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Norwegen:Wo der König mit seinem Schiff begraben liegt

Norway's Minister for Climate Rotevatn takes first shovel on excavation of Gjellestadskipet

Norwegens Minister für Klima und Umwelt, Sveinung Rotevatn, eröffnet offiziell die Grabung nach dem Wikingerschiff am Gjellestad.

(Foto: NTB Scanpix/Reuters)

Erstmals seit mehr als 100 Jahren legen Norwegens Archäologen wieder ein Wikingerschiff frei. Vermutlich ist es das älteste bisher ausgegrabene - und nicht nur deswegen ein erstaunlicher Fund.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Nun graben sie tatsächlich. Erstmals seit mehr als 100 Jahren legen Norwegens Archäologen in diesem Sommer wieder ein Wikingerschiff frei. Und der Ort, an dem man den erstaunlichen Fund vor zwei Jahren entdeckte, war das vielleicht Verblüffendste daran: Die Gegend war seit 300 Jahren bekannt als altes Gräberfeld, der 13 Meter hohe als "Jellhaugen" bekannte Gräberhügel ist von Weitem sichtbar. Als der norwegische Archäologe Erling Johansen sich 1944 den Hügel erstmals näher ansah, sagten ihm Leute vor Ort, hier liege "König Jell mit seinem Schiff begraben". Die Archäologen, die 1968 mit ersten Grabungen in dem Hügel begannen, fanden dann allerdings nur Knochen und andere Überreste frühzeitlicher Siedlungen, aber keinen König und auch kein Schiff.

Dass die Vorfahren der Norweger in der Umgebung des Jellhaugen einiges vergraben hatten, lag nahe, aber die meisten Archäologen gingen davon aus, dass die Pflüge der Bauern in den vergangenen Jahrhunderten ganze Arbeit geleistet hatten und in den umliegenden Feldern deshalb wohl nicht mehr viel zu finden sein würde.

Die Überraschung war deshalb groß, als Experten des Norwegischen Institutes für Kulturerbe-Forschung Niku 2018 die Gegend noch einmal mit modernster Technik untersuchten - und dann mithilfe eines Georadars in den Feldern eines Jellstader Bauern einen "Jahrhundertfund" machten, wie es sogleich hieß: Die Bilder zeigten eindeutig die Konturen eines Schiffskiels, Teile des Plankengerippes waren noch zu erkennen.

Die Überreste des Schiffs auf einem Georadar-Bild.

(Foto: NIKU/AFP)

Stolz der Norweger

Testgrabungen im vergangenen Jahr bestätigten dann die ersten Analysen. Gerade mal 50 Zentimeter unter der Oberfläche liegt hier ein Schiff begraben. Ein Langschiff der Wikinger, ein mächtiges dazu, das sich hier mehr als eintausend Jahre lang versteckt hatte. Der Fund des wohl mehr als 20 Meter langen Schiffes war eine Sensation in Norwegen. Drei Mal waren dort bisher solche Schiffe ausgegraben worden: 1868, 1880 und 1904. Die bei ihrer Ausgrabung gut erhaltenen Schiffe stehen heute im Museum für Wikingerschiffe auf der Museumshalbinsel Bygdøy in Oslo.

Wikingerschiffshalle Vikingskiphuset, Bygdoy, Oslo, Norwegen

Das Oseberg-Schiff, gefunden 1904 in Vestfold, das nun auf der Museumshalbinsel Bygdøy in Oslo steht.

(Foto: Imago)

Dort sind sie eine der größten Sehenswürdigkeiten des Landes und zudem Stolz der Norweger, das heißt, zumindest waren sie das, bis die Regierung immer knausriger wurde und das Museum 2019 schließlich komplett vergaß bei der Zuteilung der Mittel zur Erhaltung der Schiffe. "Ich hoffe, sie geben uns keine neuen Wikingerschiffe, die wir hier unterbringen sollen", ließ sich noch im vergangenen Jahr eine der im Museum angestellten Archäologinnen voller Frust zitieren.

Nun ist alles anders. In der Zwischenzeit hat die Regierung umgerechnet mehr als drei Millionen Euro freigegeben für den von den Wissenschaftlern lange ersehnten Neubau des Wikingerschiff-Museums. Und im Mai dieses Jahres stellte sie noch einmal 15 Millionen Kronen, ungefähr 1,5 Millionen Euro, bereit für die Ausgrabung des Gjellestad-Schiffs, so benannt nach seinem Fundort.

Vermutlich aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts

Die Entscheidung, das Schiff auszugraben, war 2019 gefallen, nachdem bei den Testgrabungen Feuchtigkeit und Pilzbefall festgestellt worden war: Man möchte nun retten, was zu retten ist, bevor die letzten Holzreste des Schiffes möglicherweise in der feuchten Erde verrotten. "Wir möchten wichtige Erkenntnisse über das Zeitalter der Wikinger für künftige Generationen sichern", sagte Sveinung Rotevatn, Klima- und Umweltminister der liberal-konservativen Regierung.

Erstmals kann nun ein solches Schiff mithilfe der neuesten Technologien freigelegt werden. Das Schiff ist offenbar älter als die drei in Oslo ausgestellten, vermutlich wurde es in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts gebaut. Es wurde wohl aus dem Oslofjord an Land gezogen für die Beerdigung eines Wikingerherrschers. Mächtige Anführer der Wikingergesellschaft ließen sich damals in diesen Schiffen begraben. Im Moment rechnen die Archäologen mit einer Ausgrabungszeit von fünf Monaten.

© SZ/ick/lot
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