Süddeutsche Zeitung

Prozessauftakt im Fall Susanna F.:"Ich bereue alles, was passiert ist"

  • In Wiesbaden hat der Prozess gegen Ali B., den mutmaßlichen Mörder der 14-jährigen Susanna begonnen.
  • Zum Auftakt gesteht der 22 Jahre alte Iraker den Mord, bestreitet aber die Vergewaltigungsvorwürfe der Staatsanwaltschaft.
  • Nach seinem Teilgeständnis bittet B. Susannas Familie um Verzeihung.

Von Susanne Höll, Wiesbaden

Ali B. ist klein von Gestalt, schmal und blass. Die dunklen Haare sind kurz geschnitten, er spricht mit leiser Stimme. Er ist gerade 22 Jahre alt geworden, seinen Geburtstag am 11. März verbrachte er im Gefängnis. Ali B. ist der Mann, der im Mai 2018 die 14 Jahre alte Mainzerin Susanna F. in Wiesbaden vergewaltigt und ermordet haben soll. Das Verbrechen verstörte und entsetzte Menschen weit über Rheinhessen hinaus.

Auch deshalb, weil Ali B. und einigen seiner Familienangehörigen nach der Tat die Ausreise in die irakische Heimat gelang. Auf den Flugtickets standen falsche Namen, die Ersatzpapiere, die der Zoll kontrollierte, waren echt. Nach seiner Flucht wurden immer neue Vorwürfe gegen ihn bekannt, Verdacht auf Raub etwa und eine zweite sexuelle Straftat. Der Tod von Susanna - er drohte zum Politikum zu werden. Wie zuvor der Mord an Mia im Drogeriemarkt in Kandel oder der Tod eines Mannes im vergangenen Jahr in Chemnitz. Dass es anders kam, ist womöglich auch dem Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, zu verdanken. Der war nach der Ausreise von Ali. B. ins irakische Erbil geflogen, hatte den Gesuchten aus den Händen kurdischer Sicherheitskräfte in Empfang genommen und ihn nach Deutschland zurückgebracht.

Gegen die unkonventionelle, öffentlich heftig diskutierte Aktion hatten deutsche Gerichte im Nachhinein jedenfalls nichts einzuwenden. Kein Hindernis für ein Strafverfahren gegen Ali B. in Wiesbaden. Nun sitzt Ali B. auf der Anklagebank. Dunkle Jeans, dunkles T-Shirt mit kurzen Ärmeln, darunter ein blaues Baumwollhemd. Er wird in Handschellen in den Saal geführt wird. Nachdem die Beamten ihm diese abgenommen haben, legt er den Kopf auf die hölzerne Tischplatte. Fotografen und Fernsehcrews halten die Kameras auf ihn, minutenlang. Die Anwälte schirmen ihn erst spät mit ihren Körpern ab.

Schluchzende Mutter

Ihm gegenüber sitzt die Mutter Susannas. Sie tritt als Nebenklägerin auf, ist ganz in Schwarz gekleidet, ihre Augen sind rot geweint. Als die Staatsanwältin die Anklage verliest, bricht sie in Tränen aus. Ali B. schaut auf den Tisch, auch auf den Boden. Er wird aussagen, das hatten seine Verteidiger zum Auftakt angekündigt. Zu seiner Person. Und ja, auch zu Susannas Tod am 23. Mai in einem Gewerbegebiet im Südosten von Wiesbaden, unweit der Flüchtlingsunterkunft, in der Ali zusammen mit den Eltern und sechs seiner Geschwister lebte.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann vor, Susanna zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Er habe das Mädchen auch geschlagen, mit einem Ast. Sie habe eine Wunde im Gesicht gehabt. Das Mädchen habe gedroht, ihn anzuzeigen. Deshalb habe er sie mit seinem Arm stranguliert. Die Mutter des Mädchens schluchzt, sie hält ein Taschentuch fest in ihren Händen.

Alis Version der Dinge ist etwas anders. Er räumt unumwunden ein, dass er für den Tod der 14-Jährigen verantwortlich ist. Und er gibt auch den Geschlechtsverkehr zu. Doch gezwungen habe er das Mädchen nicht. "Ich habe sie zweimal gefragt, ob wir Sex haben wollen", sagt er mit leiser Stimme dem Übersetzer an seiner Seite. Ali versteht die deutsche Sprache, spricht sie auch. Aber eher schlecht als recht. Einen Deutschkurs, den er nach seiner Ankunft in Wiesbaden absolvieren sollte, brach er nach einigen Stunden ab. Er habe sich geärgert, dass er, anders als andere, nicht schneller gelernt habe.

Flucht nach Frankreich

Beim ersten Mal, so Ali B.s Version, habe Susanna Sex mit ihm abgelehnt, beim zweiten Mal aber habe sie zugestimmt. Hinterher, als sie sich aus einem Gebüsch auf den Heimweg machen wollten, sei das Mädchen hingefallen, habe sich am Gesicht verletzt. Sie sei verärgert gewesen, laut geworden, habe zur Polizei gehen wollen. Man habe sich erneut hingesetzt und gesprochen. Schließlich habe er ihr seinen Arm um den Hals gelegt. "Dann wurde es schwarz vor meinen Augen. Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte", übersetzt der Dolmetscher Alis Worte. Richter Jürgen Bonk will wissen, warum der Angeklagte das Mädchen tötete. Die Antwort: "Ich weiß es nicht."

Ali B. erzählt dann noch, wie er ein Loch gegraben habe, Susannas Leiche verscharrte und sich auf den Weg nach Frankreich machte. Er hatte dort Freunde und wäre auf seiner Suche nach einem besseren Leben in Europa sowieso lieber in Frankreich gelandet als in Deutschland, wie er erzählt. Er blieb dort drei bis vier Tage, kam zurück und reiste später mit seinen Eltern zurück in den Irak.

Bitte um Verzeihung

Nach dem Teilgeständnis bittet er Susannas Familie um Verzeihung. "Ich bereue alles, was passiert ist", sagt er. Er weiß, dass seine Bitte nicht erhört werden wird. "Ich weiß, dass (meine Tat) schlimm ist und weh tut. Ich kann es nicht wieder gut machen", sagt er. Er habe im Gefängnis viel nachgedacht, sei ein anderer Mensch geworden, erzählt er. Es wäre ihm wohl zu wünschen. Denn in den Jahren in Deutschland war Ali B. ein schwieriger und offenkundig immer wieder gewalttätig werdender Mann. So soll er gemeinsam mit einem zweiten, bislang unbekannten Täter in Wiesbaden einen jungen Mann mit einem Messer bedroht und geschlagen haben, anschließend dessen Uhr und seinen Rucksack gestohlen haben. Und er wird verdächtigt, mit einem jugendlichen Afghanen ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Der mitangeklagte Afghane war eben jener junge Mann, der der Polizei 2018 nach dem Fund von Susannas Leiche den Hinweis auf Ali B. gegeben hatte.

Die Familie B. war, so schildert es Sohn Ali, mit allen acht Kindern aus dem Irak geflohen, auch aus Angst vor der Terrorgruppe IS. Das bessere Leben, das sie suchten, fanden sie offenkundig nicht. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, die Familie klagte, die Unterlagen waren unvollständig. Ali B. hatte den Deutschkurs abgebrochen, war nirgendwo beschäftigt, stand mittags auf, trank, wie er sagt, viel Wodka, kaufte sich auch Rauschgift, Marihuana, manchmal auch Kokain. Er traf sich mit seinen Kumpels in der Wiesbadener Innenstadt, ging ab und zu mit seiner türkischen Freundin aus, oft mit einem Messer in der Tasche. Drei oder vier Mal habe ihm die Polizei das Messer abgenommen. Warum, fragt Richter Jürgen Bonk, habe er überhaupt ein Messer getragen. In seiner kurdischen Heimat im Irak sei das ganz normal, antwortet Ali: "Man trägt es wie einen besten Freund."

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SZ vom 13.03.2019/bix/ick
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