Busunglück auf Madeira Portugal bestätigt Tod von 29 Deutschen

  • Bei einem schweren Busunglück auf der portugiesischen Insel Madeira sind mindestens 29 Menschen ums Leben gekommen, sie alle kamen aus Deutschland.
  • Das Auswärtige Amt hat einen Krisenstab eingerichtet, er ist unter der Rufnummer 030-50003000 zu erreichen.
  • Der Fahrer hat den Unfall überlebt. Er soll zuvor die Kontrolle über den Reisebus verloren haben, der daraufhin eine Böschung hinunter auf ein Haus stürzte.
  • Die portugiesische Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer angeordnet.
Von Elisa Britzelmeier, Eva Casper und Thomas Urban, Madrid

Sämtliche Todesopfer des Busunglücks auf Madeira am Mittwoch waren Deutsche. Das bestätigte das portugiesische Außenministerium am Donnerstag. Außenminister Augusto Santos Silva hatte bereits zuvor erklärt, vorläufige Berichte deuteten darauf hin, dass alle Toten deutsche Staatsbürger waren.

Außenminister Heiko Maas reist noch am Donnerstag auf die portugiesische Insel. Er werde von einem Team aus Ärzten, Psychologen und Konsularbeamten begleitet, sagte er kurz vor seinem Abflug. Er wolle mit den Betroffenen sprechen und den Helfern danken. "Es ist erschütternd, dass aus dem Osterurlaub für so viele Menschen eine Tragödie geworden ist."

Busunglück auf Madeira

Tödlicher Sturz in die Tiefe

Gewissheit über die Ursachen des Unglücks gibt es noch nicht. Auch die kurze Filmsequenz, die portugiesische Fernsehsender ausstrahlten, liefert sie nicht: Am oberen Bildrand ist ein Berghang zu sehen, plötzlich rollt der Bus als riesiger weißer Quader, sich über die Längsachse drehend, den steilen Abhang herunter. Die Bilder sind unscharf, vermutlich stammen sie von einer Überwachungskamera in der Gemeinde Caniço, die Szene ist nur im Hintergrund auszumachen, sie wurde von den Bildtechnikern vergrößert. Über die Unglücksursache sagt sie allerdings nichts aus, da das Geschehen unmittelbar vor dem Unfall oberhalb des Berghangs sich jenseits des Gesichtsfelds der Kamera zugetragen hat. Der Ausschnitt zeigt auch nicht, wie der Bus in ein Wohnhaus am Ende des Berghangs kracht. In dem Gebäude klafft nun ein riesiges Loch.

Der Fahrer des Busses hat Angaben einer Augenzeugin zufolge mit allen Mitteln versucht, den Unfall zu verhindern. Jedoch sei es ihm nicht gelungen, das Fahrzeug noch zum Stoppen zu bringen, sagte Rita Castro, die das Geschehen nach eigenen Angaben aus der Nähe beobachtet hatte, dem Nachrichtensender TVI24. Danach sei zunächst eine "ohrenbetäubende Stille" eingetreten. "Ein Schrei aus Stille, wie in einem Schockzustand", sagte die Portugiesin.

"Mein Gott, ich bin sprachlos", sagte Filipe Sousa, der Bürgermeister der Gemeinde Caniço über das Unglück. Der Unfall passierte am frühen Mittwochabend, 18.30 Uhr: Mehr als 50 Reisende waren auf dem Weg nach Funchal, der Hauptstadt der portugiesischen Insel. Sie wollten offenbar ein typisch madeirisches Abendessen genießen. Berichten zufolge soll es sich bei den Opfern um 11 Männer und 18 Frauen handeln.

51 Passagiere gehörten zum Reiseveranstalter "trendtours"

Das Hotel, in dem die Touristen untergebracht waren, bestätigte, dass es sich um Deutsche aus verschiedenen Teilen der Bundesrepublik handele. Demnach habe es sich nicht um eine gemeinsame Gruppe gehandelt, sondern um Reisende, die zu verschiedenen Zeitpunkten auf Madeira angekommen seien und über einen deutschen Reiseveranstalter und dessen portugiesischen Partner Ausflüge gebucht hätten, sagte eine Mitarbeiterin des Hotels "Quinta Splendida". 51 Passagiere seien Kunden des Reiseveranstalters "trendtours" gewesen, bestätigte der Konzern. Der Bus sei von einem lokalen Veranstalter gechartert worden. "Wir sind alle zutiefst erschüttert. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und deren Angehörigen." Der Reiseveranstalter habe ein Team nach Madeira entsandt, um die überlebenden Unfallopfer zu unterstützen. Zwei weitere Passagiere seien Kunden des Veranstalters "Schauinsland-Reisen" gewesen, hieß es vom betroffenen Unternehmen.

Ein leicht verletzter Passagier berichtete noch am Donnerstag von seinen Eindrücken. "Ich denke, die Bremsen funktionierten nicht. Ich kann mir keine andere Ursache vorstellen. Der Bus fuhr von der Quinta Splendida los, nach einigen Sekunden wurde er immer schneller. Er schlug gegen die Mauer, wir glaubten sofort, dass er außer Kontrolle geraten war. Er wurde immer schneller, und dann überschlug er sich", sagte der Mann nach einem Bericht der Online-Zeitung Observador. Er hatte sich dem Bericht zufolge bei dem Unfall eine Rippe gebrochen, seine Frau wurde am Nacken leicht verletzt. Alter und Herkunft des Ehepaars nannte Observador nicht. Die Frau erzählte, dass ein Tipp auf dem Hinflug wohl dafür gesorgt habe, dass sie glimpflich davon kamen. "Im Flugzeug erklärten sie uns, was zu tun war. Wir kauerten uns zusammen wie die Babys. Und das war unser Glück", sagte sie.

"Mit großer Erschütterung haben wir von dem tragischen Busunglück auf Madeira erfahren", twitterte das Auswärtige Amt am Mittwochabend.

"Entsetzliche Nachrichten erreichen uns aus Madeira", hatte zuvor bereits Regierungssprecher Steffen Seibert getwittert. "Unsere tiefe Trauer gilt all denen, die in dem verunglückten Bus ihr Leben verloren haben, unsere Gedanken sind bei den Verletzten." Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte via Twitter, sie denke "mit Trauer und Bestürzung" an alle Betroffenen des Unglücks. Portugals Ministerpräsident António Costa kondolierte Merkel. Er sei bestürzt und übermittle der Kanzlerin "in dieser schweren Stunde" sein Bedauern, twitterte Costa. De Sousa wollte im Laufe des Tages mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen. "In diesem Moment sind Portugal und Deutschland im gemeinsamen Schmerz vereint", hieß es in einer Nachricht des portugiesischen Staatschefs. Steinmeier erklärte, er sei "tief erschüttert" über das Unglück.

Reiseziel Madeira

Madeira liegt etwa 950 Kilometer südwestlich von Lissabon im Atlantik. Wanderer, Taucher und Golfer schätzen das milde subtropische Klima, das für den Spitznamen "Blumeninsel" verantwortlich ist. Madeira, etwa so groß wie Hamburg, hat 260 000 Einwohner und gehört zu Portugal. Die sehr gebirgige Insel ist neben der Algarve das beliebteste Reiseziel der Deutschen in Portugal, zudem liegt die Insel auf vielen Kreuzfahrtrouten. Etwa ein Fünftel der 1,3 Millionen Urlauber im Jahr 2017 kamen aus Deutschland.

Der Ort Caniço, in dem der Bus verunglückt ist, bildet gemeinsam mit dem benachbarten Garajau das zweitgrößte Touristenzentrum der Insel, nach der Hauptstadt Funchal. Dank der Nähe von Caniço zum Flughafen Madeira an der Ostküste kommen immer mehr Urlauber in die Ferienwohnungen und Hotels. Viele Neubauten gruppieren sich an der Küste unter oder auf den zum Teil steilen Hängen über dem alten Dorfkern. kaeb/dpa

Krisenstab eingerichtet

Das Auswärtige Amt hat einen Krisenstab eingerichtet. Die deutsche Botschaft stehe in engem Kontakt mit den portugiesischen Behörden auf Madeira, um die Identität der Opfer zu klären und den Verletzten beizustehen, twitterte das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amtes. Der Krisenstab ist den Angaben zufolge unter der Rufnummer 030-50003000 zu erreichen, besorgte Angehörige können sich unter dieser Nummer an das Auswärtige Amt wenden.

Der Fahrer und der einheimische Reiseleiter haben verletzt das Unglück überlebt. Mehrere weitere Urlauber seien in ein Krankenhaus in der Hauptstadt Funchal gebracht worden, berichtete die portugiesische Nachrichtenagentur Lusa. Die Zeitung Observador berichtet von insgesamt 27 Verletzten. Zwei konnten das Krankenhaus demnach bereits wieder verlassen. Zunächst war von 28 Toten die Rede gewesen, ein Passagier erlag später seinen Verletzungen. Laut Lusa waren die Urlauber größtenteils zwischen 40 und 50 Jahre alt.

In dieses Haus im Ort Caniço stürzte der Reisebus.

(Foto: REUTERS)

Bundesregierung will Rettungsflugzeug bereitstellen

Die Rettungsarbeiten wurden am frühen Donnerstagmorgen beendet. Das Wrack des Busses sei kurz nach 5 Uhr (Ortszeit) geräumt worden, berichten lokale Medien. Die Toten wurden in eine eigens eingerichtete Leichenhalle am Flughafen von Funchal gebracht. Die portugiesischen Streitkräfte stellten drei Militärflugzeuge zur Verfügung, um Betroffene notfalls schnell auf das Festland transportieren zu können. Man hoffe, bis Samstag alle Toten identifiziert zu haben, sagte eine Sprecherin des Krankenhauses "Dr. Nélio Mendonça" in Funchal. Die Bundesregierung teilte mit, man prüfe derzeit den Einsatz eines sogenannten "MedEvacs", einer fliegenden Intensivstation der Bundeswehr. Man werde damit die Verletzten nach Deutschland transportieren, "wenn es sinnvoll und möglich ist", sagte Kanzleramtsminister Helge Braun.

Über die Unfallursache wurde bislang nur spekuliert. Über drei mögliche Versionen berichten die lokalen Medien: Der Busfahrer sei zu schnell gefahren und habe in einer engen Kurve der Serpentinenstrecke die Gewalt über sein Fahrzeug verloren. Oder technisches Versagen: die Bremsen seien ausgefallen oder das Gaspedal habe sich verklemmt. Schließlich: Der Busfahrer habe Passanten, die plötzlich auf die Fahrbahn gelaufen seien, ausweichen wollen, dabei sie der Bus von der Fahrbahn abgekommen. Medienberichten zufolge war der Reisebus fünf oder sechs Jahre alt, der 55-jährige Fahrer wurde als "erfahren" beschrieben. Der Vizepräsident der Regionalregierung, Pedro Calado, nannte jegliche Mutmaßungen zu der Unglücksursache "verfrüht". Ein Sprecher der Polizei teilte mit, dass das Ergebnis ihrer Befragungen möglichst rasch bekanntgegeben werden solle.

Der Bewohner des Hauses blieb unverletzt

Auf Bildern war zu sehen, wie der Reisebus völlig zerstört auf der Seite und teilweise auf einem roten Ziegeldach lag. Zwei Dutzend Rettungswagen waren im Einsatz, die Polizei riegelte den Unglücksort weiträumig ab. Auf Videos war zu sehen, wie Helfer Verletzte stützten und in Sicherheit brachten. Das Haus, auf das der verunglückte Reisebus gestürzt ist, war zum Unfallzeitpunkt leer. Das bestätigte der Bürgermeister des Ortes Caniço dem Observador. Bewohnt werde es normalerweise von einem Mann, der sich zum Zeitpunkt des Unglücks bei Verwandten aufgehalten habe. Er sei über die Tragödie informiert worden.

Portugals Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa wollte zunächst noch am Abend nach Madeira reisen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Jedoch würden die Militärflugzeuge möglicherweise gebraucht, um Verletzte auf das Festland zu bringen, hieß es. Sousa habe die Reise deshalb wieder abgesagt, wie portugiesische Medien berichteten. "Dies ist ein Moment des Schmerzes, aber auch der Solidarität", sagte der Präsident dem Nachrichtensender SIC Noticias. Die Regionalregierung von Madeira ordnete eine dreitägige Trauerzeit für die Insel an. Die portugiesische Regierung folgte dem Beispiel und rief für den gleichen Zeitraum eine Staatstrauer aus.