bedeckt München 28°

New York:Und allnächtlich grüßt der China-Böller

Illegal fireworks illuminate the sky over the Bedford-Stuyvesant neighborhood of the Brooklyn borough of New York City, New York

Illegales Feuerwerk explodiert über dem Stadtviertel Bedford-Stuyvesant im New Yorker Bezirk Brooklyn.

(Foto: Lucas Jackson/Reuters)

Seit Wochen werden in New York City jede Nacht illegale Feuerwerke gezündet, die die Anwohner um ihren Schlaf bringen. Die Polizei ist machtlos. Der Bürgermeister will jetzt eine Taskforce einsetzen.

Von Thorsten Denkler, New York

Alle paar Sekunden explodiert ein Knallkörper. Manchmal nur einer, aber so laut, dass die Scheiben zittern. Dann zwei, drei, vier hintereinander. Manchmal sind Lichtblitze und Feuerregen zu sehen. Es ist elf Uhr am Abend in Crown Heights, Brooklyn. Und wenn es so bleibt wie in den vergangenen Wochen, dann wird das Geknalle erst in den frühen Morgenstunden langsam abebben.

Es ist ein Phänomen, das seit einigen Jahren bekannt ist. Aber noch nie so schlimm gewesen sein soll wie in diesem Jahr. Es ist so etwas wie eine Tradition, dass sich Menschen in weniger reichen Arbeitervierteln kurz vorm Unabhängigkeitstag am 4. Juli mit allerlei Raketen und Donnerschlägen eindecken, um diese, sobald es dunkel ist, zum großen Missfallen der Anwohner abzufeuern.

Crown Heights und zwei benachbarte Stadtteile in Brooklyn gelten als das Zentrum der Böllerei. Aber auch aus der Bronx, Teilen Manhattans, einigen Städten entlang der Ostküste von Boston bis hinunter nach Washington werden Knallereien gemeldet.

Normalerweise dauert der Wahnsinn immer nur ein paar Tage an. In diesem Jahr aber hat es schon Mitte Mai angefangen. Eine Auswertung der Anrufe bei der Beschwerde-Nummer 311 der Stadt New York ergab, dass allein im Juni die Zahl der Böller-Beschwerden gegenüber dem Vorjahr um das 321-Fache zugenommen hat. Seit Monatsanfang hat es mehr als 9000 solcher Klagen gegeben. 2019 waren es im gleichen Zeitraum nur 28.

Was zu diesem enormen Anstieg führt, ist bislang völlig ungeklärt. Über die Frage nach dem Warum wird wild spekuliert. Das sei alles nur eine Fehlwahrnehmung, weil wegen Corona die Städte so leise geworden seien, sagen die einen. Andere vermuten, die US-Feuerwerksindustrie könnte dahinterstecken. Die wird nämlich ihre Ware nicht los wegen der vielen coronabedingten Absagen von öffentlichen Feuerwerken zum 4. Juli. Die nächstliegende Erklärung dürfte wohl sein: Langeweile. Aber auch das ist nur eine Spekulation.

Stadt hängt in einer Silvester-Dauerschleife

Wer morgens in den sozialen Netzwerken die vielen Feuerwerksbilder aus der vergangenen Nacht durchforstet, der wird den Eindruck nicht los, dass die Stadt in einer Silvester-Dauerschleife festhängt. Allnächtlich grüßt der China-Böller. Die Knaller und Raketen werden von der Straße, von Hausdächern, aus Wohnungen und Autos heraus gezündet. Zum Teil laufen Horden von Menschen durch die Straßen und feuern Batterien von Raketen in alle Richtungen ab. Auf Twitter berichtet Ryan Devereaux, Reporter der Investigativ-Seite The Intercept, dass sich ansonsten verfeindete Gangs Feuerwerksschlachten auf den Straßen liefern. Aus Spaß. Manchmal explodieren Irrläufer unter Autos, dann beginnen deren Alarmanlagen zu heulen.

Mitte vergangener Woche hat sich ein 33-jähriger Mann in Crown Heights die Brust verbrannt, weil eine Rakete in dem Plastikrohr stecken geblieben war, durch das er das Geschoss aus seinem Wohnzimmerfenster heraus in den New Yorker Nachthimmel jagen wollte. Die Rakete zündete im Rohr, der Mann stand etwas unglücklich dahinter. Er landete schwer verletzt im Krankenhaus. In Yonkers nördlich von New York ist am Sonntag bereits ein Haus ausgebrannt, der Brand wurde vermutlich von einem Feuerwerkskörper ausgelöst.

In New York ist privates Feuerwerk grundsätzlich verboten. Wer eines zu sehen bekommen will, der hat dazu immer am 4. Juli Gelegenheit, wenn das von der Kaufhauskette Macy's gesponserte Feuerwerk der Superlative über Manhattan abbrennt - das allerdings in diesem Jahr auch nicht stattfinden wird. Es wurde diese Woche abgesagt, um in der Corona-Krise größere Menschenansammlungen zu vermeiden. Stattdessen soll es in den fünf New Yorker Stadtbezirken über mehrere Tage verteilt dezentrale Feuerwerke geben, die nicht länger als fünf Minuten dauern sollen.

Hupkonzert gegen Bürgermeister Bill de Blasio

Schon gar nicht erlaubt sind die Kaliber, die gerade jede Nacht die Tassen im Regal klirren lassen. Die Silvester-Familienpackung, mit der etwa in Berlin gerne das neue Jahr begrüßt wird, mutet dagegen wie ein Tischfeuerwerk für Kleinkinder an. Legal kaufen lässt sich das Zeug jedenfalls nicht. Dealer handeln damit auf der Straße oder aus Kofferräumen heraus.

Bisher schien es, als würde sich Bürgermeister Bill de Blasio nicht sonderlich für die Hobby-Feuerwerker interessieren. Hunderte New Yorker sind deshalb in der Nacht zu Dienstag in ihre Autos gestiegen und haben ein lang anhaltendes Hupkonzert vor der Gracie Mansion veranstaltet, der Residenz des Bürgermeisters an der Upper East Side von Manhattan. An dem Protest hat sich auch Stadtrat Chaim Deutsch beteiligt. In einer Video-Botschaft erklärt er an de Blasio gerichtet: "Herr Bürgermeister, wenn wir nicht schlafen können, dann sollen Sie es auch nicht."

Das scheint de Blasio wachgerüttelt zu haben. Am Dienstag hat er die illegalen Feuerwerke zur Chefsache erklärt. Auf einer Pressekonferenz kündigte er an, eine 42-köpfige Taskforce einrichten zu wollen, in der Polizei, Feuerwehr und das Sheriff-Büro zusammenarbeiten sollen. Die sollen sich die Händler schnappen, die die explosive Ware in die Stadt bringen. "Wir wollen den großen Fisch fangen", sagte er.

Allerdings will er keine zusätzlichen Streifen in die betroffenen Viertel schicken. Gegen die Zündler kann die Polizei kaum etwas machen. Die sind weg, sobald die Lunte brennt. In den Jahren zuvor hat sie die Knallerei meist großzügig ignoriert. Jetzt aber ist die Situation aus dem Ruder gelaufen. Aktuelle Daten zu Festnahmen oder Beschlagnahmungen gibt das NYPD auf SZ-Nachfrage nicht heraus.

In manchen Fällen wäre ein Anruf auch völlig sinnlos gewesen. Es gibt Videos, die ein massives Aufgebot an Feuerwehr und Polizei in den Straßen von Crown Heights zeigen. Und mitten drin werden Raketen in die Luft geschossen. Ohne dass jemand eingreift. In einem weiteren Video ist zu sehen, wie ebenfalls in Crown Heights offensichtlich Feuerwehrmänner vor ihrer Wache Raketen abfeuern. "Nicht cool" findet das der Anwohner, der das Video nach eigener Aussage vergangenen Samstag gedreht hat.

Der Bezirkspräsident von Brooklyn, Eric Adams, riet Anfang der Woche dringend davon ab, überhaupt die Polizei zu rufen. Aus politischen Gründen: Die Menschen in Brooklyn gingen nicht seit zwei Wochen gegen ausufernde Polizeigewalt auf die Straße, um jetzt ein paar junge Leute wegen ein bisschen Knallerei der Polizei auszuliefern, sagte Adams. Sein Rat an die Schlaflosen: Einfach auf die Krachmacher zugehen und mit ihnen ins Gespräch kommen.

© SZ/lot

SZ Plus
Polizei in den USA
:Zu selten Freund, zu selten Helfer

In den USA wird nicht nur unter den Anti-Rassismus-Protestanten der Ruf nach Polizeireformen lauter. Was genau mit der Losung "defund the police" gemeint ist und was einige Staaten bereits unternehmen.

Von Alan Cassidy

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite