darf nur mit Sondergenehmigung in Ausnahmefällen geschossen werden.

Dennoch graben Wildschweine Felder und Gärten um und richten Schaden an.

Auf meinen Vorträgen in der Volkshochschule erkläre ich den Zuhörern, wie man einen wildschweinsicheren Zaun baut. Doch stattdessen gibt es Menschen, die die Tiere sogar anlocken: Bei uns in Völklingen machten sich Leute mancherorts einen Spaß daraus, die Tiere mit Essensresten und Fallobst zu füttern. Auch Ratten und Füchse kamen deshalb dorthin. Die Tiere gewöhnen sich schnell an eine solch leicht erreichbare Nahrungsquelle. Sie kehrten regelmäßig zurück.

Und sind dort auf Menschen getroffen, die einen ordentlichen Schreck kriegten.

So etwas führt oft zu unliebsamen Begegnungen. Hier in der Gegend hat mal jemand Essensreste regelmäßig aus einer Plastiktüte über seinen Zaun auf die Wiese geworfen für die Wildschweine. Für die Tiere war Tütenrascheln bald ein Signal für Futterzeit. Dann fuhr ein Radfahrer nach dem Einkaufen mit Plastiktüten über einen Waldweg, die Tiere hörten das Rascheln und liefen hinter dem Radfahrer her. Der geriet in Panik, während sich die Tiere wunderten, warum sie nichts zum Fressen kriegten.

Was könnte der Mensch tun, um die Wildschwein-Population zu begrenzen?

Das ist pauschal schwierig zu beantworten. Durch die Energiewende zum Beispiel bauen Bauern heute Mais auf riesigen Feldern an, das sind ideale Verstecke und Nahrungsquellen für Wildschweine. Ein Jäger hat hier kaum die Chance einer zielgerichteten Bejagung. Diese Felder müsste man anders gestalten, doch wer will das? Generell wäre es gut, wenn der Mensch einen Weg findet, wie er die Welt mit anderen Lebewesen teilen kann. Auch mit Wildschweinen.

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