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SZ-Serie "Ein Anruf bei ...":"Mein Schreibtisch ist auch nicht viel aufgeräumter"

Foto der Bachmannpreisgewinnerin einen Augenblick nachdem sie von ihrem Glück erfahren hat. Netterweise von Frau Bereuter honorarfrei zur Verfügung gestellt.

Der Ort, an dem Nava Ebrahimi virtuell den Bachmannpreis verliehen bekam: das Legozimmer ihres neunjährigen Sohnes.

(Foto: Zita Bereuter/radio FM4/ORF)

Nava Ebrahimi gewinnt den Bachmannpreis - und sitzt bei der Übertragung in einem herrlich unaufgeräumten Zimmer in ihrer Wohnung. Wie sie damit auch zu einem anderen Bild von Schriftstellern beitragen will.

Interview von Veronika Wulf

Als Nava Ebrahimi am Sonntag bei einer virtuellen Preisverleihung den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen bekommt, sitzt sie vor einer blanken weißen Wand. Ein unspektakulärer Hintergrund für einen großen Moment. Wenn man genau hinschaut, sieht man sogar leichte dunkle Flecken auf dem Weiß, aber wer achtet da schon drauf, nach einem Jahr Pandemie und all den Gesichtern im Viereck. Später twittert eine österreichische Literaturkritikerin ein Foto derselben Szene in größerem Bildausschnitt: Ebrahimi sitzt an einer Art Beistelltisch, vor ihr ein Tablet auf einem Stativ an einer Verlängerungskabel-Doppelkonstruktion, und am Boden: jede Menge Legosteine.

SZ: Frau Ebrahimi, herzlichen Glückwunsch zum Bachmannpreis. Aufmerksamkeit hat aber auch das Foto auf Twitter erregt ...

Nava Ebrahimi: Ich habe überlegt, wo ich mich hinsetze für den Bachmannpreis, weil ich nicht wollte, dass irgendetwas im Hintergrund zu sehen ist, das die Gemüter erregen oder vom Text und der Literatur ablenken könnte. Aber in den Lockdowns hat unsere Vier-Zimmer-Wohnung ganz schön gelitten, weil wir so viel zu Hause waren. Ich habe zwei Jungs, fünf und neun Jahre alt. Da sind die Wände bemalt, haben Schrammen vom Bobbycar, Abdrücke von Schokofingern ... Kurz: Wir haben einfach keine Wand mehr, die einigermaßen weiß ist, außer in diesem Legozimmer. Mein größerer Sohn wollte seine Legostadt natürlich auch nicht abbauen, deshalb habe ich den Tisch da einfach reingestellt.

Sie sind ganz schön mutig, barfuß zwischen Legosteinen herumzulaufen!

Ich habe schon so eine dicke Hornhaut!

Entstehen Ihre preisgekrönten Texte an diesem Beistelltischchen inmitten von Lego-Salat?

Nein, ich habe schon einen Schreibtisch. Aber ehrlich gesagt ist der auch nicht viel aufgeräumter.

Dürfen Ihre Kinder in Ihrem Arbeitszimmer spielen?

Im Lockdown haben die sich die ganze Wohnung erobert.

Autorin Nava Ebrahimi - Bekanntgabe des Ingeborg-Bachmann-Preises

Nava Ebrahimi, 42, ist eine deutsche Schriftstellerin, die in Teheran, Iran, geboren wurde und im österreichischen Graz lebt. Für ihre Texte wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

(Foto: Clara Wildberger/ORF/LST KÄRNTEN/dpa)

Können Sie schreiben in dem Chaos?

Ja, das habe ich gelernt. Ich arbeite eigentlich immer zu Hause, nur manchmal im Café, und war noch nie wahnsinnig ordentlich, aber ich habe mir angewöhnt: Wenn ich Schreibzeit habe, mache ich nichts im Haushalt. Dann kann es auch mal aussehen wie bei Hempels unterm Sofa, das ist mir dann egal. Dadurch bin ich ziemlich anspruchslos geworden, was meine Schreibumgebung angeht.

Und die Kinder dürfen jederzeit kommen, nach Eis fragen, laut sein ...?

Jetzt sind sie ja Gott sei Dank wieder in der Schule und im Kindergarten. Aber wenn sie in der Wohnung sind, geht Schreiben überhaupt nicht. Höchstens eine E-Mail, aber nichts Literarisches. Da werde ich ständig rausgerissen. Deshalb habe ich letztes Jahr bis auf den Bachmann-Text und ein paar kürzere Sachen nicht viel hingekriegt.

Ihr ausgezeichneter Text "Der Cousin" dreht sich, wie die Jury betonte, um die Kernfrage, wie viel Show es braucht, damit Botschaften überhaupt wahrgenommen werden. Auf Twitter hat das Lego-Bild viel Beifall bekommen: Endlich zeigt jemand mal die Realität von berufstätigen Müttern im Home-Office. Wie viel Show steckt in dem Foto?

In dem Moment war das keine Show, so sieht es wirklich bei mir aus. Aber es wird natürlich, sobald das jemand twittert, in gewisser Weise zu einem Showelement. Ich bin sehr zwiespältig, was Privates in der Öffentlichkeit angeht. Einerseits finde ich es schon wichtig, mal zu zeigen, unter welchen Bedingungen Autorinnen und Autoren mit Kindern arbeiten. Andererseits habe ich keinen Nerv für Social-Media-Diskussionen. Aber als Zita Bereuter, die Literaturkritikerin von FM4, mich gefragt hat, ob sie das posten kann, hat das spontan für mich gepasst. Ich war sowieso noch ganz baff, weil ich erst drei Minuten vorher erfahren habe, dass ich den Bachmannpreis gewonnen habe.

Sind schreibende Mütter im Literaturbetrieb unterrepräsentiert?

Das Thema Mutterschaft ist generell total unterrepräsentiert in der Literatur und in der Literaturgeschichte sowieso. Männer konnten schon immer Schriftsteller und Vater sein. Frauen, die schreiben und Kinder haben, waren bis vor einiger Zeit eher die Ausnahme. Und ich hatte immer ein bisschen den Eindruck, Schriftstellerinnen haben bis vor Kurzem damit hinter dem Berg gehalten, dass da noch ein anderer großer Lebensinhalt ist, der auch wahnsinnig viel Aufmerksamkeit und Lebensenergie von ihnen absaugt. Denn das kratzt an der Aura des Genies, das sich völlig aufopfert für die Literatur, Tag und Nacht dasitzt und sich ergießt und zwischendurch ein bisschen im Park spazieren geht. Aber ich glaube, dieses Bild, das wir von Schriftstellern haben, ändert sich gerade, zum Beispiel richten sich manche Aufenthaltsstipendien langsam auch an Autorinnen und Autoren mit Kindern. Wenn das Twitter-Fotochen da einen kleinen Beitrag leisten kann, dann finde ich das super.

Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert. Wie viel davon fließt in Lego?

Nichts, denn nachdem mein Sohn diese Legostadt aufgebaut hat, hat er das Zimmer nicht mehr oft betreten. Ich glaube, sein Werk ist vollendet. Er sucht sich jetzt eine neue Herausforderung.

© SZ/nas
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