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Organisiertes Verbrechen in Australien:Anwältin X und ihr Spiel mit der Mafia

Der ermordete Mehrfachmörder Carl Williams wurde im Jahr 2010 in einem goldenen Sarg begraben. Seine Ex-Frau Roberta Williams, rechts im Bild, nahm an der Trauerfeier teil.

(Foto: William West/AFP)
  • Drei Dutzend Menschen starben von 1998 bis 2010 in einem brutalen Krieg zwischen Mafia-Clans in Melbourne.
  • Jetzt wurde bekannt, wer die Polizei damals mit Insiderwissen versorgt hat: die Strafverteidigerin mehrerer Beschuldigter.
  • Mehr als 20 Schwerverbrecher können nun versuchen, ihre Urteile anzufechten und aus dem Gefängnis zu kommen.

Es ist der Stoff, aus dem Fernsehserien gemacht sind, und es wurde eine richtig gute Fernsehserie daraus, mit reichlich Sex und Drogen, Verrat und Mord. "Underbelly" beschreibt jene wahren und sehr blutigen Begebenheiten aus dem Unterleib der australischen Viereinhalb-Millionen-Metropole Melbourne, die als die Gangland Killings in Australiens Kriminalgeschichte eingegangen sind.

Drei Dutzend Menschen starben von 1998 bis 2010 in einem brutalen Krieg zwischen Ablegern der kalabrischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta, libanesischstämmigen Clans und Gangstern mit irischem Hintergrund und engen Verbindungen ins Milieu gewerkschaftlich organisierter Hafenarbeiter. Sie alle kämpften damals darum, wer die Club- und Rotlichtszene in Melbournes King Street mit Ecstasy-Pillen und anderen synthetischen Drogen versorgen durfte. Mitglieder gegnerischer Banden wurden oft auf offener Straße erschossen und einmal sogar vor Fußball spielenden Kindern auf einem Sportplatz. Aber auch Zeugen, die zu viel mit der Polizei redeten, starben im Kugelhagel. Viele der Morde sind bis heute nicht aufgeklärt, viele Unterweltgrößen, die überlebten, sitzen heute noch im Gefängnis.

Der Name der Frau darf nicht genannt werden. Es weiß aber trotzdem jeder, wer sie ist

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Nun aber können etliche von ihnen auf Freilassung hoffen, die "Underbelly"-Autoren haben neuen Stoff für weitere Staffeln. Denn in der vergangenen Woche verpflichtete das oberste Gericht des Bundesstaates Victoria die Strafverfolgungsbehörden offenzulegen, woher sie viele Informationen aus dem Innersten der Gangs bezogen. Ausgerechnet die Strafverteidigerin gleich mehrerer in den Gangsterkrieg verstrickter Figuren hatte die Polizei regelmäßig über die Umtriebe ihrer Mandanten informiert, die Behörde führte die Anwältin offiziell als Informantin Nummer 3838. Die Folge: Mehr als 20 Schwerverbrecher werden nun versuchen, ihre Urteile für null und nichtig erklären zu lassen, weil ihr Recht auf legalen Beistand vor Gericht aufs Gröbste verletzt wurde. Victorias Premier Daniel Andrews kündigte an, den Skandal durch eine Kommission untersuchen zu lassen.

"Anwältin X", "EF" oder "Informantin 3838" darf die Frau nur genannt werden - obwohl nicht nur in den Zirkeln des organisierten Verbrechens, bei der Polizei und in der Justiz jeder weiß, wer sie ist: eine durch die Gangland-Prozesse zu Prominenz gelangte Strafverteidigerin aus angesehener Juristenfamilie. Ein Onkel von ihr brachte es einst gar zum Gouverneur von Victoria, dem nominell höchsten Amtsträger des Bundesstaates. Sie hat vor Gericht einige der schillerndsten Figuren des mörderischen Milieus vertreten. Carl Williams etwa, dem bis zu zehn Morde zugeschrieben werden, drei davon hat er gestanden. Oder den Drogenbaron Tony Mokbel, der der "Underbelly"-Nachfolgeserie "Fat Tony & Co." seinen Spitznamen lieh. Oder Rob Karam, der an einer der größten Drogenschmuggelaktionen beteiligt war, die je aufgedeckt wurden. 4,4 Tonnen Ecstasy-Pillen, versteckt in Tausenden Tomatenkonserven aus Süditalien, fand die Polizei 2007 im Hafen von Melbourne.

In einem Brief von 2015 an die Polizeiführung, den der Fernsehsender ABC nun veröffentlichte, rühmt sich Anwältin X, ihre Informationen hätten zur Festnahme und Anklage von 386 Verdächtigen geführt. Zwischen 2005 und 2009, als sie bei der Polizei als "Menschliche Quelle 3838" geführt wurde, hat sie sich 128-mal mit ihren Führungsbeamten getroffen, woraus die Polizei 5500 vertrauliche Berichte schöpfte. Sie habe das aus "Frust" darüber getan, wie schwere Jungs wie Williams Zeugen beeinflussten und die Polizei "versagt" habe, Verbrechen nachzuweisen. Was sie nicht schrieb: dass sie einigen ihrer Mandanten freundschaftlich verbunden war.

Der Bruch mit der Polizei kam, als ein anderer Informant und dessen Frau ermordet wurden. In Verdacht hatten die Ermittler einen Polizisten und wollten Anwältin X, die ein Verhältnis mit dem Beamten gehabt haben soll, als Kronzeugin laden. Doch als ein weiterer Kronzeuge, der verurteilte Mehrfachmörder Williams, im Hochsicherheitsgefängnis erschlagen und danach in einem goldenen Sarg zu Grabe getragen wurde, platzte das Verfahren. Eine unabhängige Kommission untersuchte das Vorgehen der Polizei gegen das organisierte Verbrechen und auch den Umgang mit Informanten. Erste Informationen über die Rolle von Anwältin X sickerten durch, obwohl es ihr und der Polizei gelungen war, die Untersuchungsergebnisse gerichtlich für geheim erklären zu lassen.

Nun ist ihr Leben in Gefahr und das ihrer beiden Kinder wahrscheinlich auch

Durch alle Instanzen prozessierte die Polizei gegen die Staatsanwaltschaft, um zu verhindern, dass diese die einstigen Mandanten von Anwältin X informierte. Ihr Leben, so das Argument, wäre dann in größter Gefahr. Das sahen die obersten Richter nun zwar auch so, aber schwerer wiegt für sie das öffentliche Interesse daran, die Integrität des Rechtsstaats und der Strafjustiz zu wahren. Anwältin X habe sich eines "fundamentalen und erschreckenden" Bruchs ihrer anwaltlichen Pflichten schuldig gemacht. Der Polizei, die sie dazu ermutigt habe, warfen die Richter "verwerfliches Verhalten" vor.

Anwältin X, nach eigenen Angaben an Traumata leidend, will sich nicht in ein Zeugenschutzprogramm begeben. Sie traue der Polizei nicht mehr. Dann müsse sie "die Konsequenzen tragen", urteilte das Gericht kühl. Sollte sie jedoch ihre beiden Kinder einem ähnlichen Risiko aussetzen, sei "der Staat ermächtigt, Maßnahmen zu ergreifen, um sie vor Schaden zu bewahren".

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