SZ-Serie "Ein Anruf bei ...":"So schnell wird bei uns niemand mehr einbrechen"

Für die Lightbox Panorama, zum Anruf bei in der Kita, in der die Toniebox gestohlen wurde

Marcel Rau mit der Toniebox: Der Erzieher hatte die Idee, das Gerät zu orten - so wurde der Dieb gefunden.

(Foto: privat/Kita Wundertüte)

Aus einer Kita in NRW werden Fischstäbchen, Geschirr und eine Toniebox gestohlen. Die Kinder schreiben daraufhin einen Brief. Jetzt wurde der Einbrecher geschnappt - Wlan sei Dank.

Von Sophie Kobel

Die Kindertagesstätte "Wundertüte" in Halver, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, hatte in den vergangenen Monaten alle großen deutschen Fernsehsender bei sich zu Besuch. Der Grund: Ein Einbrecher stahl in einer Nacht im April unter anderem tiefgefrorene Fischstäbchen und die sogenannte Toniebox der Kinder. Dank des würfelförmigen Geräts, auf dem schon Kleinkinder selbst Hörbücher oder Musik abspielen können, wurde der 44-jährige Dieb jetzt aber überführt. Die Idee, das Gerät zu orten, kam von Marcel Rau, 47, einem der Erzieher.

SZ: Herr Rau, am Montag hat die Polizei die Toniebox zu Ihnen in die Kita zurückgebracht. Wie haben die Kinder darauf reagiert?

Marcel Rau: Die waren ganz überrascht, weil für die meisten Kinder "geklaut" automatisch "weg" bedeutet. Aber alle gestohlenen Sachen wurden ja bereits von uns oder Gönnerinnen und Gönnern ersetzt. Sogar anstelle der Fischstäbchen haben wir sehr gute Bratwürste geschenkt bekommen.

Was waren denn die absurdesten Gegenstände, die entwendet wurden?

Puh, da gibt es viele. Neben vielen Büchern, Gläsern und Tellern waren auch Wasserkocher, Akkubohrer, Duftsprays, Töpfe, Einmachgläser, Milch, Apfelsaft und Kartoffeln weg. Auch ein Paar Kopfhörer hat der Dieb ausgepackt. Als er aber gesehen hat, dass der Stecker veraltet ist, hat er sie anscheinend liegen gelassen.

Das klingt ja, als ob der Einbrecher sich eine halbe Einrichtung zusammengeklaut hätte?

Es war definitiv kein "normaler" Einbruch, wie wir ihn sonst etwa alle zwei Jahre haben. Da wurde immer nur die Bürotür aufgebrochen und nach Geld oder Laptops gesucht. Dieses Mal vermuten wir: Der Mann hat selbst Kinder und nicht die eigenen Mittel, ihnen diese Gegenstände zu kaufen. Denn hätte er die Sachen verkaufen wollen, hätte er zum Beispiel auch die zweite Toniebox mitnehmen können. Die hat er aber einfach liegen gelassen. Er hat wohl genau geschaut, was er brauchen kann.

Die Kinder haben kurz nach dem Einbruch einen öffentlichen Brief an den Dieb geschrieben. Darin sagen sie, er hätte doch einfach bei ihnen klingeln können.

Eine Erzieherin hatte die Idee aufzuschreiben, was die Kinder darüber denken. Schließlich wurden ja wirklich sie und nicht wir Angestellten beklaut. Es ist einfach schade, wir hätten das schließlich alles über den Förderverein hinkriegen können. Wir teilen doch gerne unsere Spielsachen mit anderen.

Auf den Brief reagiert hat der Einbrecher aber nicht. Am Ende war es dann Ihre Idee, die ihn überführte?

Genau. Man hat ja eine Art Profil in der Tonie-App. Da habe ich einen Tag nach dem Diebstahl versucht, die Box über das jeweilige Wlan zu orten. Das darf aber nur der Hersteller, und die wiederum durften mir aus Datenschutzgründen nichts sagen. Der Staatsanwaltschaft aber schon.

Daraufhin konnte das Haus geortet und schließlich durchsucht werden. Was ist dabei wieder aufgetaucht?

So manches. Die Polizei hat uns vor Ort direkt angerufen und zur Identifizierung gefragt, welche Tonie-Spielfiguren entwendet wurden. Leo Lausemaus ist leider nicht wieder aufgetaucht, aber der Leselöwe, Benjamin Blümchen und viele andere sind wieder da.

Hatten die Kinder denn Angst nach dem Einbruch?

Die reagieren auf so etwas ganz unterschiedlich. Viele fragen dann natürlich nach, ob der Dieb noch da ist oder wie er reinkommen konnte. Ein Junge wollte nach dem Einbruch ständig unsere Chefin beschützen. Anderen wiederum war das ganz egal, die interessiert das einfach nicht. Und so schnell wird bei uns vermutlich auch niemand mehr einbrechen.

Gibt es jetzt eine Alarmanlage?

Nicht nur das. Wir sind vor Kurzem aus Platzgründen in eine neue Einrichtung umgezogen. Seitdem sind wir nicht mehr so versteckt wie früher, sondern sehr exponiert. Die Nachbarn können alle reinschauen, und das ganze Gebäude ist beleuchtet.

Der Täter sitzt jetzt, vermutlich wegen weiterer Delikte, in U-Haft. Einen Bezug zur Kita hatte er wohl nicht. Sehen Sie den Vorfall eher als ernste oder als lustige Geschichte?

Wir haben es natürlich ernst genommen - aber eine gewisse Merkwürdigkeit ist einfach dabei. Auch die Polizei konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie zum Tatort kam. Die ganze Sache ist schon strange.

© SZ/ebri
Zur SZ-Startseite

SZ-Serie "Ein Anruf bei ..."
:Wie ein Orgasmus die Nase frei macht

Das hat HNO-Arzt Cem Bulut herausgefunden - und dafür den Ig-Nobelpreis erhalten. Ein Gespräch über Sex, Nasenspray und einen schwierigen Versuchsaufbau.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB