Gestrandete Wale in Tasmanien:Das große Walsterben

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Gestrandete Wale in Tasmanien: Ein Retter übergießt einen der gestrandeten Wale mit Wasser. Für viele der Tiere kommt aber jede Hilfe zu spät.

Ein Retter übergießt einen der gestrandeten Wale mit Wasser. Für viele der Tiere kommt aber jede Hilfe zu spät.

(Foto: Australian Broadcasting Corporation/AP/dpa)

In Tasmanien sind mehr als 200 Grindwale gestrandet, schon wieder, wie bereits vor zwei Jahren. Die meisten sind bereits tot, Helfer versuchen verzweifelt, die lebenden zu retten. Warum verirren sich die Tiere immer wieder dorthin?

Von Anna-Lena Jaensch

Als die Bilder von den gigantischen Leibern öffentlich werden, die sich über den sandigen Grund wälzen, wirkt das wie ein Sprung zurück in der Zeit. Als wäre Tasmanien wieder im September 2020 gelandet, als etwa 470 Grindwale in der flachen Macquarie-Bucht im Westen der Insel strandeten und von Expertinnen und Aktivisten zurück ins Meer geschoben, gezogen, geschwemmt werden mussten. Genau zwei Jahre sind seitdem vergangen. Die Bucht ist dieselbe, und die Tragödie heute gleicht der von 2020.

Etwa 230 Grindwale sind es dieses Mal, die am Strand der Macquarie-Bucht und des Ocean Beach liegen, nur noch 35 sind nach Angaben des Park- und Wildtierdiensts von Tasmanien noch am Leben. Warum sind erneut Massen von ihnen gestrandet?

"Grindwale haben einen starken Gruppenzusammenhalt", erklärt Helena Herr. Sie ist Meeresbiologin und erforscht an der Universität Hamburg, wie Meeressäuger geschützt werden können. Wale seien meist in sogenannten Schulen unterwegs, also in größeren, meist familiären Verbänden, erklärt Herr. Das Leittier der Gruppe sei in der Regel eine ältere Walkuh, die vorgebe, in welche Richtung die Gruppe schwimmt. "Zu Massenstrandungen kommt es meist, weil das Leittier die Schule bewusst oder unbewusst in flache Gewässer oder Buchten bringt", sagt die Biologin.

Eine Art Selbstmordkommando?

Dass in Tasmanien, einer zu Australien gehörenden Insel, nun erneut eine so große Gruppe an Walen gestrandet ist, könne verschiedene Ursachen haben. Das Leittier könne den Orientierungssinn verloren haben, möglicherweise durch eine Schädigung des empfindlichen Gehörs durch Schallwellen, wie sie beispielsweise bei militärischen Operationen entstehen. Auch eine Art Selbstmordkommando lasse sich in der Tierwelt nicht ausschließen: "Die Wale folgen ihrem Leittier bis in den Tod", sei dieses krank oder verletzt, könne dies Auswirkungen auf die gesamte Gruppe haben, erklärt Herr.

Da es an der Küste Tasmaniens schon zuvor Massenstrandungen von Walen gab, vermuten viele Expertinnen und Experten außerdem, dass die Klimaphänomene La Niña und El Niño eine Ursache des Problems sein könnten. Durch eine Veränderung der Wassertemperaturen entstehen neue Strömungen, durch die kleinere Meeresbewohner in andere, ungewohnte Gebiete treiben. Die Wale folgen ihrer Beute - und finden sich plötzlich in flachen Gewässern wieder.

In Tasmanien wird nun die Rettung der noch lebenden Wale geplant. Sie werden mit nassen Tüchern bedeckt und auf riesige Planen gewälzt. Über die Sinnhaftigkeit solcher Rettungsaktionen gibt es allerdings kontroverse Diskussionen. "Wie viele Wissenschaftler bin ich der Meinung, dass der Mensch nicht in die Tierwelt eingreifen sollte, wenn es sich um einen natürlichen Selektionsprozess handelt", erklärt Meeresbiologin Herr. Es sei der Lauf der Natur, dass schwächere Tiere aussortiert werden. "Anders ist es aber, wenn die Probleme der Tiere menschengemacht sind - haben wir das Leid verursacht, sollten wir auch alles versuchen, um es zu lindern." Auch wenn die Erfolgsquote gering ausfalle.

Durch den starken Sozialtrieb der Grindwale ist dies aber gar nicht so . 2020 überlebten bei der Massenstrandung an der tasmanischen Küste nur 111 der 470 Tiere. Die Helferinnen und Helfer stellten damals fest, dass einige der Wale, die sie mit großem Aufwand ins Wasser brachten, nach ihrer Rettung wieder an die Küste schwammen. Angelockt durch die Klicklaute ihrer in Not geratenen Artgenossen kehrten sie zurück - und strandeten erneut.

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