Zehn Jahre nach dem Amoklauf Der Hass ist aus Winnenden verschwunden

Ein ganz normales schwäbisches Städtchen mit Fachwerkhäusern? Wer Winnenden hört, denkt automatisch an den Amoklauf, bei dem 15 Menschen starben.

(Foto: hifografik/Mauritius)

Zehn Jahre ist es her, dass ein 17-Jähriger in der baden-württembergischen Stadt 15 Menschen erschoss. Heute ziehen die Menschen dort Kraft daraus, wie sie das Unfassbare aufgearbeitet haben.

Von Stefan Mayr, Winnenden

Am 11. März 2009 diskutiert die Klasse 9c gerade, wie sich das Gehirn eines Jugendlichen verändert, wenn er am Computer regelmäßig Gewaltspiele zockt. Um kurz nach halb zehn klopft es im Raum 305 der Albertville-Realschule an der Tür. Die Lehrerin sagt "Ja, bitte", dann betritt Tim K. das Zimmer und beginnt zu schießen. Er tötet in den folgenden dreieinhalb Stunden 15 Menschen: acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen sowie drei Männer auf der Flucht. Sein Amoklauf durch Winnenden und Wendlingen endet, indem er sich selbst tötet.

Gisela Mayer hat an jenem Tag ihre Tochter Nina verloren. Die 24-Jährige war Referendarin und wurde auf dem Flur aus kurzer Distanz erschossen. Beerdigt wurde sie an ihrem 25. Geburtstag. Heute, zehn Jahre später, sagt Gisela Mayer, sie habe dem Täter verziehen: "Ich empfinde keinen Hass mehr ihm gegenüber. Man nennt das Verzeihen. Ich selbst scheue davor zurück, einen so anspruchsvollen Begriff zu verwenden."

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Sie wolle den Täter und seine Schuld keinesfalls entschuldigen, betont die 60-Jährige. Die studierte Psychologin sitzt in der Aula unter einem Glasdach. "Für mich war das der Weltuntergang", erzählt sie gefasst. "Die drei Jahre danach waren die Hölle, aber heute ist es in Ordnung." Sie habe einen Weg gefunden, ihre Tochter "irgendwie immer um mich" zu haben. Zunächst habe sie eine "unglaubliche Wut" über den Täter empfunden. "Aber heute kann ich sagen, dass ich vieles verstehe." Eine erstaunliche Entwicklung, die Gisela Mayer da durchgemacht hat. Das gilt auch für die Schule und die Stadt: Der Amoklauf von Winnenden hat unendlich viel Leid verursacht, das bis heute nachwirkt. Aber die Menschen hier ziehen daraus, wie sie das unfassbare Ereignis in den Jahren danach zusammen aufgearbeitet haben, auch heute noch viel Kraft.

Unglaubliche Wut

Im Foyer der Schule steht ein hüfthoher, mobiler Verkaufsstand mit Müsliriegeln und anderen Leckereien: der "Weltladen". Hier verkaufen Schüler in jeder Pause fair gehandelte Produkte. Es ist ein Projekt der "Ökumenischen Schulgemeinschaft", die Religionslehrer initiiert haben, um den Amoklauf gemeinsam aufzuarbeiten. Inzwischen sind an der Schule keine Kinder mehr, die die Tat miterlebt haben. Doch die "ÖSG" gibt es weiterhin, und sie treibt sinnvolle Projekte voran. Zum Beispiel das "Fest für Afrika", zu dem jedes Jahr auch Flüchtlinge eingeladen werden. In Namibia unterstützt die ÖSG eine Suppenküche für Kinder.

Im Raum 317, in dem damals eine Lehrerin starb, treffen sich jetzt die Mitarbeiter der "Schülerfirma". Sie bedrucken und verkaufen T-Shirts, sie rösten Kaffee, den sie im "Kistenkaffee" ausschenken. Es gibt den "Raufclub", in dem Schüler Aggressionen abreagieren können - stets unter Anleitung anderer Schüler und fair nach Regeln. "In keinem anderen Zusammenhang solch einer Katastrophe ist so viel organisierte Aktivität entstanden wie hier", sagt Gisela Mayer. Aber zufrieden ist sie nicht: Die Politik, kritisiert sie, habe viel versprochen und wenig davon eingelöst.

Verschärfte Waffengesetze

Kleinere Klassen und mehr Lehrer wurden angekündigt, und ein Verbot von Killerspielen. Vieles wurde nicht umgesetzt. Immerhin wurden die Waffengesetze verschärft, seit 2009 wird unangemeldet kontrolliert, ob Besitzer ihre Waffen ordnungsgemäß wegsperren. Und in Baden-Württemberg wurden Schulpsychologen eingestellt. "Aber es sind immer noch zu wenig", sagt Gisela Mayer, "auf ein Gespräch muss man sechs Monate warten, das ist bei einem akuten Fall zu lang."

Um nicht tatenlos auf Besserung zu warten, gründeten Gisela Mayer und andere Eltern die "Stiftung Aktionsbündnis Winnenden". Sie bietet Kurse in Klassen und ein Notfalltelefon an, um weitere Gewalttaten zu verhindern. Die Stiftung kann aber nur die Hälfte aller angefragten Kurse bieten - es fehlt an Geld und Personal. "Bundesweit bräuchten die Lehrer mehr Unterstützung", sagt Mayer, "wir brauchen noch mehr Zeit und Raum für Fachpersonal zur Konfliktlösung."

Nach dem Amoklauf wurde das Schulhaus in Winnenden zwei Jahre lang umfassend umgebaut. Seitdem sind die Türen der Klassenräume von außen nicht mehr zu öffnen. Ein Alarmsystem wurde installiert. "Die Rückkehr war ein wichtiges Signal", sagt Schulleiter Sven Kubick, "wir haben damit gezeigt, dass die Schulgemeinschaft stärker ist als die Tat." Allerdings konnten diesen Weg nicht alle mitgehen. Manche Schüler und Lehrer haben die Schule gewechselt, andere haben bis heute gar keine Schule mehr betreten.