Kaspar Hauser Der junge Mann, der aus dem Nichts kam

Ewige Rätselfigur: Kaspar Hauser in einer Lithographie von Johann Nicolaus Hoff.

(Foto: dpa)

Im April 1812 soll das berühmteste Findelkind des 19. Jahrhunderts zur Welt gekommen sein. Wer aber war Kaspar Hauser - und wer tötete ihn? Über einen mysteriösen Fall von großer Symbolkraft.

Von Rudolf Neumaier

Das Damen-Conversations-Lexikon verstand sich als Lektüre für "das Nützliche, Schöne, Wissenswerthe im Geiste der Frauen". Darüberhinaus hatte die Redaktion auch ein sehr gutes Gespür für Themen, die eindeutig der Rubrik "Ratsch und Klatsch" zuzuordnen sind.

Die zehn Bände erschienen von 1834 bis 1838 und waren topaktuell. Zwischen dem Eintrag der Opernsängerin Karoline Haus und dem Stichwort "Hausfrau" fand sich ein farbiger Bericht über einen Mann namens Kaspar Hauser.

Wenn man die Geschichte aus dem Damen-Conversations-Lexikon mit den Kaspar-Hauser-Studien der vergangenen zehn Jahre vergleicht, kommt am Ende das gleiche Ergebnis heraus: Über diesen Burschen kann man ebenso trefflich spekulieren wie über seine Herkunft. Mehr nicht. Wer den jungen Mann getötet hat, auch das wird ein Rätsel bleiben, sofern nicht irgendwo ein stichhaltiges Bekennerschreiben auftaucht.

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"Am zweiten Pfingstfeiertag 1828", heißt es im Lexikon, "erschien gegen 5 Uhr Abends am Hallerpförtchen in Nürnberg ein in Bauerntracht gekleideter junger Mensch, dessen körperliche Haltung und Jammergestalt jedermann auffiel und der wie ein Trunkener vorwärts wankend einen Brief in der Hand hielt."

Am Unschlittplatz, Hausnummer 8, erinnert eine Gedenktafel daran, dass Kaspar Hauser an dieser Stelle anno 1828 erstmals in Nürnberg gesehen worden sein solll.

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Adressiert war der Brief an einen Rittmeister. Doch weil der dienstlich unterwegs war, nahm sich dessen Personal des "Erbarmungswürdigen" an. Der Junge konnte sich kaum artikulieren, seine Zunge erwies sich als ungeschult im Umgang mit Sprache. Auch mit der Nahrungsaufnahme hatte er Probleme: "Man setzte ihm Bier und Fleisch vor, aber kaum genossen, brach er es wieder von sich, dagegen stillte er seinen Heißhunger und Durst mit Schwarzbrod und frischem Wasser."

Ein Symbol für die Verstoßenen

Eine fantastische Geschichte war in der Welt. Ein Mythos und Symbol für die Verstoßenen und Verbannten. Ein Rätsel, das von Historikern über Mediziner, von Linguisten bis hin zu Rechtsgelehrten die Wissenschaften beschäftigt hat. Ein gigantischer Stoff für Künstler. Peter Handkes 1968 uraufgeführtes Stück "Kaspar" steht heute noch auf Theaterspielplänen. Kurt Tucholsky schrieb Texte unterm Pseudonym Kaspar Hauser.

Immer wieder, wenn in einem Verlies Menschen entdeckt werden, deren Existenz unbekannt war und die lange Zeit sozialer Kontakte entbehrten, wird Kaspar Hauser als Referenz und Ahn der Weltentfremdeten aufgeboten. Oder war er nur ein Aufschneider, der sich von geschickten Geschäftemachern für die Rolle einer Jahrmarktsattraktion instrumentalisieren ließ? Diese Sichtweise gibt es auch.

Der mysteriöse Absender des Briefes an den Rittmeister gab sich als Tagelöhner mit zehn Kindern aus. Er schrieb, der Überbringer des Schreibens sei ihm 1812 als Neugeborener vor die Tür gelegt worden.

Eher Bub als Mann: Eine Radierung nach einem Stahlstich von Friedrich Fleischmann zeigt ein Porträt Kaspar Hausers aus dem Jahr 1828.

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Wenn alles stimmt im Brief, hatte der anonyme Verfasser die Pflege des Findelbuben übernommen, den Fund des Säuglings aber nicht gemeldet. Wollte er sich keinen Papierkram aufhalsen? Oder war er bezahlt? Oder stimmte die Geschichte nicht? Jedenfalls gab der Schreiber an, er habe den Buben christlich erzogen und ihn das Schreiben gelehrt.

Im Briefkopf stand "Von der Bäierischen Gränz", doch auch das kann eine Nebelkerze sein, um die wahre Provenienz zu verschleiern.

Kaspar ließ viele Versuche über sich ergehen

Fünfeinhalb Jahre lebte Kaspar Hauser vom plötzlichen Erscheinen bis zum Tod. Er war nacheinander bei Bürgern untergebracht. Der berühmte Strafrechtspionier Anselm von Feuerbach hatte als Obervormund Aufsicht über die Entwicklung und förderte Kaspar, wo er konnte, er starb aber 1833.

Mit der Zeit lernte Hauser das Sprechen, die Lehrer lobten das handwerkliche Geschick, auch seine Begabung im Zeichnen soll beachtlich gewesen sein. Jeder Betreuer versuchte, dem Rätsel der Abstammung auf die Spur zu kommen. Alle mussten sich mit den Angaben Kaspars begnügen, er sei in einem dunklen Kerker bei Wasser und Brot gehalten worden.

Allerlei Versuche ließ er über sich ergehen. Okkultisten begutachteten ihn, homöopathische Tests wurden ebenso vorgenommen wie Experimente mit Magnetismus. Die Aufmerksamkeit, die er auf sich zog, störte ihn nicht. Im Gegenteil.

Das Damen-Conversations-Lexikon reihte sich als eine der ersten Publikationen bei den Zweiflern ein, die Kaspar mit wachsender Skepsis betrachteten: "Fast interessirte man sich nicht mehr für ihn, als ein auf ihn gerichteter Mordversuch neue und allgemeine Theilnahme erregte, aber Niemand vermochte den Thäter zu entdecken."

1829 war das erste Mal, dass Hauser eine Stichwunde erlitt. Nach seiner Schilderung suchte ihn der Täter auf der Toilette heim. Das Märchen eines Betrügers, um im Gespräch zu bleiben? Hauser bekam Polizeischutz und wurde später nach Ansbach gebracht.

Der reiche englische Adelige Philip Henry Stanhope nahm sich seiner an und investierte viel Zeit und Geld in die Recherche der Herkunft. Umsonst. Stanhope gestand sich später ein, einem Lügner aufgesessen zu sein.

Hauser starb am 17. Dezember 1833, drei Tage nach einem Messerstich. Wer ihm die Wunde zugefügt hatte, ließ sich nie klären. Er selbst? Die Spekulationen über den seltsamen Kerl schossen nun erst recht ins Kraut. Dass er ein badischer Erbprinz sei, dieses Gerücht etwa hat sich bis heute gehalten.

Das Damen-Conversations-Lexikon verzichtete auf eine eigene Theorie zur Abkunft Kaspars. Aber so viel wusste es: Dass es sich bei den Leuten, die ihn gefangen gehalten hatten, um "unnatürliche Tyrannen" handelte.

An der Stelle, an der Kaspar angeblich überfallen wurde und den Todesstich erlitt, stellten die Ansbacher einen Gedenkstein auf mit der Inschrift: "Hier wurde ein Geheimnisvoller auf geheimnisvolle Weise getötet."

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