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Prozessauftakt im Fall Susanna F.:Flucht nach Frankreich

Beim ersten Mal, so Ali B.s Version, habe Susanna Sex mit ihm abgelehnt, beim zweiten Mal aber habe sie zugestimmt. Hinterher, als sie sich aus einem Gebüsch auf den Heimweg machen wollten, sei das Mädchen hingefallen, habe sich am Gesicht verletzt. Sie sei verärgert gewesen, laut geworden, habe zur Polizei gehen wollen. Man habe sich erneut hingesetzt und gesprochen. Schließlich habe er ihr seinen Arm um den Hals gelegt. "Dann wurde es schwarz vor meinen Augen. Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte", übersetzt der Dolmetscher Alis Worte. Richter Jürgen Bonk will wissen, warum der Angeklagte das Mädchen tötete. Die Antwort: "Ich weiß es nicht."

Ali B. erzählt dann noch, wie er ein Loch gegraben habe, Susannas Leiche verscharrte und sich auf den Weg nach Frankreich machte. Er hatte dort Freunde und wäre auf seiner Suche nach einem besseren Leben in Europa sowieso lieber in Frankreich gelandet als in Deutschland, wie er erzählt. Er blieb dort drei bis vier Tage, kam zurück und reiste später mit seinen Eltern zurück in den Irak.

Bitte um Verzeihung

Nach dem Teilgeständnis bittet er Susannas Familie um Verzeihung. "Ich bereue alles, was passiert ist", sagt er. Er weiß, dass seine Bitte nicht erhört werden wird. "Ich weiß, dass (meine Tat) schlimm ist und weh tut. Ich kann es nicht wieder gut machen", sagt er. Er habe im Gefängnis viel nachgedacht, sei ein anderer Mensch geworden, erzählt er. Es wäre ihm wohl zu wünschen. Denn in den Jahren in Deutschland war Ali B. ein schwieriger und offenkundig immer wieder gewalttätig werdender Mann. So soll er gemeinsam mit einem zweiten, bislang unbekannten Täter in Wiesbaden einen jungen Mann mit einem Messer bedroht und geschlagen haben, anschließend dessen Uhr und seinen Rucksack gestohlen haben. Und er wird verdächtigt, mit einem jugendlichen Afghanen ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Der mitangeklagte Afghane war eben jener junge Mann, der der Polizei 2018 nach dem Fund von Susannas Leiche den Hinweis auf Ali B. gegeben hatte.

Die Familie B. war, so schildert es Sohn Ali, mit allen acht Kindern aus dem Irak geflohen, auch aus Angst vor der Terrorgruppe IS. Das bessere Leben, das sie suchten, fanden sie offenkundig nicht. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, die Familie klagte, die Unterlagen waren unvollständig. Ali B. hatte den Deutschkurs abgebrochen, war nirgendwo beschäftigt, stand mittags auf, trank, wie er sagt, viel Wodka, kaufte sich auch Rauschgift, Marihuana, manchmal auch Kokain. Er traf sich mit seinen Kumpels in der Wiesbadener Innenstadt, ging ab und zu mit seiner türkischen Freundin aus, oft mit einem Messer in der Tasche. Drei oder vier Mal habe ihm die Polizei das Messer abgenommen. Warum, fragt Richter Jürgen Bonk, habe er überhaupt ein Messer getragen. In seiner kurdischen Heimat im Irak sei das ganz normal, antwortet Ali: "Man trägt es wie einen besten Freund."

© SZ vom 13.03.2019/bix/ick
Fall Susanna Trauer Politik

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Von Susanne Höll

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