Gewalttat in Norwegen:"Plötzlich hörte ich die Polizei brüllen: 'Leg deine Waffe hin!'"

In der kleinen Stadt Kongsberg bei Oslo tötet ein mit Pfeil und Bogen bewaffneter Mann mindestens fünf Menschen. Nun werden erste Details über den Täter bekannt.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Mindestens fünf Menschen sind am Mittwochabend in der norwegischen Stadt Kongsberg ums Leben gekommen, nachdem ein Mann sie mit Pfeil und Bogen angegriffen hat. Mehrere Menschen liegen verletzt im Krankenhaus. Die Polizei schloss am späten Mittwochabend auch einen Terrorakt nicht aus. "Wir glauben, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, halten uns aber alle Möglichkeiten offen, auch die, dass es sich um einen Terroranschlag handelt", sagte Øyvind Aas, der Leiter des Polizeieinsatzes bei einer Pressekonferenz.

In der Nacht auf Donnerstag veröffentlichte die Polizei weitere Details. Bei dem Täter handele es sich um einen 37-jährigen Dänen, der aber im südnorwegischen Kongsberg lebe. Er sei angeklagt worden. Bei einem der Verletzten handele sich um einen Polizisten, der aber zum Tatzeitpunkt nicht im Dienst war. Über die Toten und die weitere verletzte Person machte die Polizei keine genaueren Angaben. Der Vorfall ereignete sich am Vorabend des Regierungsantritts des neuen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre.

Die scheidende konservative Ministerpräsidentin Erna Solberg, die am Mittwoch ihren letzten Tag im Amt hatte, sprach von einer "entsetzlichen" Tat. Die Polizei habe die Lage aber unter Kontrolle. Die ebenfalls scheidende Justizministerin Monica Mæland teilte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Solberg mit, sie habe den neuen Premierminister Jonas Gahr Støre über die Vorfälle informiert. Auch Støre meldete sich zu Wort, er nannte die Tat "grausam und brutal". Der Sozialdemokrat hatte am Mittwochnachmittag in Oslo sein Regierungsprogramm vorgelegt und wird am Donnerstag die neue Regierung vorstellen und sein Amt antreten. Der Regierungschef im benachbarten Schweden, Stefan Löfven, schrieb auf Twitter, seine Gedanken seien bei den Opfern und ihren Angehörigen. Es handele sich um einen "furchtbaren Angriff".

Der mutmaßliche Täter war in einem Supermarkt festgenommen worden, einem der Tatorte. Kurz nach der Tat erhielten die Polizeieinheiten im ganzen Land den Befehl, sich vorübergehend zu bewaffnen; Norwegens Polizisten sind normalerweise unbewaffnet. Das sei nur eine vorsorgliche Maßnahme, teilte die Polizeidirektion mit, es lägen keine konkreten Hinweise auf eine Veränderung der Bedrohungslage im Land vor.

Die Angriffe wurden gegen halb sieben am Mittwochabend bekannt, als die Polizei auf Twitter mitteilte, ein Mann habe mit Pfeil und Bogen auf Menschen geschossen. Die Zeitung Verdens Gang interviewte den Studenten Sarkis Younan, der mit einem Freund zusammen nur ein paar Schritte von der Supermarktfiliale in Kongsberg wohnt, in der der Täter gefasst wurde. "Ich sah mir 'Squid Game'" an, als ich plötzlich Sirenen hörte. Ich dachte, es wäre Teil der Fernsehserie", erzählte der Student. "Plötzlich hörte ich die Polizei brüllen: 'Leg deine Waffe hin!'"

Später teilte die Polizei mit, der Täter habe sich "großflächig" in der Stadt bewegt, es gebe mehrere Tatorte, der Supermarkt war offenbar nur der letzte. Eine Stunde später dann war ein Bombenkommando der Polizei im Einsatz. Außerdem waren Krankenwagen unterwegs von Oslo in Richtung Kongsberg. Große Osloer Krankenhäuser hielten sich bereit für Notfälle.

Kongsberg ist ein kleines Städtchen mit knapp 28 000 Einwohnern nicht weit von Norwegens Hauptstadt. Die Stadt war im 17. Jahrhundert als Bergbauort gegründet worden, damals hatte man dort große Silbervorkommen entdeckt. Das norwegische Königshaus holte anfangs vor allem deutsche Bergleute nach Kongsberg. Später entstanden dort auch Waffenfabriken und zuletzt Betriebe unter anderem für Raumfahrt- und Flugzeugtechnik. Außerdem gibt es eine Fachhochschule. Die alten Minen sind heute Touristenattraktion.

Am 22. Juli erst hatte das Land den zehnten Jahrestag des Utøya-Massakers begangen

"Es ist eine ruhige Stadt, hier passiert selten etwas", sagte eine Anwohnerin nach der Tat der Zeitung Verdens Gang. "Es ist herzzerreißend", sagte ein anderer: "Im kleinen Kongsberg erwartet man so etwas nicht." Die Bürgermeisterin Kari Anne Sand sprach von einer "Tragödie für alle Betroffenen": Die Tat sei "grausam und unvorstellbar". Die Gemeinde richtete einen Krisenstab für Betroffene und Angehörige ein.

Norwegen war in der Vergangenheit vor allem Ziel von Terroranschlägen aus dem rechtsextremistischen Lager. Vor knapp drei Monaten erst hatte das Land den zehnten Jahrestag des Massakers auf der Insel Utøya begangen. Am 22. Juli 2011 hatte der damals 32-jährige Rechtsextremist Anders Behring Breivik zuerst im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe gezündet, durch die acht Menschen getötet wurden. Danach war er nach Utøya gefahren, wo das traditionelle Sommercamp der sozialistischen Arbeiterjugend stattfand, und ermordete dort 67 Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche. Zwei weitere Menschen kamen bei der Flucht ums Leben.

© SZ/dpa/olkl/pwe/kast
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