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"Kentucky Meat Shower":Fetzen vom Himmel

In einem Universitätsarchiv fand der Künstler Kurt Gohde diese vermeintlichen Überreste des eiweißhaltigen Schauers.

(Foto: Transylvania Universität; Bearbeitung SZ)

Im März 1876 gab es mitten in Kentucky einen äußerst mysteriösen Niederschlag: Es regnete Fleisch. Rückblick auf ein Phänomen, für das es nur unappetitliche Erklärungen gibt.

Regen ist nicht gleich Regen: Eisregen, Schneeregen, Sprühregen, der im Österreichischen so schön bezeichnete "Schnürlregen" sind gemeinhin bekannt. Landregen vielleicht auch noch, dem widmete Joachim Ringelnatz ein ganzes Gedicht.

Besonders blumig umschrieben wird der Wolkenbruch - je nach Region regnet es dann hierzulande Schusterbuben oder junge Hunde, im angelsächsischen Raum gar Katzen und Hunde, in Brasilien Schlangen und Eidechsen und auf den Färöer-Inseln Grindwale. In Skandinavien wird es sogar etwas wilder, wenn Thor seinen Hammer Mjölnir schwingt. In Norwegen fallen dann weibliche Trolle (keine männlichen!) und in Schweden kleine Teufel aus den Wolken.

Selbst für diese Metaphorik allerdings ungewöhnlich war der Niederschlag, der am 3. März 1876 in Olympia Springs, Kentucky, herabprasselte: Auf dem Anwesen eines gewissen Allen Crouch war dessen Ehefrau im Garten gerade dabei, Seife zu sieden, als Fleischstücke vom Himmel fielen. Meteorologen würden wohl von Platzregen sprechen, denn der Schauer beschränkte sich auf eine überschaubare Fläche von etwa 90 auf 45 Metern.

Der Vorfall ging als "Kentucky Meat Shower" in die Wetterannalen ein, als Fleischschauer von Kentucky, eine wenig appetitlich anmutende Wortschöpfung. Vermutlich wegen des etwas ekelhaften Sensationsfaktors hatte der Fleischregen einen gewissen Nachrichtenwert, am 10. März druckte die New York Times einen kurzen Beitrag. Demnach seien bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein Fleischbrocken vom Himmel gefallen, die aussahen, als stammten sie vom Rind.

Mrs. Crouch fühlte sich an große Schneeflocken erinnert, es wurden aber auch mehrere Zentimeter große Fetzen gefunden. Ein gewisser Harrison Gill bestätigte, dass Fleischpartikel am Zaun klebten und auf dem Boden verstreut lagen.

Mrs. Crouch fühlte sich an große Schneeflocken erinnert

Die New York Times ließ sich den Vorfall auch vom Korrespondenten der Lokalzeitung Louisville Commercial bestätigen. Zwei Gentlemen hätten das Fleisch sogar probiert und auf Hammel oder Wild getippt. Was erwachsene Männer dazu bewegt, vom Himmel gefallenes Fleisch in den Mund zu stecken, ist nicht überliefert. Die Feststellung, dass die Brocken laut Geschmacksprobe zum Zeitpunkt des Niederschlags vollkommen frisch gewesen seien, allerdings schon.

Über die Herkunft des Fleischs entbrannten postwendend rege Diskussionen. Von einem Messerkampf zwischen Brüdern, deren Gemetzel von einem Wirbelsturm mitgerissen und über dem Haus der Eheleute Crouch wieder abgeworfen wurde, war die Rede.

Bereits am 11. März witzelte der Humorist William Livingston Alden in der New York Times darüber, dass es sich um Fleisch-Meteoriten handle, die um die Sonne kreisten und ab und an auf die Erde niedergingen. Er forderte genauere Messvorrichtungen, um auch Fleischregen vorhersagen zu können, und wünschte sich "leichte Beefsteak-Schauer und Hammel-Starkregen".

Aldens Idee mag Vorbild für den Animationsfilm "Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen" gewesen sein. Darin lässt eine in den Himmel geschossene Maschine auf Knopfdruck Cheeseburger und Spaghetti regnen und im Winter Eiscremelandschaften in Erdbeer und Vanille entstehen.

Was sich im Kinderfilm als Schlaraffenland darstellt, war in Kentucky eher ein Schlachtfeld. Erstaunlicherweise befassten sich weit mehr wissenschaftliche Publikationen als Komiker mit dem Phänomen - mehrere Proben wurden kurz nach dem Vorfall an Labore verschickt und untersucht.

Ein gewisser Leopold Brandeis brachte kurz darauf in der Zeitschrift Scientific American Supplement die Theorie auf, dass es sich um Nostoc handle. Das ist eine Bakterienart, die sehr lange in getrocknetem Zustand überleben kann und bei Kontakt mit Wasser zu einer gallertartigen Masse aufquillt. Dazu hätte es aber Regen gebraucht, was wohl bei dem von Augenzeugen beschriebenen wolkenlosen Himmel schwierig gewesen wäre.

Auf vom Winde verwehten Froschlaich tippte der Chemiker J. Lawrence Smith aus Louisville, Kentucky, im American Journal of Microscopy and Popular Science, obwohl die Laichzeiten der hier verbreiteten Froscharten erst später beginnen.

Professor L. D. Kastenbine vom Louisville College of Pharmacy gab der Diskussion in einem am 20. Mai erschienenen Artikel in den Louisville Medical News eine neue, doch keine appetitlichere Wendung. Denn er sah die Vermutung eines Farmers in Ohio bestätigt, der von Geiern erzählte, die sich im Flug mutwillig übergeben - der Fleischregen könne also von Geiern ausgespienes Aas gewesen sein, aufgrund der Flughöhe und der Geschwindigkeit über die genannte Fläche versprüht.

Kastenbines These fand mehrere Unterstützer aus der Wissenschaft, da sich so auch die Form und vielfältige Beschaffenheit der Fleischstücke erklären ließen: unregelmäßig abgerissene Fetzen aus Muskel-, Lungen- und Fettgewebe.

Man mag es kaum glauben, aber tatsächlich scheint dies heute noch die plausibelste Theorie, denn in Kentucky sind sowohl der Truthahngeier als auch der Rabengeier angesiedelt.

Während Rabengeier mit ihrem sehr scharfen Erbrochenen gezielt Bakterien abtöten, also eigentlich Hygiene damit betreiben, würgen Truthahngeier ihren Mageninhalt gezielt zur Selbstverteidigung wieder hoch: Sie speien halb verdautes Fleisch wieder aus, um mit dem faulen Geruch Fressfeinde vom Nest fernzuhalten. Zudem können die Vögel dieses Gammelfleisch zielgenau spucken und als Wurfgeschoss einsetzen. Nachweisbar ist diese These heute allerdings nicht mehr.

Ein Künstler ließ Bonbons in der Geschmacksrichtung herstellen

Der Künstler Kurt Gohde, ein Fan des mysteriösen Fleischregens, fand zwar 2004 an der Transylvania University in Lexington, Kentucky, eine Originalprobe, diese war jedoch schon zu kontaminiert, als dass mit Sicherheit bestätigt werden konnte, woraus sie bestand. Gohde versuchte es dann mit einer unkonventionellen Methode. Angesichts des sich durch die Geschichte ziehenden Drangs zur Verkostung, scheint sie aber konsequent:

Er ließ das konservierte Fleisch in einem Geschmackslabor in Cincinnati analysieren und dann Jelly Beans, Geleebonbons, in dieser Geschmacksrichtung herstellen. Ob er sich von "Bertie Bott's Beans" der Harry-Potter-Welt inspirieren ließ, ist unklar. Deren Geschmacksrichtung "Kotze" ist jedenfalls legendär.

Gohde verteilte seine Bonbons aus Fleisch 2007 bei einem großen Volksfest und bat Freiwillige um eine Geschmacksanalyse - klar ist, dass keiner der Probanden ein zweites Praliné probieren wollte.

© SZ vom 07.03.2020/odg
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