Femizide:Italien nimmt Abschied von Giulia Cecchettin

Femizide: Tausende wollten in Padua Abschied von Giulia Cecchettin nehmen.

Tausende wollten in Padua Abschied von Giulia Cecchettin nehmen.

(Foto: Lucrezia Granzetti//AP)

Die Studentin wurde erstochen, ihr Ex-Freund hat gestanden. Nun kommen in Padua Tausende zur Trauerfeier, darunter auch der Justizminister - und die Debatte über Femizide geht weiter.

Von Marc Beise, Rom

Ein weißer Sarg, darauf weiße Rosen: Als der Wagen mit der Leiche von Giulia Cecchettin am Dienstag vor der Basilika von Padua hielt, applaudierten Trauernde; das Fernsehen übertrug live, auch aus der Kirche. Dort waren weitere 1200 Menschen versammelt, um sich von der getöteten Studentin zu verabschieden. In der ersten Reihe Vater Gino und die Geschwister, dazu Familie, Freunde, Politiker, die Spitzen des Staates hatten Blumenkränze gesandt; der Bischof selbst predigte.

Es war eine Trauerfeier in einer Dimension, wie man sie sonst nur für bekannte Politiker oder Kunstschaffende erlebt: Hier kam viel zusammen, was den traurigen Einzelfall zum nationalen Ereignis macht. Nicht zuletzt der Umstand, dass dieses Drama sich in einer vermeintlich heilen Welt ereignet hat, zwei junge Menschen, sie kurz vor ihrem Uni-Abschluss - und dass das Ereignis eben kein Einzelfall ist in Italien, einem Land, das auf seine Kultur und Lebensfreude so stolz ist. In diesen Tagen allerdings, dazu hat auch eine außergewöhnlich umfangreiche Berichterstattung beigetragen, hält sich die Nation selbst den Spiegel vor.

Seit die 22-jährige Giulia Cecchettin vor zwei Wochen Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, teilweise gefilmt von einer Überwachungskamera auf einem Parkplatz, ist ihr Schicksal und das vieler Frauen in Italien zentrales Thema. Wie so oft war es der betagte Staatspräsident Sergio Mattarella, die moralische Instanz der Republik in guten wie in schlechten Zeiten, der die richtigen Worte fand: "Die Nachrichten über Femizide, die uns auch in den letzten Tagen so häufig erreichen, sind eine traurige Erinnerung daran, wie intensiv noch Anstrengungen unternommen werden müssen, um einen radikalen Kulturwandel herbeizuführen."

Femizide: Eine Frau hält beim Protest gegen Gewalt gegen Frauen in Mailand ein Foto von Giulia Cecchettin hoch.

Eine Frau hält beim Protest gegen Gewalt gegen Frauen in Mailand ein Foto von Giulia Cecchettin hoch.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Auch Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat betroffen und besorgt Stellung genommen, Gewalt gegen Frauen beklagt und deren Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verteidigt; ihr Justizminister Carlo Nordio nahm an der Trauerfeier teil.

Femizide gibt es nicht nur Italien, in Deutschland sind die Zahlen ähnlich hoch

Bei Femiziden geht es häufig darum, dass ein Mann über eine Frau meint bestimmen zu können und gewalttätig wird, wenn sie sich dem entzieht - so auch in diesem Fall. Die angehende Medizintechnikerin hatte sich im Frühjahr von ihrem Freund Filippo T., 21, getrennt, nach Abschluss des Studiums wollte sie den gemeinsamen Heimatort verlassen und anderswo ihre Ausbildung fortsetzen. Ihr Ex-Freund klammerte und drohte, sie traf ihn immer wieder, um die Situation zu entspannen.

Bei der letzten Begegnung wurde sie durch Messerstiche in Kopf und Hals getötet. Die Leiche versteckte der mutmaßliche Täter in den Bergen und floh offenbar planlos nach Norden. Auf einer Autobahn bei Halle wurde Filippo T., als ihm Geld und Benzin ausgegangen waren, von der deutschen Polizei schließlich aufgegriffen. Mittlerweile sitzt er in einem italienischen Gefängnis, soll gestanden haben und bereuen, berichten seine Anwälte.

Die Familie der Toten hat früh die Öffentlichkeit gesucht, sie will aufklären und helfen, dass solche Femizide nicht mehr vorkommen, der Vater machte das am Dienstag auch in seiner bewegenden Rede in der Kirche zum Thema: "Möge Giulias Andenken uns dazu inspirieren, gemeinsam gegen Gewalt vorzugehen, möge ihr Tod der Anstoß für Veränderung sein." Das Parlament hat ohnehin geplante Maßnahmen bereits beschlossen, wie bessere Überwachung verdächtiger Männer, raschere einstweilige Verfügungen und an den Schulen Unterricht im respektvollen Umgang mit Frauen.

Mehr als 100 Femizid-Tote im Jahr, das gibt es nicht nur Italien, in Deutschland beispielsweise sind die Zahlen ähnlich hoch. In Italien aber wird seit einigen Jahren intensiv berichtet, erst recht jetzt nach diesem die Menschen berührenden Fall. In den vergangenen Wochen gab es zahlreiche Demonstrationen, in Rom kam eine halbe Million Menschen zusammen. Veranstaltungen wurden der Toten gewidmet, ihr Name ist auf Plakaten und in Schaufenstern zu lesen. Im römischen Ausgehviertel Trastevere sind an der Hauswand neben der beliebten Bar Calisto die Namen aller Femizid-Opfer dieses Jahres aufgelistet, aber Giulia ist längst nicht mehr der neueste Eintrag.

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