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Demonstrationen in Lateinamerika:Frauen vs. Gewalt

International Women's Day in Mexico City

Eine Demonstrantin, lila vermummt, vor mexikanischen Polizisten.

(Foto: Henry Romero/Reuters)

In fast allen Ländern Lateinamerikas lebt der Feminismus wieder auf: Frauen protestieren gegen männliche Gewalt und eine tief verwurzelte Machokultur. Politiker reagieren planlos.

Die Kulisse hätte nicht besser sein können: Es wird Frühling in Mexiko-Stadt, und auf den breiten Avenidas der Millionenmetropole blühen die Jacaranda-Bäume. Vier bis fünf Stockwerke hoch reichen ihre Äste in den Himmel, und ihre Blüten sind knallig lila. Das wiederum passt, schließlich waren auch viele der Demonstrantinnen, die am Sonntag durch Mexikos Hauptstadt zogen, in Lila gekleidet.

Schon in den 1970er-Jahren stand die Farbe für Feminismus und den Kampf für Gleichberechtigung. Nun, fast 50 Jahre später, gibt es einen feministischen Frühling, nicht nur in Mexiko, sondern in fast allen Ländern Lateinamerikas. So fanden auch in Kolumbien zum Weltfrauentag große Demonstrationen statt, genauso wie in Brasilien, Peru oder Argentinien. In Chile, wo es längst nicht mehr Frühling, sondern fast schon Herbst ist, sollen in der Hauptstadt Santiago laut Schätzungen der Veranstalter sogar mehr als eine Million Menschen protestiert haben. Teilweise kam es dabei zu Auseinandersetzungen, die Polizei setzte Wasserwerfer ein, Demonstranten zündeten Rauchbomben. In Mexiko-Stadt beschmierten Demonstrantinnen derweil Gebäude mit roter Farbe, um an ermordete Frauen zu erinnern.

Tatsächlich ist der Kampf gegen männliche Gewalt einer der Hauptgründe dafür, dass der Feminismus in Lateinamerika wieder auflebt. In Mexiko, wo Kriminalität und ein außer Kontrolle geratener Drogenkrieg ohnehin schon jedes Jahr mehrere Zehntausend Todesopfer fordern, ist die Gewalt gegen Frauen besonders hoch.

Zehn Frauen werden im Schnitt pro Tag ermordet. Mehr als 1000 Fälle fielen dabei alleine im vergangenen Jahr unter den Straftatbestand des Femizids, die Opfer mussten also vor allem auch deshalb sterben, weil sie weiblich waren. Schon seit Längerem protestieren Menschen gegen diese Form der Gewalt, getan hat sich aber kaum etwas, im Gegenteil: Die Zahl der Ermordeten stieg zuletzt sogar weiter an.

Erst vor ein paar Wochen löste ein besonders brutaler Mord einen Aufschrei der Empörung aus: Die Polizei fand die Leiche einer jungen Frau, verstümmelt und teilweise gehäutet. Schlimm genug, doch dann gelangten auch noch Bilder vom Tatort in die Presse. Klatschblätter überschwemmten die Kioske daraufhin mit bluttriefenden Fotos und verharmlosten den Mord als tragisches Beziehungsdrama. In die Wut über die Gewalt mischte sich nun auch noch Empörung über den Umgang mit den weiblichen Opfern. Aufgebrachte Demonstrantinnen zogen vor Redaktionsgebäude und forderten Konsequenzen.

Wenige Tage später dann schon der nächste Fall: Diesmal war ein siebenjähriges Mädchen das Opfer. Nach der Schule war es entführt worden, Tage später fand die Polizei die Leiche in einer Plastiktüte, der Leichnam wies Zeichen von sexueller Gewalt auf. Die Wut ist bei vielen Frauen seitdem nur noch größer geworden, ebenso die Proteste, die nun in den Massenkundgebungen anlässlich des Weltfrauentags am Sonntag gipfelten.

Dass die Demonstrationen in Chile, also mehrere Tausend Kilometer weiter südlich, mindestens ebenso groß waren wie die in Mexiko, hat mehrere Gründe: Zum einen fallen auch hier Frauen immer wieder männlicher Gewalt zum Opfer. Zum anderen wird das Land seit Monaten von heftigen Protesten gegen die konservative Regierung erschüttert. Diese ließ die Demonstrationen brutal niederknüppeln. Im Zuge dieser Aktionen soll es auch zu sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen gekommen sein.

Demonstrantinnen berichteten immer wieder davon, dass sie sich nackt ausziehen mussten, um dann vor Polizisten Turnübungen zu absolvieren. Die chilenische Künstlergruppe Las Tesis hat diese in einen Protesttanz verwandelt. "El violador eres tu", der Vergewaltiger bist du, heißt dieser. Zum ersten Mal aufgeführt im November 2019, verbreiteten Internetnutzer das Video von der Performance rasend schnell über soziale Netzwerke. Heute ist "El violador eres tu" zu einer Hymne der neuen Frauenbewegung geworden, nicht nur in Chile, sondern weltweit, vor allem aber eben in Lateinamerika.

Denn die Frauen dort kämpfen alle gegen ähnliche Probleme, allen voran männliche Gewalt und eine tief verwurzelte Machokultur. Die Frauenbewegung ist in Lateinamerika auch deshalb so stark, weil sie sich über Tausende Kilometer vernetzt. So wurde der chilenische Protesttanz auch in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá aufgeführt, genauso wie auch bei den Kundgebungen, mit denen die Frauen in Argentinien ein Recht auf legale Abtreibung fordern. Die Demonstrantinnen dort hatten wiederum schon vor Jahren begonnen, ein grünes Halstuch als Erkennungszeichen zu tragen. Längst binden es sich auch die Frauen in Santiago de Chile oder Mexiko-Stadt ums Handgelenk, den Hals oder vor das Gesicht. Und die Forderung "Ni una menos", nicht eine weniger, steht heute an Hauswänden in den sturmumtosten Anden genauso wie in der feuchtschwülen Hitze der Karibik.

So vereint und vernetzt die neue Frauenbewegung in Lateinamerika heute ist, so rat- bis planlos reagiert die Politik in den allermeisten Ländern auf ihre Forderungen. Mexikos linker Präsident Andrés Manuel López Obrador versucht derzeit vor allem, die jüngsten Frauenmorde herunterzuspielen. Die Medienberichte über Gewalt gegen Frauen, sagte er, seien vor allem eine Kampagne gegen ihn und seine Regierung. Die Schuld an allem trage am Ende der Neoliberalismus, dazu sollten die Demonstrantinnen es doch bitte schön unterlassen, den Präsidentenpalast mit Farbe zu beschmieren. Statt politische Maßnahmen zu ergreifen, entschärft Mexiko vielmehr seine Rechtsprechung: Schon Anfang des Jahres hatte Mexikos oberster Sekretär für Innere Sicherheit erklärt, der Einfachheit halber den Tatbestand des Femizids aus dem Strafgesetzbuch streichen zu wollen.

Immerhin: In Chile verspricht die konservative Regierung genau das Gegenteil. Als Präsident Sebastian Piñera eine Reform und härtere Strafen für Femizide verkündete, sprach er allerdings auch davon, dass die Schuld nicht nur bei den Tätern liege, sondern auch bei den Opfern. Diese würden sich oft nicht deutlich genug gegen Missbrauch wehren.

Schwer vorstellbar, dass eine Präsidentin sich ähnlich äußern würde. Bis vor Kurzem hatte Lateinamerika gleich mehrere von ihnen, in Argentinien, Brasilien und auch Chile waren Frauen an der Macht. Alle gewählten Staatsoberhäupter sind in Lateinamerika heute Männer.

© SZ/moge
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