Religion Kirche der Aufklärung

Haben die Kirchen nicht immer schon großen Widerstand gegen alles geleistet, was ihren 2000 Jahre alten Lehren widerspricht?

Die protestantische Kirche war tatsächlich auch die Kirche der Aufklärung. Martin Luther hat ja nicht nur die Bibel übersetzt, damit die Menschen sie selbst lesen können und nicht einfach glauben müssen, was der Pfarrer ihnen sagt. Er hat sich ebenfalls erfolgreich dafür eingesetzt, dass in Deutschland Schulen eingerichtet werden. Unter den Protestanten haben sich dann allerdings auch alsbald bildungsängstliche "Schwärmer" gefunden, wie Luther selbst sie bezeichnet hat.

Die Mennoniten zum Beispiel. Von denen sind viele in die USA ausgewandert, wo Mennoniten unter den wichtigen Köpfen der Tea Party zu finden sind. Andere sind nach Russland emigriert. Als "Russlanddeutsche" sind viele ihrer Nachfahren nach Deutschland zurückgekehrt und bilden hier religiöse Ghettos. Ausgerechnet sie protestieren jetzt gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Christliche Intellektuelle haben die Kirche dagegen überwiegend längst verlassen.

Propheten und Missionare

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Nächstes Jahr feiert die protestantische Kirche 500 Jahre Reformation ...

... und tut so, als wäre die Reformation vollendet. Aber die Reformation bedeutet, weiter zu hinterfragen, zu reflektieren, nicht, wie die Lutheraner, "Bekenntnisschriften" wiederzukäuen. Die Reformation hat kein Ende. Sie muss weitergehen. Aber anstatt sie voranzutreiben, freuen sich führende Köpfe wie Heinrich Bedford-Strohm und die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann über einen albernen PR-Gag: Martin Luther als Playmobilfigur.

Wieso glauben denn so viele Menschen immer noch an Dinge, für die es keine Beweise gibt, und die den Naturgesetzen widersprechen?

Das hängt mit unserer Natur zusammen. Was wir wahrzunehmen meinen, geht nur zu zehn Prozent auf unsere Sinneseindrücke zurück, die auch noch optischen und akustischen Täuschungen unterliegen. Der Rest ist Verarbeitung und Deutung im Gehirn aufgrund von dessen Vorwissen. So machen wir uns ein Bild von der Welt, das nicht die Welt ist. Wir müssen das, es ist unsere Natur. Und das ist die Ursache für alle Wissenschaft, wie für alle Religionen. Heute lassen sich neurowissenschaftlich zum Beispiel auch die Osterereignisse erklären.

Wenn wir das wissen, woher kommt dann die Hartnäckigkeit, mit der viele an den alten Überzeugungen festhalten?

Wir leben alle mit den Vorstellungen, die uns unsere Umwelt, unsere Familien vermitteln, unsere Ahnen, das geht bis in die Steinzeit zurück. Insofern sind wir selbst, wie auch unsere Institutionen, von gestern. Ein Weltbild, das auf alle Fragen eine Antwort gibt, wie jedes fundamentalistische, macht zwar unfrei, vermittelt aber auch ein Gefühl der Sicherheit. Es ist unglaublich schwer, aus alten Vorstellungen herauszukommen.

Bittere Note der Reformation

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In den Naturwissenschaften hat das Albert Einstein geschafft, der vor hundert Jahren die Existenz von Schwerkraftwellen postuliert hat, die erst jetzt nachgewiesen werden konnten. Oder bereits vor 2000 Jahren der Wanderprediger Jesus, der Sohn oder vielleicht auch Stiefsohn eines Zimmermannes aus Nazareth, der entgegen den jüdischen Vorstellungen sagte, nicht der Mensch sei für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen. Er hat gegen den Fundamentalismus seiner Zeit gekämpft. Unsere heutigen Moralvorstellungen können wir zurückführen auf das Gottes- und Menschenbild, das Jesus uns vermittelt hat.

Sie erklären in Ihren Büchern immer wieder, wieso es besser ist, zu wissen als zu glauben, wer und warum er die Bibel verfasst hat und wo die Gläubigen überall falsch liegen. An was glauben Sie selbst noch?

Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt. Wir sind auf der Suche, wie es selbst Jesus war, der am Ende gefragt hat: "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Und der doch darauf vertraut hat: "In Deine Hände befehle ich meinen Geist." Das Konzept Gott kann durchaus einer Wahrheit entsprechen, die der Mensch entdeckt hat. So wie er mit der Mathematik die Sprache entdeckt hat, mit der man die Natur versteht - selbst da, wo man sie sich nicht vorstellen kann. Und mir erscheint es plausibler, dass aus Nichts etwas geschaffen wurde, als dass aus Nichts einfach etwas geworden ist.

Und wieso ist Ihnen die protestantische Kirche so wichtig, dass Sie sich für eine weitere Reformation einsetzen?

Jesus hat uns ein Bild von Gott vermittelt, mit dem die Christen seit 2000 Jahren getrost leben und sterben können. Er gibt keine Sicherheit, aber Hoffnung. Das ist sehr wenig, und diese Hoffnung kann man auch nicht predigen. Aber man kann sie vermitteln und mit ihr Menschen bei Krankheit oder wichtigen Ereignissen ihr Leben lang begleiten. Die Geschichte zeigt, dass die Kirche auch heute gerade in kritischen Situationen gefragt ist. Diese Reputation sollte sie nicht verlieren. Aber ich stelle mir die protestantische Kirche der Zukunft als eine jesuanische und nicht mehr als eine dogmatische Kirche vor.

Fundamentalisten im Sozialverein

500 Jahre nach Martin Luthers Reformation hat sich die evangelische Kirche davon verabschiedet, auch Kirche der Aufklärung zu sein. Sie ist zum bloßen Sozialverein geworden, gefangen in einem archaischen Weltbild. Das Sagen haben zunehmend die antiintellektuellen, bildungsfeindlichen Fundamentalisten. Diese nehmen die Bibel wörtlich und missachten die Erkenntnisse der Wissenschaften einschließlich der Theologie. Ein fundamentalistischer Glaube provoziert heute weltweit in allen Religionen Intoleranz und Gewalt.

Martin Urban beschreibt den Stand der Forschung und erklärt damit zugleich die aggressiven Reaktionen der frommen Dummies auf das, was ihnen Angst macht und sie Zeitgeist nennen. Sein Buch wendet sich an die Christen, die sonntags nicht mehr in die Kirche gehen, denen aber die Fragen nach Gott und dem Sinn ihres Lebens wichtig sind. Er zeigt, wie notwendig ein aufgeklärtes Christentum in einer Welt voller Aberglauben wäre.

Martin Urban, Ach Gott, die Kirche! Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation, dtv premium, 270 S., 14,90 €.