Missbrauchsfall Staufen Angeklagter kündigt Geständnis an

  • Vor dem Landgericht Freiburg beginnt der erste Prozess im Staufener Missbrauchsfall.
  • Eine Mutter und deren Lebensgefährte sollen den inzwischen neunjährigen Sohn gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen haben.
  • Als erster Angeklagter steht nun ein 41 Jahre alter Mann vor Gericht, dem unter anderem Vergewaltigung in zwei Fällen, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und schwere Zwangsprostitution vorgeworfen werden.
Von Ralf Wiegand, Freiburg, und Kerstin Lottritz

Der Angeklagte mit dem blauen Pullover, Dreitagebart und kurz geschorenen Haaren hält sich einen großen Briefumschlag vor das Gesicht, als er in Handschellen in den Verhandlungssaal des Freiburger Landgerichts kommt. Er möchte nicht fotografiert werden - doch das Medieninteresse an ihm ist groß. Der jahrelange Missbrauch eines heute neunjährigen Jungen gilt als einer der schwersten Fälle von Kindesmissbrauch in Baden-Württemberg. Der 41 Jahre alte Markus K. aus Lahr im Schwarzwald ist der erste mutmaßliche Täter, der sich jetzt vor Gericht verantworten muss.

Dem Mann werden unter anderem schwere Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung sowie schwere Zwangsprostitution vorgeworfen. Als Staatsanwältin Nikola Novak mehr als fünf Minuten lang die Anklage verliest, stockt den meisten Zuhörern der Atem. Die Details des Missbrauchs an einem inzwischen neunjährigen Jungen aus Staufen sind grausam. Es geht um zwei Taten, die sich im Juli und September des vergangenen Jahres ereignet haben sollen.

Im ersten Fall soll er sich dem Jungen gegenüber als Polizist ausgegeben und ihn so eingeschüchtert und dann vergewaltigt haben. Im zweiten Fall soll er das Kind in der Wohnung der Mutter gefesselt und ihn dann vergewaltigt haben. Von beiden Taten hat er Videos gemacht.

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Über zwei Jahre soll sich das Martyrium des Kindes erstreckt haben. In dieser Zeit sollen seine Mutter und deren Lebensgefährte das Kind selbst missbraucht und im Internet zum Missbrauch angeboten haben. Als die Ermittler im vergangenen September das Paar in eine Falle lockten, war es die Mutter, die den Jungen an der Hand zu einem vermeintlichen Treffen mit einem "Kunden" führte. Der Junge ist mittlerweile in staatlicher Obhut.

Markus K. ist einer von sechs mutmaßlichen "Kunden", die die Ermittler ausfindig machen konnten. Genau wie die anderen sowie die Mutter und deren Lebensgefährte sitzt er in Untersuchungshaft. Der Staatsanwältin zufolge ist Markus K. bereits wegen schweren Kindessmissbrauchs vorbestraft. Im Gefängnis lernte er Christian L. kennen, den Lebensgefährten der Mutter des Jungen. Nach der verbüßten Haftstrafe trafen sich die beiden ausgerechnet in einem Programm für stark rückfallgefährdete Missbrauchstäter wieder. Der Kontakt zwischen den beiden kam also nicht über das Darknet zustande.

Markus K. habe ein Geständnis angekündigt und gegenüber einem psychiatrischen Gutachter die Taten bereits eingeräumt, sagte der Vorsitzende Richter Stefan Bürgerlin zu Prozessbeginn. Doch davon wird nichts öffentlich zu hören sein. Da der 41-Jährige über sein Sexualleben berichten wolle, werde die Öffentlichkeit zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte ausgeschlossen. Dies gelte auch für die Plädoyers und das letzte Wort des Angeklagten vor dem Urteil. Auch die Videos der Taten werden nicht öffentlich gezeigt.

Geplant sind den Angaben zufolge zunächst drei Verhandlungstage. Der neunjährige Junge ist Nebenkläger, er wird durch eine Opferschutzanwältin vertreten. Ein Urteil gegen Markus K. könnte es bereits in der kommenden Woche geben, ihm droht nach Angaben der Staatsanwaltschaft bei einer Verurteilung eine langjährige Haftstrafe und Sicherungsverwahrung. Weitere Prozesse folgen - etwa gegen die Mutter und deren Lebensgefährten - ab dem 11. Juni ebenfalls vor dem Landgericht Freiburg.

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