Papst Franziskus:Der Argentinier

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The Conclave Of Cardinals Have Elected A New Pope To Lead The World's Catholics

Franziskus: Schon 2005 stand er als Konkurrent von Joseph Ratzinger zur Wahl.

(Foto: Getty Images)

Als Kardinal von Buenos Aires verzichtete Jorge Mario Bergoglio auf Prunk, kümmerte sich um die Armen und nahm lieber den Bus als die Limousine. Der Papst gilt als Mann des Reformlagers und demonstriert Demut - doch seine Rolle in der argentinischen Geschichte und seine Aussagen zur Homo-Ehe machen ihn zur umstrittenen Figur.

Von Oliver Das Gupta

Eine kleine Handbewegung, das Kreuzzeichen. Dann steht Jorge Mario Bergoglio regungslos auf der Benediktionsloggia des Petersdoms. Der neue Papst schaut auf den Petersplatz. Jubel dringt von der Menge herauf, Kamerablitze. Franziskus hält inne in diesen ersten Momenten seines Pontifikats.

Dann, nach einem Vaterunser für den emeritierten Papst Benedikt XVI., spricht er in einfachen Sätzen. Er redet von Brüderlichkeit, von Vertrauen, das Kirchenvolk und Papst für einander empfinden sollten, vom gemeinsamen Weg. Franziskus bittet die Menschen vor ihm, für ihn zu beten, hier und jetzt, in Stille. Erst nach dem Segen der Gläubigen legt der 76-Jährige die Stola an mit den Abbildungen von Peter und Paul. Die Mozetta, der rote Schulterkragen der Päpste, lässt Franziskus ganz weg.

Demonstrative Demut ist das. Sie passt zu dem Mann aus Argentinien.

Zur Welt kam Bergoglio am 17. Dezember 1936 in der Metropole Buenos Aires. Die Stadt sollte lange sein Lebensmittelpunkt bleiben. Vier Geschwister hatte er, der Vater verdingte sich als Arbeiter bei der Eisenbahn. Beide Eltern waren aus Italien eingewandert (das sich nun auch wieder ein bisschen als Papst fühlen darf).

Bescheiden und zurückgenommen

Zügig machte Bergoglio akademische Karriere: Einem Abschluss in Chemie folgten weitere in Philosophie und Theologie. Im Jahr 1958, während des Studiums, trat er in den Jesuitenorden ein, 1969 ließ er sich zum Priester weihen.

Danach ging es Stufe um Stufe aufwärts: Er leitete in den siebziger Jahren den Jesuitenorden in Argentinien, es folgten unter anderem der Rektorenposten an der Theologischen Fakultät seiner Geburtsstadt und ein Forschungsaufenthalt in Deutschland. 1992 erhob ihn Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires, 1998 zum Erzbischof und 2001 zum Kardinal.

Dass Bergoglio sich nun als erster Papst den Namen Franziskus gegeben hat, ist eine konsequente Fortführung seines bisherigen sozialen Engagements. Der Bezug zum heiligen Franz von Assisi, der ein Leben in Armut dem Wohlstand vorzog, ist offensichtlich: Der bisherige Kardinal gilt als bescheiden und zurückgenommen. Auf einen Chauffeur verzichtete er, stattdessen fuhr er lieber Bus oder U-Bahn. Statt in einem bischöflichen Anwesen lebte er in einer kleinen Wohnung, selbst sein Essen soll er sich selbst gekocht haben.

Sein asketischer Lebensstil verlieh seinem Einsatz für soziale Gerechtigkeit zusätzliche Glaubwürdigkeit. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie kritisierte er wie einst Kardinal Joseph Ratzinger, wohl aber teilte er ihre Klage über die sozialen Schieflagen in der Gesellschaft. Jüngst erst geißelte er "alltäglichen Übermacht des Geldes" und die Korruption.

Homosexualität als "Angriff auf den Plan Gottes"

Bergoglio gilt als gemäßigt, als einer, mit dem man reden kann. Doch bei den Themen Sexualmoral und Empfängnisverhütung vertritt er konservative Standpunkte. Er lehnt den Gebrauch von Kondomen ab. Vehement wetterte er im Jahr 2010, als Argentinien die Homo-Ehe einführte, gegen die Regierungspolitik. Eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft sei ein "Angriff auf den Plan Gottes", ein "Schachzug des Teufels", schimpfte er und rief sogar zu einem "Gotteskrieg". Zehntausende Demonstranten mobilisierte Bergoglio und zog mit ihnen vor das Parlament. Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner fühlte sich an die "Inquisition" erinnert.

Ist der neue Papst also ein Betonkopf? Nein. So vehement er die Homo-Ehe auch ablehnte, so eindeutig betonte er auch, dass Schwule und Lesben Respekt verdienten.

Direkte Kontakte zur Junta

Weitaus größere Schatten werfen Ereignisse auf die Vita Bergoglios, die fast 40 Jahre zurückliegen. Damals herrschte in Argentinien eine Militärdiktatur, die Junta verfolgte und tötete ihre Gegner. Die Schergen des Regimes verschleppten auch zwei Jesuiten - die später angaben, Bergoglio habe sie denunziert. Der "Kardinal der Armen" ließ die Vorwürfe umgehend dementieren, doch weitere Zeugenaussagen zeigten, dass der Geistliche direkte Kontakte zur Junta pflegte (Hier mehr Information zu den Vorwürfen gegen Bergoglio).

Diese Vorwürfe haben die wahlberechtigten Mitglieder des Konklaves nicht davon abgehalten, den Argentinier als ersten Lateinamerikaner überhaupt zum Kirchenoberhaupt zu küren. Damit ist er der erste Nichteuropäer auf dem Stuhl Petri seit fast 1300 Jahren - als letzter nicht aus Europa stammende Papst wurde mit Gregor III. im Jahre 731 ein gebürtiger Syrer von den Bürgern Roms zum Pontifex maximus gewählt.

Schon 2005 stand Bergoglio zur Wahl. Er war als Kandidat des progressiven Lagers Konkurrent von Joseph Ratzinger. Den Ausschlag gaben schließlich die ultrakonservativen Purpurträger, die den Frömmlern von Opus Dei und den Legionären Christi nahestehen. Sie verhalfen dem traditionell eingestellten Deutschen zur Mehrheit, um den potentiellen Erneuerer aus Lateinamerika zu verhindern.

Ein Papst Bergoglio wäre demnach für die Reformfeinde Albtraum gewesen, schildert eine ZDF-Dokumentation von 2011. Nun ist Bergoglio als Franziskus doch noch zum Stellvertreter Christi auf Erden gekürt worden. Seine Gesundheit soll angegriffen sein, ihm fehlt seit seiner Jugend ein Lungenflügel. Deshalb gilt er als Übergangspapst.

Doch etwas bewirken kann er auch in wenigen Jahren, wie sein Vorvorgänger Johannes XXIII. bewiesen hat: Sein Pontifikat dauerte nur vier Jahre, halb so lang wie das von Benedikt. Doch mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) legte Johannes den Grundstein für eine Modernisierung der Kirche.

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