Stilkritik "Mosh Pit":Tschüss, Proletariat

Festival goers moshpit to Pornomotora, as they perform at the annual Tattoo Music Fest in Bogota, Colombia. The Tattoo M

Eher entzerrter Mosh Pit auf dem jährlichen Tattoo-Music-Festival in Bogota, Kolumbien. Die Menschen im Bild bewegen sich zu den feinen Klängen der Band "Pornomotora".

(Foto: Sebastian Barros Salamanca via www.imago-images.de/imago images/VWPics)

Um einen "Mosh Pit" zu vermeiden, mieten sich immer mehr Millionäre einen Privatjet, schreibt der "Guardian". Was soll denn das bedeuten?

Von Martin Zips

Der Privatjet-Branche gehe es gerade richtig gut, schreibt der Guardian. Enorme Zuwächse. Klar, während der Pandemie mussten natürlich auch viele Superreiche erst mal am Boden bleiben. Warum sich nicht jetzt, wo die Corona-Regeln überall gelockert werden, mal wieder was gönnen? Und selbst wenn der Kohlendioxidausstoß pro Passagier in einem Privatjet zwanzigmal höher ist als im Linienflieger, den Reichen, so schreibt das Blatt, sei es schon wichtig, dem "Mosh Pit" aus dem Weg zu gehen. Dem was?

"Mosh Pit" bezeichnet eigentlich den Publikums-Tanzbereich vor einer jener Konzertbühnen, auf der Musiker mit langen Haaren, E-Gitarren und Lederjacken meist sehr, sehr laut Musik machen. In einem Mosh Pit geht es ausgesprochen turbulent und emotional zu.

Und, richtig, natürlich ist ein Mosh Pit alles andere als ein rein jugendliches Phänomen. Wer sich am Samstag schon mal mit einer ebenfalls zur Emotionalität neigenden Rentnergruppe wegen der Reihenfolge vor der Supermarktkasse gestritten hat, der weiß, warum. Auch vor der Garderobe in der Oper, vor einer Tankstelle in England oder am Flughafenterminal auf dem Weg in die Karibik können jederzeit Mosh Pits entstehen. Von ihrer Dynamik her ähneln sie manchmal einem Kieler Tornado, dann wieder der Rush-Hour in der Münchner U-Bahn. Und natürlich kann man alle verstehen, die - wie jetzt halt die Millionäre - so einem Mosh Pit gerne aus dem Weg gehen. Das hat die französische Aristokratie einst auch gemacht. Also, bevor ihr der Mosh Pit am Ende dann doch über die Parkmauer gehüpft ist und das ganze Geschirr zerdeppert hat.

Aber gut. Heute würde sie sich eben einfach einen Privatflieger mieten, die Aristokratie. Und so eine Flucht auf Ledersesseln und mit Minibar, die kann schon durchaus stilvoll sein.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB