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Stilkritik:Pflaster-Posting

Coronavirus - Impfungen in Altenheim

Ah, schon wieder einer geimpft. Aber muss das wirklich jeder wissen?

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Frischgeimpfte teilen derzeit gerne Fotos vom Oberarm mit Pflaster. Leute, möchte man heroisch zurückposten, würde McClane aus "Stirb langsam" das tun? Also, nachdem das Böse besiegt ist?

Von Gerhard Matzig

Vielleicht fällt einem das ja auch nur in einem Anfall von Impfneid auf, der, das ist eh klar, total verwerflich ist. Jedenfalls meldet sich das Impfzentrum nicht. Der Hausarzt meldet sich nicht. Der Freund von der Freundin, der einen Neffen hat, dessen Schulfreundin Eltern hat, deren Bekannte angeblich die Handy-Nummer von Uğur Şahin haben ... meldet sich auch nicht. Man will die Welt wissen lassen, dass man im eigenen Bangen auch Astra, Sputnik oder Waldmeister-Brause nehmen würde. Doch die Welt hat keine Zeit. Die Hotlines schweigen. Die Arztpraxen sind überlaufen. Alle haben Stress.

Die einen sind geimpft. "Die im Dunkeln", weiß Brecht, "sieht man nicht." Was daran liegt, dass man als bislang ungeimpfter Mensch, der im Internet auf den echt kafkaesken Begriff "Termin ausständig" starrt, auch nicht ständig diese sozialmedialen Posts im digitalen Lichte herumschickt, die diverse Pflaster auf diversen Oberarmen zur Ikonografie der Gegenwart machen. Verbunden mit der Aussage "Yes, I did it!" oder, lustig, "Nur ein kleiner Piks für mich, aber ein großer Schritt ..."

Einfach mal dankbar und still sein - geht das?

Leute, möchte man heroisch zurückposten, würde John McClane in der "Stirb langsam"-Serie jeweils am Ende, wenn das zerfetzte Feinripphemdchen die eher unsortiert wirkenden Überreste eines geschundenen Körpers notdürftig umhüllt, nachdem die Welt gerettet und das Böse besiegt ist, ein Pflaster posten? Würde er seinen Impfpasseintrag ins Netz stellen? Niemals! Er würde sagen: nicht der Rede wert. So macht man das als Held. Übrigens warnt das Bundesgesundheitsministerium: "Teilen Sie keine Bilder vom Eintrag Ihrer Covid-19-Impfung im Impfpass in sozialen Netzwerken."

Auf der Plattform Wir-in-der-Praxis.de heißt es: "Sie wollen all Ihre Freunde an Ihrer Erleichterung teilhaben lassen? Posten Sie das Pflaster auf Ihrem Oberarm." Bitte, liebe Gepflasterte, Geimpfte, Beneidete: Tun Sie das nicht. Wann hätten Sie je auf die Experten gehört? Freuen Sie sich still wie McClane darüber, mal wieder die Welt gerettet zu haben. Und beten Sie für die Noch-nicht-Geimpften. Bitte, bitte, bitte: keine Pflaster mehr, keine lustigen Sprüche, nie mehr Oberarme. Hier nicht und nicht in Indien. Wäre das okay - für eine Weile einfach mal dankbar und still zu sein? Geht das? Nein? War ja nur so 'ne Idee.

© SZ
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