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Prozess gegen Drogenschmuggler:Die Tricks der Westbalkan-Mafia

Urteil wegen Schmuggels von 1700 Kilo Kokain vor Gericht

Fünf Männern aus Albanien wurden vor dem Landgericht in Landshut wegen Drogenschmuggels der Prozess gemacht.

(Foto: Armin Weigel/dpa)
  • Bei einem Prozess in Landshut sind fünf Männer zu langen Haftstrafen verurteilt worden, weil sie für eine Kokainschmuggler-Bande arbeiteten.
  • Den Ermittlungen zufolge waren die Drogen von Ecuador über den Hamburger Hafen nach Deutschland geschmuggelt und in Bananenkisten deponiert worden.

Ein Café in Hamburg-Billstedt war wohl der zentrale Treffpunkt. Dort tauchte der Mann mit dem Geld auf. Dort wurde der 34 Jahre alte Angeklagte erstmals angesprochen. Und dort wartete er auf neue Aufträge. Erfolgreich war er nicht immer: "Offenbar haben sie mir nicht vertraut." Er gehörte ja auch nicht zur Familie, war noch nicht mal aus der Nachbarschaft in Albanien, wo die Bosse einen der größten Kokainschmuggel in der Geschichte der Bundesrepublik ausgetüftelt hatten, mit einem ganz neuen Modus Operandi.

Der Angeklagte, ein Gelegenheitsarbeiter, hatte sich freiwillig gestellt. Er war zunächst der Einzige, der auspackte, nachdem die Sache aufgeflogen war. Wenn es stimmt, was er den Fahndern vom bayerischen Landeskriminalamt vor gut einem Jahr erzählte, dann war er ein kleines Licht, ein Handlanger eben. Einer, der Schmiere stehen durfte, während andere Hunderte Kilo Rauschgift aus Bananen-Reifehallen herausschleppten. Jedenfalls keiner, der etwas gewusst haben will: nichts vom großen Plan, nichts von den Hintermännern, noch nicht einmal, wer seine Komplizen am Tatort waren. Dafür war sein Salär beachtlich: 10 000 Euro hat er im Erfolgsfall für jeden seiner Einsätze bekommen, ebenso die anderen Mitglieder der Einbruchstruppe.

Am Mittwoch ist in Landshut nach einem halben Jahr ein Prozess zu Ende gegangen, in dem es um diesen spektakulären Kokainschmuggel ging. Mindestens zwei Tonnen Rauschgift soll eine Bande der sogenannten "Westbalkan-Mafia" via Ecuador und Hamburg nach Deutschland gebracht haben, in Bananenkisten. Die noch grünen Südfrüchte lagern in etlichen, über die ganze Bundesrepublik verstreut liegenden Reifehallen, bevor sie ihre appetitlich gelbe Farbe bekommen und in den Verkauf gehen. In die Reifehallen brachen die fast ausschließlich albanischen Täter ein und holten die Drogenpakete heraus, die Komplizen dann in die Niederlande transportierten.

Der Plan war aufgeflogen, weil Helfer der Bande im oberbayerischen Eitting in die falsche Halle eingebrochen waren. Auf Google Maps waren zwei benachbarte Gebäude vertauscht und falsch beschriftet gewesen. Das Kokain blieb in den Obstkisten, die gelangten in den Einzelhandel, wo es im September 2017 von überraschten Rewe-Mitarbeitern ausgepackt wurde. Die Ermittler erinnerten sich an weitere, bis dahin mysteriöse Einbrüche in Reifehallen und machten sich auf die Suche nach den Tätern. Telefonüberwachung, scheinbar zufällige Straßenkontrollen, Observationen: Das Treiben der Albaner fand am Ende unter den Augen und Ohren von zuletzt rund 500 Ermittlern statt. Im März vergangenen Jahres schnappte die Falle dann zu.

Rotterdam war einer der Zielorte für das Kokain. Dort saßen wohl auch die Auftraggeber und deren Mittelsmänner, die "mittlere Hierarchieebene", wie Ermittler vermuten. Das Bundeskriminalamt (BKA) sieht in seinem jüngsten Lagebericht die Niederlande als wichtigen Stützpunkt für international operierende Drogenhändler-Gruppierungen. Kein Zweig der organisierten Kriminalität hat sich in Deutschland derart spezialisiert wie die albanisch dominierten Banden. Sie erzielen laut BKA mehr als 96 Prozent ihres Umsatzes mit Drogenhandel oder -schmuggel. Sie stehen in diesem Metier zahlenmäßig hinter deutschen und türkischen Mafiabanden an dritter Stelle, weit vor der libanesischen oder italienischen Konkurrenz.

Bereits im Dezember wurden vier Beteiligte in Hamburg in erster Instanz verurteilt. Ein Prozess gegen drei mutmaßliche Mittäter läuft derzeit in München. Das Landshuter Verfahren gegen fünf weitere Angeklagte kam nur schleppend voran. Immerhin ein Dutzend Einbrüche an sieben unterschiedlichen Orten war Gegenstand der Anklage. Aber nur wenige Beteiligte - die Transporteure am Ende der Lieferkette - wurden auf frischer Tat ertappt. In Landshut sind jetzt nach einer Verständigung zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung fünf am Ende geständige Männer zu Haftstrafen zwischen vier Jahren und zwei Monaten und acht Jahren und vier Monaten verurteilt worden - wegen Beihilfe.

In Puerto Bolívar in Ecuador trieben oft massenhaft Bananen im Hafenbecken

Jörg Beyser ist Leiter der bayerischen Rauschgiftbekämpfung. Er und seine Ermittler haben inzwischen eine Vorstellung, wie die Bande aufgebaut war. "Blut und Familie" waren demnach das Organisationsprinzip. Je näher jemand den Bossen in Albanien stand, desto höher sein Rang in der Hierarchie. "Cousins" sind unter den Tatverdächtigen, man ist um Ecken verschwägert oder wohnte im albanischen Durrës in derselben Straße. Es soll einen Organisator, einen Geldüberbringer und einen Chefeinbrecher gegeben haben, der die Teams anleitete. Am unteren Ende der Pyramide dann die angeworbenen Kräfte, die Einbrecher, die Fahrer, die Handlanger, die Schmiere stehen mussten, Strohmänner, die Autos besorgten oder Hotelzimmer anmieteten. 15 mutmaßliche Mitglieder und Helfer der Gruppe hatte die Staatsanwaltschaft Landshut bereits im Dezember vergangenen Jahres namentlich identifiziert.

Beyser ist überzeugt, dass die familiären Verbindungen des Clans bis nach Ecuador reichen. Dort, im Pazifikhafen von Puerto Bolívar, wurden Bananen gegen Kokain getauscht. Oft trieben massenhaft Früchte im Wasser des Hafenbeckens. Das Rauschgift, das an ihrer Stelle in den Paletten verstaut wurde, hatten wohl die Kartelle aus Bolivien und Kolumbien geliefert. Auch am Ende der Schiffsreise im Hamburger Hafen muss es Mitwisser gegeben haben. Im Lagebericht des BKA ist die Rede von einer "konsequenten Akquirierung von Mittätern" insbesondere aus der Logistikbranche. Die Bande wusste jedenfalls genau, welche mit Koks gespickten Bananenchargen wann in welche Reifehalle geliefert wurden.

Den oder die Informanten haben die Fahnder nicht ermitteln können, ebenso wenig die Bosse in Albanien. Das sei Sache der dortigen Behörden. Doch was Bayerns Chefermittler Beyser zuversichtlich stimmt: "Der in unserem Fall an den Tag gelegte Modus Operandi ist bislang immer noch tot", sagt er. Im März und April wurden zwar zahlreiche Kokainpakete im Rhein-Main-Gebiet und in Mecklenburg-Vorpommern entdeckt. Wieder in Bananenkisten in Supermärkten, aber wohl aus einer anderen Lieferkette, von einer anderen Bande.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die ecuadorianische Hafenstadt Puerto Bolívar fälschlicherweise an der Küste des Karibischen Meeres verortet. Richtig ist natürlich der Pazifik.

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