Polizeigewerkschaft:Rainer Wendt - unterwegs mit Blaulicht und Sirene

Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst

Er hat sich hochgearbeitet, aus eigener Kraft. Seit 2007 ist Rainer Wendt (rechts) Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft.

(Foto: Bernd Settnik/dpa)

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft ist bekannt für laute Töne. Das verschafft ihm Aufmerksamkeit - und Lob von Rechtspopulisten.

Porträt von Gianna Niewel und Joachim Käppner

Sein erstes Werk heißt "Polizei - ein fröhliches Wörterbuch", der Einband ist gelb, die Schrift ist groß, bunte Bilder. Pfefferspray wird erklärt als "genau das richtige Gewürz für eine Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Störern". Das Buch ist 23 Jahre alt, das ist ein Witz.

Ein Oktoberabend, Berlin Mitte, Haus des deutschen Beamtenbundes. Eine Bar, knapp 40 Männer und Frauen. Rainer Wendt räuspert sich, los geht's. "Deutschland versagt", liest er, "alleingelassene Familien, marode Schulen und unterfinanzierte Kitas", so geht es immer weiter, "Kuscheljustiz, Ohnmacht des Volkes". Das zweite Buch von Rainer Wendt heißt "Deutschland in Gefahr", im Untertitel: "Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt" (Riva Verlag, München). Diesmal ist es ihm ernst.

Seine Taktik: Bist du klein, mach dich groß

Rainer Wendt, 59 Jahre alt, CDU-Mitglied, ist Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Weil das fast genauso klingt wie Gewerkschaft der Polizei (GdP), halten viele Bürger, die Wendt als König der Morgenmagazine und Dauerkritiker der Politik kennen, für den Vertreter der deutschen Polizei. Das ist er aber nicht. Seine Truppe hat nur 94 000 Mitglieder, bei der zum Deutschen Gewerkschaftsbund gehörenden GdP sind es 175 000. Wendt benutzt daher eine Taktik, die ein wenig an jene Tricks der Straße erinnert, auf der es, aus seiner Sicht, allzu wild zugeht im Lande: Bist du klein, mach dich groß. Wendt ist viel präsenter als die Vertreter der differenzierter argumentierenden GdP, seine Botschaft härter, eindeutiger. Alles wird den Bach hinuntergehen, es wird in diesem Land "offene Unruhen und Kämpfe geben", wenn nicht . . .

Wenn nicht immer neue und noch schärfere Gesetze erlassen werden. Wenn der Staat nicht massiv gegen Gefährder vorgeht und die Zuwanderung begrenzt. Wenn nicht viel mehr Beamte mit viel besserer Ausrüstung eingestellt werden. Wenn nicht die "parlamentarischen Wichtigtuer" endlich eingebremst werden, die es wagen, Ferndiagnosen über Polizeiarbeit abzugeben. All dies liest man in seinem Buch, vieles hat einen wahren Kern oder wäre zumindest diskutabel. Das Problem ist eher, dass Wendt, um im Bilde zu bleiben, grundsätzlich mit Blaulicht und Sirene unterwegs ist. Man könnte glauben, er beschreibe nicht die Bundesrepublik, die - bei allen Problemen - zu den sichersten Staaten der Welt gehört, sondern die rechtsfreien Räume von Mexiko. Die Kriminalität steigt, aber sie steigt leicht. Die Zahlen für Mord und Totschlag: sogar rückläufig. Vergewaltigung und sexuelle Nötigung: rückläufig. Auch Raubdelikte sind weniger geworden im vergangenen Jahr.

Rainer Wendt sagt: "Es ist schwer, Kriminalität nur von einem aufs andere Jahr zu betrachten." Dass er sich sicher fühlt, wenn er morgens mit der U-Bahn fährt, dass es aber Menschen gibt, denen es anders geht. "Und die haben ein Recht, dass wir uns um ihre Furcht kümmern", sagt er.

Recht und Ordnung waren schon immer zentrale Themen in seinem Leben. Wendt wuchs in Duisburg-Meiderich auf, einem Arbeiterviertel; als die jüngste Schwester geboren wurde, verließ der Vater die Familie. Die Mutter blieb zurück mit den acht Kindern. Sie trug Zeitungen aus. Wendt ging auf die Hauptschule, Kunst: mangelhaft, Chemie und Physik: mangelhaft, Werken: mangelhaft. Aber als Schülerlotse konnte er sich hervortun, später, als Schulsprecher wollte er eine Schülerwacht gründen, damit niemand mehr den Hof verlässt, um zu rauchen. Dem Lehrerkollegium war er zu vorlaut.

Zur Polizei kam er, als er an der Bushaltestelle beobachtete, wie ein Beamter mit seinem schweren BMW-Motorrad anhielt. Die Mädchen hätten sich den Kopf verrenkt. Nach ihm, klein, schulterlange Haare, habe sich keine umgeschaut. Er ging also zur nächsten Polizeiwache, da war er 16, er habe gesagt: "Den Job will ich." Er wird Hauptwachtmeister. Aber 40 Jahre lang Streife fahren? Wendt holt das Abitur nach, fängt an zu studieren, Deutsch, Geschichte und Erziehungswissenschaften, er bricht ab. Er wird doch lieber Polizeihauptkommissar, er interessiert sich für die Interessen der Kollegen. 1997 wählen sie ihn zum Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen. Er ist ehrgeizig, authentisch, mobilisiert die Leute, 2007 ist er Bundesvorsitzender. Er hat unten begonnen und sich hochgearbeitet, aus eigener Kraft. Viele Kollegen sagen: Er ist einer von uns.

Wer es nicht so gut mit ihm meint, der schimpft ihn "Populist"

Seither fordert er, und er fordert viel. Die Abschaffung von Stehplätzen in Fußballstadien, den Einsatz von Gummigeschossen gegen Demonstranten, vor einem Jahr sagte er: "Wenn wir ernst gemeinte Grenzkontrollen durchführen wollen, müssen wir einen Zaun entlang der deutschen Grenze bauen." Er will das so nicht gemeint haben, aber da war der Satz schon abgedruckt. Compact hat er gesagt, das "Obermackertum" junger Muslime gehöre "fast zu den Grundbausteinen dieser Kultur". Dass er überhaupt mit der rechten Zeitschrift geredet hat, sei "ein Versehen der Geschäftsstelle gewesen", rückblickend "ein Fehler". Seine Anhänger sagen, dass er sich für seine Leute einsetzt und dabei manchmal überdreht. Der Rainer halt.

Wer es nicht so gut mit ihm meint, der schimpft ihn "Populist", der unterstellt ihm "Sehschwäche auf dem rechten Auge". Der hält einen wie Wendt für einen typischen Repräsentanten all der Dinge, die gerade ein wenig fragwürdig erscheinen in Teilen der deutschen Polizei. Aber Polarisierung ist sein Mittel der Wahl. Wendt sagt: "Ich bin ein meinungsfreudiger Mensch, ich weiß, wie Politik funktioniert." Der Satz mit dem Zaun habe ihm zwei Wochen Aufmerksamkeit gebracht.

Zurück nach Berlin, zurück in die Bar. Rainer Wendt hat eine Stunde lang vorgetragen, die Zuhörer klatschen, er ist unterhaltsam. Das Problem ist auch hier nicht, dass er mit all seiner Erfahrung im Dienst Mängel in der Flüchtlingspolitik kritisiert, Mängel bei der Terrorabwehr oder der Kriminalitätsbekämpfung. Das Problem sind wiederum die Sirenen - und die Reaktionen darauf. AfD-Chefin Frauke Petry hat ihn auf Twitter beglückwünscht, "Rainer Wendt spricht Klartext". Zu seiner Lesung in Weiden kamen AfD-Anhänger, sie nutzten die Veranstaltung, um gegen Angela Merkel zu pöbeln. Die AfD hat ein Foto von ihm bei Facebook gepostet: "Es wird höchste Zeit, die Dinge zu ändern." Er hat dagegen geklagt.

Den rechten Rand bedienen, das will er nicht mit seinem Buch, sagt er den Zuhörern in Berlin. Er schüre keine Ängste, er formuliere sie nur: "Ich wünsche mir doch auch, dass die AfD verschwindet." Wendt will die Rechtspopulisten nicht ausgrenzen, sondern mit ihnen reden. In seinem Buch prophezeit er, dass "es um die Herrschenden in unserem Land über kurz oder lang ziemlich einsam werden" wird. Manchmal aber spricht er nicht nur mit den Rechten, sondern wie sie. Ob sie das zum Verschwinden bringt?

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