Gewalt an Schulen Mit dem Messer in der Schultasche

Auch wenn Messer selten tatsächlich eingesetzt werden, empfinden sie offenbar viele Jugendliche als Bedrohung, gegen die sie sich nur wappnen können, indem sie sich selbst ein Messer zulegen.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)
  • Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen zeigt in einer neuen Studie, das Gewalt unter Jugendlichen erstmals seit Jahren wieder gestiegen ist.
  • Auch hätten immer mehr Schüler das Gefühl, Waffen zur Selbstverteidigung mitführen zu müssen.
  • Vor allem die Häufigkeit von Cyber-Mobbing steigt.
Von Oliver Klasen

Die Gewalt eskaliert am Ende der großen Pause. Es wird beleidigt, geschubst, geschlagen, getreten und gespuckt. Dutzende Schüler sind beteiligt, Hunderte schauen zu. Lehrer, die schlichten wollen, schaffen es fast nicht, sich durch die Menschentraube der Gaffer zu den prügelnden Schülern vorzuarbeiten. Auch danach kommt die Schule nicht zur Ruhe, es gibt weitere Vorfälle, bei denen es zu massiver Gewalt kommt. Prügelnde Schüler werden von Dutzenden Kameraden angefeuert, in einem Fall sollen sich sogar Eltern eingemischt haben.

All das soll sich Ende vergangenen Jahres an einer Gesamtschule in Mönchengladbach zugetragen haben, die SZ berichtete. Werden solche Gewaltexzesse publik, hieß es in den vergangenen Jahren stets, das seien Einzelfälle. Forscher verwiesen auf Studien und Polizeistatistiken, denen zufolge Jugendkriminalität und Jugendgewalt tendenziell rückläufig seien.

9000 Neuntklässler befragt

Doch jetzt haben Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) andere Erkenntnisse gewonnen. Ihren Zahlen zufolge sind die Kriminalität und speziell die Gewaltdelikte bei Jugendlichen erstmals seit Jahren wieder gestiegen. Die Forscher haben im Jahr 2017 fast 9000 Neuntklässler befragt. Die detaillierte Auswertung liegt der SZ vor. Zwar wurden nur Schüler in Niedersachsen erfasst, die Forscher sagen jedoch, dass sich daraus wertvolle Erkenntnisse ableiten lassen, weil Niedersachsen ein Flächenland mit acht Millionen Einwohnern ist, mit sowohl städtischen als auch ländlichen Strukturen. Da es, nach den Jahren 2013 und 2015, bereits die dritte Untersuchung dieser Art ist, sind Zeitvergleiche gut möglich.

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Mehr als 27 Prozent der Jugendlichen haben bei der Erhebung 2017 angegeben, bereits mindestens einmal Opfer eines Gewaltdeliktes geworden zu sein. Mehr als 14 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten eine Gewalttat erlebt. Das ist ein signifikanter Anstieg im Vergleich zu den beiden früheren Befragungen (siehe Grafik). Erfasst haben die Forscher Raub, Erpressung, sexuelle Gewalt und mehrere Arten von Körperverletzung. Am häufigsten genannt wurde die Körperverletzung durch eine einzelne Person, mehr als 19 Prozent der Jugendlichen haben das bereits einmal erlebt. Deutlich seltener kommen Raub, Erpressung, sexuelle Gewalt, Körperverletzung mit Waffe oder Körperverletzung durch mehrere Personen vor. Aus der Studie ergibt sich, dass der Anteil der Gewalttaten, die in der Schule verübt werden, über die Jahre 2013 bis 2017 leicht rückläufig ist. Der Anteil der Gewalttaten, die an außerschulischen Orten passieren, steigt hingegen.

Das KFN hat auch Daten zum Täterverhalten erhoben. Fast 18 Prozent der Jugendlichen gaben im Jahr 2017 an, mindestens eine Gewalttat in ihrem Leben begangen zu haben. Knapp acht Prozent wurden in den zwölf Monaten vor der Erhebung gewalttätig. Das sind jeweils deutliche Steigerungen im Vergleich zu der Studie von 2015. Im Vergleich zu 2013 ergibt sich eine leichte Steigerung. Die alleine begangene Körperverletzung ist das bei Weitem am häufigsten vorkommende Delikt. Fast 16 Prozent der Befragten gaben an, damit bereits mindestens einmal auffällig geworden zu sein. Andere abgefragte Delikte sind der Befragung zufolge zehn- bis 25-mal seltener, aber auch für Raub und sexuelle Gewalt haben die Forscher zwischen 2015 und 2017 signifikante Zuwächse feststellen können.

Immer mehr Schüler führen Waffen mit sich

"Der Anstieg im Gewaltverhalten geht einher mit anderen negativen Entwicklungen: die Zunahme von Schulabsentismus, vermehrter Drogenkonsum sowie ein genereller Anstieg von Opfererfahrung Jugendlicher in verschiedenen sozialen Kontexten", sagt Sören Kliem vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, der dort die Arbeitsgruppe Dunkelfeldmonitoring leitet. Von Dunkelfeld sprechen Kriminologen dann, wenn die Polizei keine Kenntnis von den Straftaten erhält. Gerade Jugendgewaltdelikte werden häufig nicht angezeigt. Im Hellfeld, also in der Polizeilichen Kriminalstatistik, die in Niedersachsen vor einigen Wochen veröffentlicht wurde, ist die registrierte Gewaltkriminalität jugendlicher Täter von 2017 bis 2018 um 3,4 Prozent zurückgegangen. Im Vergleich mit dem Jahr 2015 ergibt sich allerdings ein Anstieg von 18 Prozent, eine Tendenz also, die sich mit den Zahlen des KFN deckt.

Auffällig ist, dass immer mehr Schüler Waffen mit sich führen - meist Messer, Tränengas oder Pfefferspray. "Dieses Phänomen betrifft sowohl den Freizeitbereich als auch die Schule", sagt Kliem. Auch wenn die Messer selten tatsächlich eingesetzt werden, empfinden sie offenbar viele Jugendliche als Bedrohung, gegen die sie sich nur wappnen können, indem sie sich selbst ein Messer zulegen.