SZ-Kolumne "Bester Dinge":"O Smirtsch!"

SZ-Kolumne "Bester Dinge": Eine Bronzestatue von James Joyce in Triest.

Eine Bronzestatue von James Joyce in Triest.

(Foto: Marta Carenzi via www.imago-images.de/imago images/ZUMA Wire)

28 Jahre lang hat ein Leseklub ein einziges Buch durchgearbeitet: "Finnegans Wake" von James Joyce. Und, was steht drin? Darauf gibt es am Ende des rätselhaften Werkes eine verblüffende Antwort.

Von Titus Arnu

"Als erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee." So beginnt Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick". Ein kurzer, klarer Satz, der einen in die Geschichte saugt. James Joyce dagegen gehörte nicht zu den Schriftstellern, die sich kurz und verständlich ausdrücken, im Gegenteil. Sein Roman "Finnegans Wake" fängt mitten im Satz an und klingt rätselhaft: "riverrun, past Eve and Adam's, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs". Übersetzbar ist das kaum.

17 Jahre lang schrieb Joyce an "Finnegans Wake", das Buch erschien 1939 kurz nach seinem Tod. Seitdem beißt sich die Leserschaft die Zähne an dem sperrigen Werk aus. Es gibt keinen Plot, keine konsistente Handlung, keine klar definierten Figuren. Der irische Wortakrobat reiht Wortspiel an Wortspiel, mixt biblischen Kontext mit Alltagsbeobachtungen und erschafft eine eigene Sprache aus englischen, deutschen, französischen und lateinischen Begriffen. Das klingt dann so: "Dood dood dood! O Bawse! O Boese! O Muerther! O Mord! Mahmato! Moutmaro! O Smirtsch! O Smertz! Woh Hillill! Woe Hallall! Thou Thuoni!" In diesem Stil geht es weiter, 628 Seiten lang, wirre Wortkaskaden, eher Traum als Erzählung.

Moutmaro? Smirtsch? Nix verstehn. Joyce-Fans verehren "Finnegans Wake" als Weltliteratur, andere halten es für unlesbaren Unsinn. Wer das Buch nicht aus wissenschaftlichen Gründen studieren muss, legt es nach spätestens 50 Seiten weg. Einer Lesegruppe in Venice, Kalifornien, kann man nicht vorwerfen, sie hätte es nicht versucht: Nach 28 Jahren kamen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nun bei der letzten Seite an. Bei jedem Treffen arbeiteten sie ein, zwei Seiten durch. Und, haben sie es verstanden? "Ich will nicht lügen, es war nicht so, als hätte ich Gott gesehen", sagte Gerry Fialka, der den Buchklub 1995 gegründet hatte.

SZ-Kolumne "Bester Dinge": Gerry Fialka mit dem Buch, das er 28 Jahre lang gelesen hat.

Gerry Fialka mit dem Buch, das er 28 Jahre lang gelesen hat.

(Foto: Dave Healey/court. Gerry Fialka)

Englischsprache Medien berichten, der Buchklub habe die Lektüre nun "beendet". Das ist Quark (ein Wort, das Joyce gerne verwendet hat). Denn man kann das Buch nie fertig lesen. Der letzte Satz lautet: "a way a lone a last a loved a long the", und dann geht es am Buchanfang wieder los. Es ist absurd, es ist zyklisch - es ist, im Joyce'schen Sinne interpretiert, gleichermaßen schön und sinnlos, wie das Leben selbst.

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