Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg:Vorgesetzte von Niels Högel müssen vor Gericht

Prozess gegen Patientenmörder Niels Högel

Im Josef-Hospital in Delmenhorst (Foto) und in Oldenburg hat Niels Högel mindestens 100 Patienten ermordet.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Der Krankenpfleger ist der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte, mindestens 100 Patienten hat er ermordet. Jahre nach seinen Taten müssen sich nun acht Menschen verantworten, die nicht eingegriffen haben.

Von Annette Ramelsberger

Er hat 100, vielleicht 200 Menschen ermordet. Für 85 dieser Morde wurde er verurteilt: Niels Högel, der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte. Der Krankenpfleger hat an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst über Jahre hinweg Patienten getötet, die auf seine Pflege und Fürsorge in den Kliniken gehofft hatten. Im Jahr 2019 wurde Högel, 45, zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun endlich müssen sich auch die Menschen verantworten, die seine Vorgesetzten waren und die - so hat man den Eindruck - nichts sehen und hören wollten: keine Gerüchte, keine Hinweise von Kollegen und auch nicht den sprunghaften Anstieg beim Verbrauch des Medikaments, mit dem Högel zumeist tötete.

Acht Angeklagte müssen sich von Beginn nächsten Jahres an vor dem Landgericht Oldenburg verantworten: darunter Ärzte, eine Pflegedienstleiterin, ein Krankenhauschef, eine stellvertretende Stationsleiterin. Vier aus Oldenburg, vier aus Delmenhorst. Es wird eines der wichtigsten Verfahren des nächsten Jahres.

Am Freitag hat die Kammer von Richter Sebastian Bührmann, der bereits die Prozesse gegen Högel geführt hatte, nun auch die Anklagen gegen die Ärzte und Pfleger aus den Krankenhäusern Oldenburg und Delmenhorst zugelassen und sie miteinander verbunden, wie die Nordwest-Zeitung am Wochenende berichtete. Allerdings mit einer Ausnahme. Ausgerechnet der Chef der Anästhesie im Klinikum Oldenburg, der Högel trotz immer größer werdender Bedenken gegen seine Arbeit ein gutes Arbeitszeugnis ausgestellt hatte, muss nicht vor Gericht. Dabei hatte das Zeugnis dazu geführt, dass Högel, den sein ehemaliger Arbeitgeber in Oldenburg sogar drei Monate bei vollen Bezügen freistellte, um ihn loszuwerden, sofort wieder Arbeit bekam - im Krankenhaus Delmenhorst. Dort mordete er schon nach wenigen Tagen weiter - bis er 2005 auf frischer Tat ertappt wurde.

Lange waren die Mitarbeiter blind für Högels Taten

Das Landgericht Oldenburg aber erklärte, der Arzt, der Högel mit dem guten Zeugnis quasi weggelobt hatte, sei nicht für die Morde in Delmenhorst verantwortlich zu machen. Er habe gegenüber den Patienten in Delmenhorst keine "Garantenstellung" gehabt, sich also nicht um ihr Wohl kümmern müssen - sondern nur um das Wohl seiner Patienten in Oldenburg.

Doch auch in Delmenhorst war man lange blind für die Taten Högels, der immer ungenierter tötete. Högel konnte sogar noch morden, als er 2005 bereits auf frischer Tat ertappt worden war. Doch seine Vorgesetzten riefen nicht etwa sofort die Polizei, sondern ließen ihn noch zwei Schichten arbeiten, weil er dann Urlaub hatte. In dieser Zeit wollte man dann in Ruhe entscheiden, wie man vorgehen wolle. Doch in seiner letzten Schicht tötete Högel noch einmal eine Patientin. Seine Vorgesetzten aus Delmenhorst müssen sich auch wegen dieses Falls verantworten. Er ist nun 16 Jahre her.

Der Prozess soll ein Jahr dauern

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat - nach jahrelangem Zögern - in den vergangenen Jahren darum gekämpft, dass auch die Vorgesetzten Högels vor Gericht kommen. Sie wirft den Angeklagten Tötung durch Unterlassen vor. Sie seien den Gerüchten um Högel nicht nachgegangen und hätten nicht angemessen reagiert, als sich der Verdacht gegen ihn verdichtete. Das Landgericht hat jedoch bereits klargemacht, dass es nur eine Beihilfe zur Tötung durch Unterlassen sieht - der Strafrahmen ist hier bedeutend niedriger. Ohnehin hat sich das Strafverfahren gegen die Vorgesetzten Högels so lange verzögert, dass viele der Angeklagten nun bereits kurz vor oder im Ruhestand sind. Der jüngste Angeklagte ist 60, der älteste 77 Jahre alt. Ihren Karrieren haben die Vorwürfe kaum geschadet.

Der Prozess soll wegen des großen Interesses - wie schon der gegen Högel - in den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg stattfinden. Er wird vermutlich mehr als ein Jahr dauern, weil er, so der Sprecher des Landgerichts, nur alle zwei bis drei Wochen an je zwei Tagen vorangetrieben werden soll. 40 Verhandlungstage sind angesetzt. Der Hauptzeuge wird Niels Högel sein. Weil sein Verfahren nun rechtskräftig abgeschlossen ist, muss er nun als Zeuge aussagen. Ob seine Aussagen belastbar sind, ist fraglich. Möglich, dass er ehemalige Kollegen und Vorgesetzte belasten will. Möglich auch, dass er sich an nichts mehr erinnert, so wie er sich ja auch an einen Teil seiner Morde nicht mehr erinnern kann. Es waren einfach zu viele.

© SZ/vwu
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