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Rosenmontagsumzüge:Wind, Wut und Weltoffenheit

Rosenmontag in Köln

Köln: Der Motivwagen 'Uns Hätz schleiht för Hanau' zum Anschlag von Hanau beim Rosenmontagszug.

(Foto: Oliver Berg/dpa)
  • Dem rassistischen Anschlag von Hanau wird bei den Rosenmontagsumzügen in Köln und Düsseldorf mit eigenen Wagen gedacht.
  • Allein in Köln stehen mehr als eine Million Zuschauer an siebeneinhalb Kilometern Zugweg zwischen Chlodwigplatz und Mohrenstraße.
  • Politisch gab es besonders viel Stoff für die karnevalistischen Pappkarikaturen.

Von Alexander Menden, Köln

Die Mottowagen-Bauer im rheinischen Karneval haben den Ehrgeiz, sehr rasch auf das Weltgeschehen zu reagieren. An diesem Rosenmontag kam neben Kurzfristigkeit eine weitere Herausforderung hinzu, weil seit vergangener Woche ein besonders düsteres Ereignis die öffentliche Debatte in Deutschland prägt. Eines, das mit saisonalem Frohsinn kaum kompatibel erscheint. Und doch wurde des rassistischen Anschlags von Hanau vom 19. Februar sowohl in Köln als auch in Düsseldorf mit eigenen Wagen gedacht.

In Hanau selbst war der für Samstag geplante Umzug direkt am Morgen nach dem Anschlag mit zehn Todesopfern abgesagt worden. Er wäre in etwa 70 Metern Luftlinie an einer der beiden Shisha-Bars vorbeigezogen, wo ein 43-Jähriger in der Nacht auf Donnerstag vier Menschen erschossen hatte.

Die Kölner hatten ihren daran erinnernden Wagen direkt an die Spitze des Umzugs gesetzt: ein weinender Kölner Dom mit hängenden Turmspitzen, der ein Herz mit der kölschen Aufschrift "Uns Hätz schleiht för Hanau" trug, unser Herz schlägt für Hanau. Ein wackerer Versuch, den Spagat zwischen aufrichtiger Anteilnahme und der zwangsläufig eher groben Ästhetik einer Pappfigur zu schaffen. Man wolle "ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit setzen", sagte Zugleiter Holger Kirsch. Karneval sei "bunt, nicht braun".

In Düsseldorf wählte Wagengestalter Jacques Tilly wie zu erwarten einen weit wütenderen Zugang. "Aus Worten werden Taten", stand auf einem geifernden Kopf, aus dem eine Pistole mit der Aufschrift "Rassismus" ragte. Darunter: "NSU, W. Lübcke, Halle, Hanau". "Unsere politischen Werte werden in ihrem Kern angegriffen, das kann der Düsseldorfer Karneval nicht verschweigen", sagte Tilly.

Nass und kalt hatte der Rosenmontag begonnen. Nur das Traditionscorps der "Roten Funken" war früh genug auf dem Alter Markt, um den Appell bei Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker noch im Trockenen zu vollziehen. Doch trotz des kurz darauf einsetzenden Dauerregens bestand nie ein ernsthafter Zweifel daran, dass die Rosenmontagszüge in den rheinischen Metropolen stattfinden würden - und das, obwohl man tags zuvor die Schull- und Veedelszöch in Köln und das Kö-Treiben in Düsseldorf abgesagt hatte. Stürmischer Wind hatte die Mehrheit der Sonntagsveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen zu unsicher gemacht. Am Montag standen dagegen allein in Köln wieder mehr als eine Million Zuschauer an siebeneinhalb Kilometern Zugweg zwischen Chlodwigplatz und Mohrenstraße.

Politisch gab es diesmal besonders viel Stoff für die karnevalistischen Pappkarikaturen. Der Düsseldorfer Rosenmontagszug unter der Ägide von Jacques Tilly ist ohnehin bekannt für die besondere Schärfe seiner Mottowagen. Aber auch der Kölner Zug war in diesem Jahr politisch so bissig wie schon lange nicht mehr. So bot etwa die Thüringer Landtagswahl beiden Zügen viel Material: In Düsseldorf ließen sich FDP-Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich und CDU-Landeschef Mike Mohring am - zum Hitlergruß ausgestreckten - Arm von AfD-Mann Björn Höcke aus dem Morast ziehen. In Köln ritt Kemmerich in Köln hinter Alexander Gauland auf einem Höcke mit Hundekörper, der "Hass"- und "Hetze"-Würstchen hinterherhechelte.

Auch der Brexit lieferte Wagenvorlagen: In Düsseldorf lief einem zweigeteilten Boris Johnson sein Unterleib in einem Kilt davon - ein Vorgriff auf die mögliche Abspaltung Schottlands von Großbritannien. In Köln war Johnson zweifach vertreten: einmal als Skelett mit blondem Schopf in einem vor lauter Quatschen zum Leichenhaus mutierten britischen Unterhaus. Und als Teil einer Parade von "Holzköppen", die an einer Weltkugel mit Lunte zündeln, darunter auch Wladimir Putin, Kim Jong-un und Donald Trump. Trump hielt in Köln zudem als Vorlage für einen besonders grausigen Wagen her. Er zeigte den amerikanischen Präsidenten als zähnefletschenden Monsterclown aus Stephen Kings Roman "Es".

Die vier Bewerber um den CDU-Vorsitz - alle aus Nordrhein-Westfalen, alle männlich - ließ Düsseldorf zu einem "Sackhüpfen" in überdimensionierten Hodensäcken antreten. Hüpfend zeigte ein anderer Düsseldorfer Mottowagen auch ein brennendes Känguru mit der Mahnung "Australien ist überall" - passend zu einer Darstellung von Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro als "Klimakiller" mit bluttriefenden Motorsägenarmen. Versöhnlicher hingegen fiel ein Motiv zum Beethoven-Jubiläumsjahr aus: der Bonner Komponist mit EU-blauer Mähne und einem Rock aus europäischen Flaggen - Motto: "Ode an die Freunde".

Leichter als bisher hatten es in diesem Jahr übrigens zumindest die Pferde der Kölner Reiterstaffeln. Bei übergewichtigen Reitern fuhr man eine "Null-Toleranz-Strategie": In Erwartung verschärfter Tierschutzbestimmungen im Land Nordrhein-Westfalen durften keine Reiter mitmachen, die einschließlich Ausrüstung und Kamelle-Wurfmaterial mehr als 20 Prozent des Pferdegewichts auf die Waage brachten. Da ein Pferd im Kölner Karneval im Schnitt zwischen 550 und 600 Kilogramm wiegt, lag das Obergewicht für Mitglieder der Reiterstaffeln also bei etwa 90 Kilo.

© SZ/moge/ick
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