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Amokfahrt auf Rosenmontagszug in Volkmarsen:Versuchter Mord in 91 Fällen

Auto fährt in Karnevalsumzug

Volkmarsen: Das Auto (l.), mit dem der Täter in einen Rosenmontagsumzug gefahren ist und Dutzende Menschen verletzte.

(Foto: Uwe Zucchi/picture alliance/dpa)

Am Landgericht Kassel beginnt der Prozess gegen den Fahrer, der im vergangenen Jahr mit seinem Auto absichtlich in den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen gerast sein soll. Dabei geht es vor allem um die Frage nach seinem Motiv.

Von Gianna Niewel, Frankfurt

Es gibt Bilder, natürlich gibt es Bilder, sie zeigen den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen in Nordhessen - und was davon übrig geblieben ist. Flatterbänder, Feuerwehrleute, am Boden ein Bollerwagen zerlegt in Einzelteile. Da stehen Menschen und weinen und überall liegt Konfetti.

Am 24. Februar 2020 steuerte Maurice P. sein Auto in die Zuschauerinnen und Zuschauer des Umzugs. Die Ermittler gehen von mehr als 150 Opfern aus, einige davon wurden schwer verletzt. Menschen im Alter von zwei bis 85 Jahren, Menschen, die durch die Luft schleuderten und auf dem Asphalt aufschlugen.

An diesem Montag beginnt nun vor dem Landgericht Kassel der Prozess gegen den Fahrer. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft ihm versuchten Mord in 91 Fällen vor, außerdem Körperverletzung in 90 Fällen sowie gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Er soll mit 50 bis 60 Stundenkilometern gefahren sein, ungebremst und zielgerichtet. Er soll die Absicht gehabt haben, Menschen zu töten, soll die Tat geplant haben. Schon einen Tag vorher soll er seinen Mercedes so geparkt haben, dass er gut in den abgesperrten Bereich rasen konnte. Hinter der Frontscheibe hatte er eine Dashcam aufgebaut. Erst als das Auto wieder steht, beginnt sie zu filmen.

Auf der Straße in Volkmarsen trösten sich da schon die Menschen, stellen sich erste Fragen. Wer tut so etwas?

Maurice P. lebte seit mehreren Jahren in Volkmarsen, war zur Tatzeit 29 Jahre alt und ist der Polizei bekannt wegen Beleidigung, Nötigung und Hausfriedensbruch. Zuletzt soll er als Hilfsarbeiter Geld verdient, kurz vor der Tat aber seinen Job verloren haben. Er wohnte in einer Wohnung neben seiner Mutter, die zeitweise seine Miete zahlte. Nachbarn sagen, er sei oft stundenlang durch die Straßen der Stadt gelaufen, mit Zigarette und Alkohol und Kopfhörern auf den Ohren. Sie beschreiben ihn als Sonderling.

Als die Beamten ihn festnehmen, ist er schwer verletzt und nüchtern. Das ist erstaunlich, nicht nur wegen der Beschreibungen der Nachbarn, sondern auch, weil die Ermittler in seiner Wohnung Kassenbons finden. Viele Kassenbons. Mal kauft er eine Flasche Wodka, mal zwei, die Analyse seines Blutes aber zeigt: Er muss schon Wochen vorher aufgehört haben, Alkohol zu trinken.

Mehr als ein Jahr nach der Amokfahrt bleibt auch bei den Ermittlern vor allem die Frage nach dem Motiv. Warum fährt jemand mit Vollgas in eine feiernde Menschenmenge? Maurice P., den ein psychiatrisches Gutachten für voll schuldfähig hält, hat sich bisher nicht dazu geäußert. Auch in seiner Wohnung fanden die Ermittler nichts, was eine Antwort geben könnte. Keine Spur in eine Szene, keine Hinweise auf religiösen Fanatismus. Keine Gewaltvideos, kein Bekennerschreiben.

Sollte der Angeklagte vor Gericht weiterhin schweigen, wird es auf einige Fragen wohl nie eine Antwort geben. Das Recht dazu hat Maurice P., für die Opfer wäre das eine schwer zu ertragende Situation. Für den Prozess hat das Landgericht Kassel 31 Verhandlungstage bis Mitte Dezember angesetzt.

© SZ/lot/ick
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