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Schleswig-Holstein:Tote Frau nach 24 Jahren in Tonne entdeckt

  • Eine Frau verschwindet in Hannover und niemand vermisst sie - erst 24 Jahre später wird ihre Leiche in einer Garage in Neumünster gefunden.
  • Der Ehemann gesteht, seine Frau erwürgt und in ein Fass eingeschweißt zu haben.
  • Nach jetzigem Stand wäre es Totschlag gewesen. Dieser verjährt allerdings nach 20 Jahren.
  • Dem Täter droht daher wahrscheinlich kein Verfahren und keine Strafe.

Von Peter Burghardt

Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, seit Franziska S. verschwand. Bis vor kurzem wusste niemand außer ihrem Mann, wo sie steckte, und es wollte erstaunlich lange offenbar auch niemand unbedingt wissen. Ein Foto von damals zeigt eine junge Frau mit bräunlicher Dauerwelle. Am 10. Februar 1992 war die damals 26-Jährige letztmals lebend gesehen worden, das Ehepaar wohnte seit seiner Hochzeit 1988 in einem schmucklosen Gebäude im Zentrum von Hannover. Nun wurde die Verschollene nach Niedersachsen zurückgebracht - als mumifizierte Leiche in einer Tonne, in der sie ihr Mann die ganze Zeit verborgen hatte.

Tat ist nur aufgeflogen, weil sich plötzlich Angehörige interessierten

Dieser Kriminalfall klingt ohnehin schon unfassbar, und erst recht unglaublich erscheint, dass der Täter wohl ungestraft davonkommt - weil so viel Zeit vergangen ist. Vielleicht wäre die Tat sogar noch später oder nie aufgeflogen, wenn sich nicht doch plötzlich Angehörige für Franziska S. interessiert hätten. Jahrelang hatte die Familie offenbar die Story geglaubt, die Franziskas Mann seinerzeit erzählte: Sie hätten sich getrennt, seine Frau sei ins Ausland gezogen. Erst 21 Jahre danach ging doch noch eine Vermisstenanzeige bei der Polizei ein. 2013 begannen die Ermittlungen. Beamte befragten Verwandte und Bekannte von Franziska S. und dabei natürlich vorneweg ihren vormaligen Ehemann, der inzwischen in Neumünster lebt. Der heute 52-Jährige verstrickte sich irgendwann in Widersprüche und machte den Fahndern im September 2016 schließlich ein Geständnis: Er habe seine Frau 1992 im Streit erwürgt und in einem Metallfass verschweißt. Es stehe in einer Garage in Neumünster, die er nach seinem Umzug 2003 angemietet habe. Er war also mit der Toten im Gepäck nach Schleswig-Holstein umgezogen, über die A 7 sind es 217 Kilometer. Polizisten entdeckten alles wie beschrieben. Nach der Überführung nach Hannover wurde der Behälter dann sachgemäß geöffnet, zum Vorschein kamen die verpackten Reste von Franziska S.

Die Leiche sei erstaunlich gut erhalten gewesen, heißt es, die exakten Umstände der Tötung lassen sich jedoch wohl dennoch kaum mehr entschlüsseln. Gerichtsmediziner untersuchten den Fund, das schriftliche Schlussgutachten steht noch aus. Die Staatsanwaltschaft Hannover ringt derweil mit einem Dilemma. Man habe keinen Anhaltspunkt für Mord, sagt ihr Sprecher Thomas Klinge, nicht für Mord im juristischen Sinne. Der Mann hat Franziska S. umgebracht, das gibt er zu. Doch nach jetzigem Stand wäre es Totschlag gewesen, weil gegenwärtig keine Mordlust, Habgier oder andere niedrige Beweggründe nachgewiesen werden können. Das bräuchte man für einen Mordprozess. Mord verjährt nie, Totschlag nach 20 Jahren, und die sind bei dieser Causa Franziska S. bereits seit 2012 vergangen. Es gibt deshalb keine Anklage gegen den geständigen Beschuldigten. Er hat sein Opfer so ausdauernd ungestört gelagert, dass ihm vorläufig nicht mal ein Verfahren droht, geschweige denn ein Urteil.

Thomas Klinge weiß, wie schwer es ist, das Prinzip einem entsetzten Publikum zu erklären. "Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein", wie es im Paragrafen 212 des Strafgesetzbuches heißt, wird je nach Schwere der Tat zwar mit ein bis 15 Jahren Gefängnis bestraft, in besonders schweren Fällen auch mit lebenslanger Haft. Aber 20 Jahre nach dem Verbrechen tritt die Verjährung ein. Der Mann behauptete im Verhör, es sei im Zwist passiert, mehr nicht. "Er muss uns gar nichts sagen", sagt Klinge, das ist sein Recht. Und es gibt bisher keinen Zeugen, der genauere oder andere Angaben gemacht hat. "Wir müssen uns an die Fakten halten", sagt Klinge, auch wenn das besonders für die Angehörigen von Franziska S. wohl kaum nachvollziehbar sei. "Das Bauchgefühl wehrt sich natürlich, aber rechtsstaatlich ist es so."

Weshalb schöpfte niemand Verdacht?

Wieso haben sich Angehörige oder Freunde nicht früher um das Schicksal von Franziska S. gekümmert? Weshalb schöpfte niemand Verdacht? Das kann Thomas Klinge auch nicht mit Bestimmtheit erklären, "ich mag das nicht bewerten". In manchen Familien gebe es einen engen Zusammenhalt, in anderen fast gar keinen. "Ich weiß nicht, wie es hier gewesen ist." In den Nachforschungen war anscheinend zu wenig zu erfahren. Sehr innig können die Verbindungen nicht gewesen sein, sonst hätte sich in zwei Jahrzehnten vermutlich doch irgendjemand Sorgen gemacht und wäre zur Polizei gegangen. Vielleicht hatte der Mann geschickt gelogen oder einfach nur schreckliches Glück. Vielleicht wurde verdrängt.

Alles Spekulation. Die Ermittler suchen weiter nach Hinweisen, um eventuell doch tätig werden zu können. Wer etwas wisse, der könne sich beim Kriminaldauerdienst in Hannover melden. "Das ist ein Strohhalm", sagt Oberstaatsanwalt Klinge, man brauche sich da keine großen Hoffnungen mehr zu machen. Aber es werde alles getan, um die Tat noch aufzuklären.

© SZ vom 21.10.2016/lalse
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