Südsudan:"Die Flüchtlinge haben kein Saatgut dabei, nur ihre Kleidung am Leib"

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"Die wenigsten Menschen im Südsudan", so erklärt Florian Landorff, ein Deutscher, der für die Welthungerhilfe durchs Land reist, "befinden sich noch an dem Ort, an dem sie normalerweise leben." Sechs Monate Bürgerkrieg haben die Bevölkerung durcheinandergewirbelt, ein paar Hunderttausend sind in beengten Flüchtlingslagern untergekommen wie Jacob Nhial Tongyik, aber noch viele mehr sind irgendwie unterwegs. "Sie haben kein Saatgut dabei, keine Harken, sondern nur ihre Kleidung am Leib", sagt Landorff. Und im September werden endgültig die letzten Vorräte vom Vorjahr verbraucht sein. Auch das ist in jedem Jahr so.

Landwirtschaft ist immer eine Frage der Zuversicht. Der Mensch muss wissen, dass er das, was er aussät, auch wird ernten können. Wenn im Südsudan derzeit niemand weiß, wann er wird weiterziehen müssen, dann ist die logische Reaktion des Menschen darauf: Eher isst man die letzte Handvoll Mais auf, die in einem Tonkrug lagert, als dass man sie irgendwo auf ein Feld streut.

Die Abhängigkeit vom Wetter ist total. Es gibt im ganzen Südsudan nur 120 Kilometer geteerte Straße, und sobald der Regen einsetzt, versinkt alles andere im Schlamm. Wege werden beschwerlich, teils unpassierbar, Märkte werden eingestellt, weil niemand mehr dorthin kommt. Wer jetzt noch kein Saatgut auf einem Markt gekauft hat, der wird nichts mehr anbauen können, deshalb beeilen sich in gewöhnlichen Jahren alle Bauern, noch schnell dem Regen zuvorzukommen.

Wenn gekämpft wird, ist an Aussaat kaum zu denken

Der 15. Mai war in diesem Jahr ein Dienstag. Im Kalender vieler Bauern war es auch eine Deadline: Bis dahin, das lehrt die Erfahrung, müssen Sorghum-Hirse, Erdnüsse und Sesam ausgesät sein, damit sie bis zum Ende der Regenzeit ausreichend wachsen können. In gewöhnlichen Jahren wachsen die Halme der Sorghum-Hirse dann schnell mannshoch, auch Bohnen, Zwiebeln und Auberginen gedeihen, dazu Okra-Schoten, Kürbisse und die purpur blühende Amarant-Pflanze, deren Samen man zur Not auch essen könnte.

Nur mit dem Mais hat man etwas länger Zeit, da läuft die Deadline für die Aussaat erst am 30. Mai ab. Doch der ganze Monat Mai war in diesem Jahr von so heftigen Kämpfen geprägt, von regelrechten Terrorkampagnen der Regierungs- und Rebellentruppen, dass an solche Deadlines kaum zu denken war. Und nun hat der Regen eingesetzt. Die landwirtschaftliche Saison 2014 - erledigt.

Im besonders umkämpften Landesteil Unity State, so erzählt Florian Landorff von der Welthungerhilfe, hoffen also viele Frauen auf die Wasserlilie, eine rosa und weiß blühende Blume, die man zwischen Seerosen findet. In ihrer Not gehen viele in den Sumpf, pflücken die Blüten, trocknen die Samen, die ein bisschen an Sonnenblumenkerne erinnern, und ernähren damit ihre Kinder.

Hilfe kommt nur noch aus der Luft

Und in der Zeltstadt der Vereinten Nationen in Malakal stellen Jacob Nhial Tongyik und seine Familie sich an, um sich ihre Ration Hirse abzuholen. Es ist die derzeit wohl teuerste Hirse der Welt, denn sie kommt per Luftpost: Das war sogar schon so, bevor das Wasser hier die Straßen aufweichte - seit Monaten müssen die Hilfsorganisationen alles mit dem Flugzeug herbeischaffen, sogar Zeltstangen und Holz, weil ihre Fahrzeuge auf den Überlandstraßen von den Kämpfern beider Seiten hemmungslos geplündert werden.

Dabei hat man es in der Stadt Malakal noch vergleichsweise gut: Hier gibt es wenigstens einen Flugplatz mit Asphaltpiste. Andernorts gibt es nur die Natur. Dort müssen Helfer Lebensmittelpakete aus der Luft abwerfen, ins völlig Ungewisse: Wie viele Menschen sich dort unten vor den Milizen verstecken, kann man nur erahnen, und wie viele Pakete im Schlamm untergehen und nie von Bedürftigen gefunden werden, ebenso.

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