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Pandemie-Publikum:Unsere Pappenheimer

Politischer Aschermittwoch in Bayern - CSU

Gruselige Kulisse: Markus Söder beim Politischen Aschermittwoch vor seinem Publikum aus Pappe.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Im Fernsehstudio, bei Parteiveranstaltungen, im Stadion: Überall blicken uns derzeit Pappfiguren an. Drehen wir langsam durch?

Von Martin Zips

Mit ihrem zombiehaften Dauergrinsen erinnern sie an Jahrmarktfiguren, denen man den Zylinder vom Kopf zu werfen hat. Oder an Vogelscheuchen auf dem Feld. Doch gerade dieser Tage entkommt man ihnen einfach nicht, den Pappfiguren. In Fernsehshows finden sie sich haufenweise dort, wo sonst das Publikum mal saß. In Sportarenen sind sie zu sehen, manchmal auch in Kirchenbänken oder hinter den Fenstern geschlossener Restaurants. Am Politischen Aschermittwoch hat sich kürzlich sogar der bayerische Ministerpräsident vor grinsenden Pappaufstellern verneigt. Was für ein absurdes Theaterstück.

Und doch verfängt sie manchmal, die Täuschung. Im Gedicht "Marter in Bielefeld" von Joachim Ringelnatz wird dem Ich-Erzähler erst auf den zweiten Blick bewusst, dass eine schöne Frau "nur Attrappe - Fleisch aus Pappe" ist, nämlich eine Werbefigur für Damenunterwäsche. Schade, findet das Ringelnatz'sche Ich im kalten Bielefeld, denn: "In mir war qualvoll irgendwas entfacht".

Als neue Freundin stellte man dem japanischen Zoo-Pinguin Grape eine Pappfigur ins Gehege. Prompt verliebte er sich.

(Foto: HANDOUT/AFP)

Recht qualvoll war's auch für den Pinguin Grape in einem Zoo nördlich von Tokio, als er im Jahr 2017 von seiner langjährigen Partnerin Midori verlassen wurde. Das Personal stellte ihn zum Trost eine Figur aus Pappe ins Gehege, in die sich Grape auch sofort verliebte. Dieses Paar blieb bis zu seinem Tod zusammen.

Der Mensch verspürt beim Anblick von Pappfiguren oft ein rätselhaftes Gefühl der Leere. Ein flaues Gefühl, welches man etwa vom Besuch eines Wachsfigurenkabinetts kennt, von der ersten Begegnung mit einer Beatmungspuppe im Erste-Hilfe-Kurs oder den Ausflug in einen Erotikladen. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", heißt es bei Adorno. Tatsächlich können auch die Silhouetten in den Scherenschnitt-Filmen von Lotte Reiniger oder die Papp-Presleys im Elvis-Museum von Memphis erstaunlich lebendig wirken. Wieder zusammengeklappt aber verströmen sie in ihrer Erstarrtheit die gleiche todtraurige Verlorenheit wie die steinernen Engel am Friedhof oder unbewegte Marionetten in der coronabedingt geschlossenen "Augsburger Puppenkiste". Für empörte Reaktionen hatte vor drei Jahren eine Aktion des thailändischen Regierungschefs Prayut Chan-o-cha gesorgt, der sich vor Journalisten von einer Pappfigur vertreten ließ. Die Berichterstatter sollten lieber ihr die Fragen als ihm stellen, meinte der Mann. Das kam nicht gut an. Ein schweigendes Gegenüber, das kann sogar aggressiv machen.

Für Mark Müller, Geschäftsführer der Kölner Firma "Die Druck-Produzenten", sind Pappfiguren vor allem eines: ein gutes Geschäft. Bis zu 15 000 Exemplare verkauft er derzeit im Jahr. "Neuerdings vor allem sitzende Personen." Müllers "Hinsetzer" ersetzen das Publikum in TV-Shows mit Joko und Klaas oder Mario Barth. "Mal suchen wir ihre Gesichter aus dem Material diverser Fotoagenturen zusammen, mal schickt sie uns der Kunde." Wo seine Pappfiguren schon überall gelandet sind, das weiß auch Müller nicht genau. "Wir beliefern Firmen, die wiederum andere Firmen beliefern." Einen Osama bin Laden, wie er kürzlich einmal während eines Spieles der englischen Fußballmannschaft Leeds United im Ersatz-Publikum zu finden war, hat Müller freilich nicht im Programm.

Bei einem Spiel der englischen Fußball-Mannschaft Leeds United saß auch Osama Bin Laden auf der Tribüne.

(Foto: Youtube/Youtube)

Die Frage ist: Was passiert auf Dauer mit uns, wenn uns leblose Schattenwesen ersetzen? Drehen wir langsam durch, wie der Typ in Martin Scorseses Film "The King of Comedy", der sich seinen Lieblings-Showstar als lebensgroßen Papp-Aufsteller in die Wohnung stellt? Oder nehmen wir unser falsches Gegenüber einfach so hin, wie die Vögel, denen Konrad Lorenz einst nur ein Pappschild mit großen Augen ans Nest halten musste, schon sperrten sie die Schnäbel auf?

"Innere Pappkameraden brauchen wir alle, wenn wir als Einzelne vor einer Gruppe stehen, ob als Priester, Politikerin, Lehrer oder Sportlerin", meint der Münchner Jesuit und Psychoanalytiker Eckhard Frick. Oft müsse man sich ein Bild von den anderen machen, "um dann die Projektion zurückzunehmen, wenn wir den lebendigen Menschen hinter unseren Bildern begegnen". Pappfiguren als Publikum allerdings erinnerten ihn eher an den Pygmalion-Mythos, wo sich ein Künstler in die von ihm erschaffene Elfenbein-Statue verliebe. "Der Ersatz leibhaftiger Menschen durch virtuelle Körper aus Pappe, Pixel oder Fantasie", das sei für ihn insgesamt "eine unheimliche Entwicklung".

Christof Schulte, Executive Producer der von Kai Pflaume moderierten ARD-Fernsehfragerunde "Wer weiß denn sowas?", kann es kaum erwarten, "endlich wieder echtes Publikum im Studio begrüßen zu können". Schulte hat bereits im vergangenen Herbst 120 sitzende, "aus optischen Gründen zweimal um 90 Grad gebogene" Publikumsfiguren aus Plexiglas herstellen lassen. "Von der Deko-Werkstatt auf dem Gelände des Studios Hamburg, wo wir produzieren." Über eine App können Fernsehzuschauer Folge für Folge an der "Verlosung" einer dieser Figuren teilnehmen - der von den echten Kandidaten erspielte Gewinn wird dann unter ihnen aufgeteilt. Doch die gute alte Zeit, in der noch echtes Publikum im Studio saß und der Applaus und die Lacher noch nicht vom Band kamen, ersetze das natürlich nicht, meint Schulte und klingt dabei so traurig, wie ein Mensch aus Fleisch und Blut nur klingen kann.

© SZ/min
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