Altersdiskriminierung:"Wer hat genehmigt, dass Lisa grau wird?"

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Altersdiskriminierung: Lisa LaFlamme moderierte mit grauen Haaren. Das kam nicht bei allen gut an.

Lisa LaFlamme moderierte mit grauen Haaren. Das kam nicht bei allen gut an.

(Foto: Screenshot CTV News)

Die Moderatorin eines kanadischen Fernsehsenders hört nach 35 Jahren auf, ihre Haare zu färben - und verliert ihren Job. Über die wahre Demütigung des Alters.

Von Violetta Simon

Wer heute jugendlich ist, hat gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Das ist nur insofern ein Problem, dass zwar jeder alt werden, aber keiner alt sein will - und schon gar nicht so aussehen möchte. Zu altern, wie man eben altert als Mensch aus Fleisch und Blut, ist besonders problematisch, wenn man erstens eine Frau ist und zweitens in der Öffentlichkeit steht. Ein Blick auf die Köpfe der meisten Schauspielerinnen, Politikerinnen und Moderatorinnen jenseits der 50 signalisiert: Graue Haare gehören gefälligst gefärbt.

Bis zu 80 Prozent der Frauen in diesem Alter kaschieren regelmäßig ihre grauen Haare, haben verschiedene Umfragen ergeben. Und wer damit erst einmal anfängt, muss regelmäßig nachfärben, damit der helle Ansatz und damit die Täuschung nicht ans Licht kommt. Wer dagegen aussteigt, bezahlt mitunter einen hohen Preis, so wie die kanadische TV-Moderatorin Lisa LaFlamme.

35 Jahre lang hatte die leitende Redakteurin in der Sendung CTV National News durch die Nachrichten geführt, da können einem schon mal graue Haare wachsen. Lange färbte die 58-Jährige ihr Haar braun. Während der Pandemie, als die Friseure geschlossen waren, hatte sie jeden Morgen vor der Sendung ihren Haaransatz mit Farbe besprüht - bis sie keine Lust mehr dazu hatte. "Wozu die Mühe?", habe sie sich gefragt, erinnert sich LaFlamme in einem Jahresrückblick des Senders, und habe beschlossen: "Ich werde grau." Dafür erhielt die Moderatorin Zuspruch von Frauen aus ganz Kanada. Der Sender hingegen war offenbar weniger begeistert und trennte sich nun von der vielfach ausgezeichneten Anchorwoman.

Ihr Vorgänger moderierte das Format, bis er 77 war

Der Mutterkonzern Bell Media bestreitet jeglichen Zusammenhang zwischen LaFlammes Ergrauen und dem Rausschmiss und verweist auf strategische Gründe. Das kanadische Nachrichtenportal Globe and Mail berichtet jedoch, dass der neue Vizechef Michael Melling, nachdem er die Leitung von CTV News übernommen hatte, in einer Sitzung gefragt habe: "Wer hat genehmigt, dass Lisa grau wird?" Melling, Anfang 40, war es demnach auch, der LaFlamme knapp zwei Jahre vor Auslaufen ihres Vertrags mitteilte, dass sie raus sei.

In einem Video auf Twitter sagt die Kanadierin, sie sei von der Entscheidung überrumpelt worden. "Mit 58 Jahren dachte ich, dass ich viel mehr Zeit haben würde, um mehr Geschichten zu erzählen, die unser tägliches Leben beeinflussen."

So wie etwa ihr Vorgänger Lloyd Robertson, der das Format 35 Jahre lang moderierte und mit 77 Jahren - weißhaarig - in den Ruhestand ging. Gefragt nach LaFlammes Kündigung, verglich Robertson seine Nachfolgerin mit Cordelia aus Shakespeares Tragödie "König Lear": "Sie hat ihre Integrität bewahrt", sagte er auf einer Podiumsdiskussion, wie das kanadische Online-Magazin Guelph Today berichtet. Es sei nicht in Ordnung, sie so gehen zu lassen.

Solidarität mit den Silver Agern

Männer wie Robertson, die jahrelang mit grauem Haupt moderieren, sind keine Seltenheit. Doch auch unter den Frauen gibt es inzwischen eine Reihe Rolemodels für ein Alter in Würde. Man denke nur an Birgit Schrowange, die als RTL-Moderatorin zunächst unter einer Perücke ergraute und ein Jahr später mit echtem Silberschopf bei Sat 1 vor die Kamera trat. Lady Gaga und Cara Delevingne zeigten sich aus Solidarität wiederholt mit grau gefärbtem Haar in den sozialen Medien. Influencerinnen posten #grannyhair-Fotos von sich. Die Werbung lässt die Zielgruppe der sogenannten Silver Ager ebenfalls nicht ohne Weiteres vorbeiziehen und präsentiert seit Jahren grauhaarige Ladys, die ihr Alter feiern.

So erkannte auch der Kosmetikhersteller Dove eine Chance in LaFlammes Rauswurf und machte eine Woche später auf das Problem - und auf sich - mit einer Kampagne aufmerksam. Unter dem Hashtag #KeepTheGrey ("Behalte das Grau") rief der Konzern auf Twitter Frauen dazu auf, ihre natürliche Haarfarbe zu behalten, und färbte seine berühmte goldene Taube grau ein. Irgendjemand muss ja von der Sache profitieren.

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