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Kinderbetreuung:Westen holt beim Kitaausbau leicht auf

  • In den alten Bundesländern wird im Durchschnitt jedes viertes Kind unter drei Jahren in einer Kita oder von einer Tagesmutter betreut. Innerhalb eines Jahres ist die Betreuungsquote um gut drei Prozent gestiegen.
  • Im Osten wird jedes zweite Kind im Kita-Alter außer Haus betreut. Die Quote stieg innerhalb eines Jahres um gut zwei Prozent.
  • Für ganz Deutschland beträgt die Betreuungsquote 32,9 Prozent.
  • Experten warnen davor, aus den Zahlen Schlüsse über die regionale Nachfrage zu ziehen.

Von Felicitas Kock, Grafik: Thomas Block

Seit August 2013 haben Kinder ab dem ersten Geburtstag Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Die erwarteten massenhaften Klagen von Eltern, die trotzdem keinen Platz für ihr Kind bekommen haben, sind ausgeblieben. Wenn gestritten wird, geht es meist um die Art der Unterbringung - etwa ob die Betreuung durch eine Tagesmutter mit der Betreuung in einer Kita gleichzusetzen ist - oder um die Frage, wie lang der Anfahrtsweg sein darf. Noch sind nicht alle Details zum Kita-Platz-Anspruch geklärt.

Doch schon jetzt lassen sich mögliche Auswirkungen des neuen Gesetzes erkennen. Jedes Jahr geben die statistischen Ämter des Bundes und der Länder einen Bericht heraus, der die Kindertagesbetreuung regional aufschlüsselt.

Die wichtigsten Befunde des aktuellen Berichts

  • Der Westen baut seine Kinderbetreuung aus. Immer mehr Kinder unter drei Jahren werden in den alten Bundesländern in Kitas oder von Tagesmüttern betreut. Wurden in den alten Bundesländern im März 2013 noch 24,2 Prozent Kinder unter drei Jahren außerhalb der Familie betreut, so waren es ein Jahr später 27,4 Prozent.
  • Auch in den neuen Bundesländern ist die Betreuungsquote gestiegen - ausgehend von einem ohnehin hohen Niveau von 49,8 auf 52 Prozent.
  • So liegen auch die Kreise mit den höchsten Betreuungsquoten im Osten. In Frankfurt an der Oder wurden 63 Prozent der Kinder im Krippenalter außer Haus betreut, in den Landkreisen Elbe-Elster in Brandenburg sowie in Wittenberg in Sachsen-Anhalt je 62,8 Prozent.
  • In Westdeutschland liegt Heidelberg mit einer Betreuungsquote von 46,9 Prozent an der Spitze, gefolgt von Hamburg mit 43 und dem bayerischen Kreis Coburg mit 42,4 Prozent.
  • Schlusslicht in Sachen Betreuungsquote ist wie schon im Vorjahr der bayerische Landkreis Berchtesgadener Land mit 13,9 Prozent. Knapp davor landen Duisburg und Wilhelmshaven.

Das vollständige Dokument finden Sie hier.

Was die Zahlen aussagen - und was nicht

Die Daten des Statistischen Bundesamts beziehen sich auf den Stichtag 1. März 2014 - und auf die zu dieser Zeit tatsächlich betreuten Kinder. Die regionalen Unterschiede lassen sich daraus gut erkennen.

Warum der Anteil der betreuten Kinder in manchen Kreisen hoch und in anderen niedrig ist, hat verschiedene strukturelle wie ideelle Gründe. So hängt die Betreuungsquote davon ab, wie viele Krippenplätze zur Verfügung stehen und wie viele Eltern sich für eine Fremdbetreuung ihrer Unter-Dreijährigen entscheiden. Hier spielen also unter anderem die finanzielle Situation des Bundeslands und der Kommune eine Rolle, ebenso die Arbeitslosenquote, der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, die Frage, ob es sich um städtisches oder ländliches Gebiet handelt - und ob die Kinderbetreuung historisch gewachsen ist wie in den neuen Bundesländern.

In den neuen Bundesländern ist die Kinderbetreuung außer Haus historisch gewachsen. Doch die gute Betreuungsquote ist mit Vorsicht zu betrachten, sagt Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildungssysteme bei der Bertelsmann-Stiftung. In Brandenburg zum Beispiel ist die Zahl der betreuten Kinder zwar sehr hoch - aber auch der Betreuungsschlüssel, also die Zahl der Kinder, die von einer Person betreut werden, ist deutlich höher als in westlichen Landkreisen. Wenn wenige Betreuer auf viele Kinder aufpassen müssen, könne sich der Besuch einer Kita für die Kleinen auch negativ auswirken, sagt die Expertin - dann gehe der Kita-Ausbau auf Kosten der Kinder.

Auch bei der Betrachtung ländlicher Gebiete werden schnell voreilige Schlüsse gezogen. "Natürlich kann es sein, dass in einem katholisch geprägten Landkreis wie dem Berchtesgadener Land die sozialen Strukturen noch so aussehen, dass Familien ihre Kleinkinder lieber zuhause betreuen", sagt Bock-Famulla. Es könne aber auch sein, dass die Familien nur wegen der äußeren Umstände in diesen Strukturen verharren. "Wenn es kein Kinderbetreuungsangebot gibt, kommt auch keine Frau auf die Idee, ein Jahr nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen - einfach, weil es nicht im Bereich des Möglichen liegt", erklärt die Expertin. Die Politik müsse hier zumindest signalisieren, dass sie die Schaffung von Kita-Plätzen in Erwägung zieht.

Schlüsse auf die Betreuungssituation in den Städten und Landkreisen sollten aus den Zahlen des statistischen Bundesamts ohnehin nur vorsichtig gezogen werden. "Was in der Statistik nicht abgebildet wird, sind die freien Plätze", sagt Kathrin Bock-Famulla. Nur weil in einem Landkreis ein hoher Anteil an Kleinkindern betreut wird, heißt das nicht automatisch, dass die komplette Nachfrage nach Betreuungsplätzen gedeckt ist.

© Süddeutsche.de/olkl

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