Getöteter Straßenhändler in Italien:Ein Verbrechen in vergiftetem Klima

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Getöteter Straßenhändler in Italien: Am Tatort in der italienischen Stadt Civitanova Marche haben zahlreiche Menschen Blumen niedergelegt.

Am Tatort in der italienischen Stadt Civitanova Marche haben zahlreiche Menschen Blumen niedergelegt.

(Foto: Chiara Gabrielli/dpa)

Im Badeort Civitanova Marche prügelt ein Italiener einen Straßenhändler zu Tode - Passanten filmen, greifen aber offenbar nicht ein. Nun diskutiert Italien, warum der Nigerianer sterben musste.

Von Oliver Klasen

Noch ermittelt die Polizei, noch ist nicht klar, warum der Straßenhändler Alika O. gestorben ist. Klar ist nur, dass das, was am Freitag in dem an der Adria gelegenen Badeort Civitanova Marche passierte, in ganz Italien und darüber hinaus Entsetzen ausgelöst hat, sogar die New York Times berichtet. Vor laufender Kamera wurde der Nigerianer totgeprügelt, der Präsident der Region Marken, wo Civitanova Marche liegt, spricht von "wahnsinniger und beispielloser Gewalt". Ein Zeitungskommentator beklagt angesichts der Tatenlosigkeit der Umstehenden den "Untergang der Zivilisation". An der Stelle, wo das Verbrechen geschah, haben Passanten Blumen niedergelegt, am Wochenende gab es dort Demonstrationen gegen Rassismus.

Die Stelle liegt in einer belebten Einkaufsstraße der 40 000-Einwohner-Stadt. Hier attackierte ein 32-jähriger Italiener am Freitagmittag den Straßenhändler. Zunächst schlägt er sein am Boden liegendes Opfer mit dessen Krücke, dann mit bloßen Händen, irgendwann sitzt er auf dem Körper von Alika O., man kann das alles auf einem Video sehen, das in diversen Social-Media-Kanälen gepostet wurde, weil offenbar Menschen das Geschehen filmten, aber niemand eingriff und versuchte, dem Nigerianer zu helfen. Auf dem Video sind im Hintergrund Rufe zu hören, Menschen schreien "Hör auf" oder "Rufe jemand doch die Polizei". Die wurde aber erst gerufen, als der Täter geflüchtet war, um 14.11 Uhr, so schreibt es die Zeitung La Stampa, ging der Notruf ein. Zu diesem Zeitpunkt war Alika O. bereits tot.

Alika O. war, wie die Ermittlungen ergeben haben, 39 Jahre alt und vor zehn Jahren nach Italien gekommen. Seit einem Verkehrsunfall war er gehbehindert, konnte nur mit Krücken laufen. Er arbeitete als Straßenhändler in der Gegend, und an jenem Nachmittag in Civitanova Marche hat er wohl auch versucht, dem Mann, der ihn wenige Minuten später tötete, und dessen Freundin etwas zu verkaufen. Offenbar, so hat es die Polizei rekonstruiert, fühlte sich Filippo F., ein 32-jähriger Fabrikarbeiter, der aus Süditalien stammt, davon belästigt, er verfolgte Alika O. und warf ihn zu Boden. In den Vernehmungen später soll er ausgesagt haben, dass der Straßenhändler seine Begleitung am Handgelenk angefasst habe.

Die Ermittler sprechen von einer "abnormen Reaktion"

Filippo F. wird nun Mord aus niederen Beweggründen sowie Raub vorgeworfen, denn er soll nach der Tat auch das Handy des Opfers mitgenommen haben. Kurz nach seiner Flucht wurde er festgenommen, es gab genug belastendes Videomaterial. Filippo F. befindet sich nun in Polizeigewahrsam und ist über das Wochenende befragt worden. An diesem Montag sollte er dem Haftrichter vorgeführt werden, seine Anwältin spricht von psychischen Problemen.

Im italienischen Fernsehen sagte derweil ein Passant, Alika O. sei nur wegen seiner Hautfarbe getötet worden. Rassismus ist ein großes und größer werdendes Problem in Italien. Aktuellen Umfragen zufolge sind ungefähr 24 Prozent der Wählerinnen und Wähler bereit, am 25. September einer rechtsextremen Partei ihre Stimme zu geben, der Fratelli d'Italia, die in direkter Tradition der Faschisten von Diktator Benito Mussolini steht. Giorgia Meloni könnte die erste Frau an der Spitze der Regierung werden - mit einer ultrarechten Mehrheit. Die gab es in Italien seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie.

Während jene gesellschaftlichen Kräfte, die eher liberal und links der Mitte stehen, die Tat als Beispiel für einen immer stärker grassierenden Hass gegen Minderheiten sehen und die Rechte sich auffallend ruhig verhält, ermittelt die Polizei. Sie sieht derzeit keine Hinweise auf ein politisches Motiv, die Ermittler sprechen von einer "abnormen Reaktion". Doch das erklärt noch nicht, warum die sinnlose Tat nicht verhindert wurde.

"We want justice", riefen die Demonstranten am Wochenende. Alika O. hinterlässt eine Frau und ein achtjähriges Kind. "Ich will Gerechtigkeit für meinen Mann", sagt auch Charity O., die durch das Verbrechen zur Witwe geworden ist.

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