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Schlag gegen die Mafia in Italien:"Seit heute atmet man in Kalabrien eine reinere Luft"

Riesenschlag gegen Mafia in Italien

Polizeifahrzeuge stehen auf einer gesperrten Straße in der Gegend von Vibo Valentinia (Standbild aus einem Video).

(Foto: dpa)
  • Razzien gegen die Mafia gibt es in Italien fast täglich. Doch ein Schlag in dieser Größenordnung gegen die mächtige 'Ndrangheta ist enorm.
  • Den Verdächtigen wird unter anderem Erpressung, Mord, Drogenhandel, Geldwäsche und Zugehörigkeit zu einer mafiösen Organisation vorgeworfen.
  • 340 Menschen müssen entweder in Untersuchungshaft oder in den Hausarrest, teilte die Polizei mit.

Es ist nicht weniger als ein Feldzug, den der Mafia-Jäger, Generalstaatsanwalt Nicola Gratteri, in der Nacht zum Donnerstag gegen die kalabrische 'Ndrangheta in Marsch gesetzt hat: 2500 Kräfte von Spezialeinheiten der Carabinieri und Polizei, Fallschirmjäger, Hundestaffeln und die mit Hubschrauber operierenden Cacciatori-Schwadron aus Vibo Valentia schlugen zu. Auf die Clans dieser kalabrischen Küstenstadt konzentrierte sich auch die Operation "Scott-Rinascita", bei der binnen Stunden 334 'Ndranghetisti von Clan-Oberen bis zu Handlangern festgenommen und gegen 84 weitere Ermittlungen eingeleitet wurden, wie die Staatsanwaltschaft am Donnerstag bekanntgab.

Aber die gewaltige Razzia ging weit über das Kerngebiet der mächtigsten Mafia hinaus: In zwölf der 20 Regionen Italiens, von Sizilien bis Venetien, wurden Mafiosi festgesetzt, bis nach Deutschland, in die Schweiz und nach Bulgarien reichen die Ermittlungen. Staatsanwalt Gratteri sagte, es sei die größte Aktion seit dem historischen "Maxi-Prozess" gegen Hunderte Mafiosi, der in den 80er Jahren die große Wende im Kampf gegen die sizilianische Cosa Nostra bedeutete. "Seit heute atmet man in Kalabrien eine reinere Luft, eine Luft, die nach Freiheit riecht", bejubelte Nicola Morra, der Präsident der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments, die Operation.

Güter im Wert von 15 Millionen Euro haben die Carabinieri beschlagnahmt. Aber viel bedeutender ist, dass nach Einschätzung italienischer Medien zwei Clans in Vibo Valentia bis an die Wurzeln ausgehoben wurden. Unter den Festgenommen sind einige Politiker von Links bis Rechts, frühere Abgeordnete des nationalen und des regionalen Parlaments, der Bürgermeister Vibo Valentias, der Chef der Ortspolizei, Unternehmer aus dem Baugewerbe, der Gastronomie, der Textilwirtschaft.

Die Verbrechen umfassen das ganze schaurige Spektrum organisierter Kriminalität - Mord, Geldwäsche, Erpressung, Drogenhandel, Schein-Geschäfte mit Immobilien, all das im Rahmen einer Mafiastruktur, was in Italien per se ein Delikt ist und bei jeder kriminellen Handlung straferschwerend wirkt.

Globaler Großkonzern der Illegalität

Es wurden viele Dokumente sichergestellt, und bei dieser Riesenrazzia haben die Staatsanwälte erstmals ein Papier in die Hände bekommen, das erläutert, wie ein hoher Rang in der Hierarchie der 'Ndrangheta, ein sogenannter "Tre Quartino", vergeben wird. Es ist ein linierter Zettel, auf dem handschriftlich eines der extrem gehüteten Interna der kalabrischen Mafia festgehalten ist. Solche Informationen aus ihrem Innersten verbirgt die 'Ndrangheta wie kaum eine andere Mafia. Und es gibt aus ihren etwa 90 Clans auch fast keine "Pentiti", reuige Aussteiger, die bei der Polizei auspacken, denn die 'Ndrangheta basiert auf Familienstrukturen, in die man hineingeboren wird.

Aber so archaisch ihre Riten auch sind und so weiterhin tief sie verwurzelt ist in Kalabrien, wo sie ihr Territorium so im Würgegriff hält, dass die Region wirtschaftlich und sozial weit abgehängt ist und junge Leute in Scharen abwandern - die 'Ndrangheta ist längst zu einer der gefährlichsten und mächtigsten Mafiaorganisationen der Welt gewachsen. Sie hat sich unter anderem mit kolumbianischen Drogenkartellen zusammengetan und beherrscht einen Großteil dieses Markts in Europa. Waffenhandel, Geldwäsche, Erpressung gehören ebenfalls zu ihren klassischen Aktivitäten, immer wieder begleitet von Morden.

Das haben die Deutschen spätestens mit den Morden von Duisburg erfahren, als 2007 sechs Männer ermordet wurden im Zuge des langen Kriegs von 'Ndrangheta-Clans aus San Luca. Viel bedrohlicher für die Gesellschaft ist jedoch, dass die 'Ndrangheta die legale Wirtschaft mit ihren immensen Geldmitteln infiltriert, in Italien und in der ganzen Welt, sie bildet einen globalen Großkonzern der Illegalität.

Zehntausende Objekte, viele Milliarden Euro

Die italienische Anti-Mafia-Behörde DNA geht von einem Jahresumsatz von 55 Milliarden Euro aus, er ermöglicht der unendlich verzweigten Organisation, überall groß zu investieren und noch mehr zu verdienen. Italiens Norden ist mittlerweile mehr heimgesucht von ihren Krakenarmen als der Süden, weil Vertreter dieser Mafia dort weniger auffallen und es dort viel mehr Geld zu holen gibt.

Auch in der Lombardei erleiden eigentlich unbescholtene Unternehmer das Schicksal, dass sich die 'Ndrangheta in ihre Firmen einschleicht und sie mit Tücke und massivem Zwang unter Kontrolle bringt. Mehr noch, wie schon 2016 der Bericht der DNA festhielt, ist diese Mafia durch ihre Wirtschaftskraft und raffinierte Tarnung teilweise im Stande, Einfluss auf öffentliche Projektauschreibungen zu nehmen. Die italienische Polizei ist durchaus erfolgreich im Kampf gegen diese finstere Macht, praktische jede Woche gibt es Festnahmen, werden Firmen, Immobilien, Bankkonten beschlagnahmt. Zehntausende Objekte sind das über die Jahre geworden und viele Milliarden Euro. Aber so schnell, wie ihr ein Glied abgeschlagen wird, so schnell wächst oft ein anderes nach, die 'Ndrangheta ist tief in die Kapillaren der Wirtschaft eingedrungen.

Staatsanwalt Nicola Gratteri, der Kopf hinter diesem mächtigen Schlag gegen die 'Nadrangheta, ist einer, der sein Leben diesem Kampf geweiht hat. Der 61-Jährige ist selbst in einer 'Ndrangheta-verseuchten Provinzen Kalabriens geboren, in der Gegend von Locride. Er ist einer kenntnisreichsten Mafia-Experten Italiens und einer der erfolgreichsten Bekämpfer der ihre kalabrischen Exponenten, seit drei Jahrzehnten muss er deswegen mit ständigem Personenschutz leben. Immer wieder zieht ihn die Politik als Fachmann zu Rate, er war im Gespräch als Justizminister, hat Bücher zu Mafia-Themen veröffentlicht und versucht immer wieder auch im Fernsehen, den Italienern klarzumachen, welches Monster da im Grunde jeden Bürger bedroht und beraubt durch das Untergraben der legalen Wirtschaft.

Ehrenplatz in den Annalen des Kriegs gegen die Mafia

Gratteri hat schon diverse große Operationen geleitet, als er in Reggio di Calabria einer der Chefs der regionalen Anti-Mafia-Behörde und leitender Staatsanwalt war. Im Frühjahr 2016 übernahm er dann das hohe Staatsanwaltsamt des Procuratore della Repubblica in Catanzaro. 13 500 Seiten umfasst das Material, das er und seine Kollegen zusammengetragen haben, ehe sie nun diesen Schlag gegen die Mafia geführt haben. Wenn das Material ausgedruckt wird zur Übergabe an die Hunderten Beschuldigten und ihre Anwälte, werden es ungefähr fünf Millionen Seiten Papier sein, die mit gepanzerten Fahrzeugen überstellt werden.

An dieser Maxi-Operation "habe ich vom ersten Tag an gearbeitet, an dem ich meinen Fuß in Catanzaro auf den Boden gesetzt habe", sagte Gratteri, der wohl spätestens seit diesem Donnerstag einen Ehrenplatz in den Annalen des Kriegs gegen die Mafia einnehmen kann.

© SZ.de/dpa/afis/mkoh/ick
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