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Gewalt gegen Frauen: "Wann werden die indischen Männer lernen, Frauen zu respektieren?"

New Year's eve celebrations in Banglore

Silvesterfeierlichkeiten in der indischen Stadt Bangalore.

(Foto: Jagadeesh Nv/dpa)

In der indischen Stadt Bangalore sind in der Silvesternacht Frauen sexuell belästigt worden. Ein Minister gibt ihnen eine Mitschuld daran - wegen ihres westlichen Kleidungsstils.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Sechs Männer fahren durch Delhi, sie haben getrunken, sie wollen Spaß, und dann liegt Jyoti Singh Pandey auf der Straße. Aus dem fahrenden Bus geschmissen; gerade noch lebendig und fast schon tot. Fast eine Stunde haben die sechs Männer sie vergewaltigt, sie mit einer Eisenstange gequält. Vor den Augen ihres Freundes. Zwei Wochen später ist Jyoti Singh Pandey wirklich tot, im Krankenhaus erliegt sie ihren schweren Verletzungen, sie wird 23 Jahre alt. Tausende Inder gehen in diesem Dezember 2012 auf die Straße, sie skandieren "Hängt die Vergewaltiger!" und fordern mehr Sicherheit für Frauen. Der Fall erregt weltweit Aufmerksamkeit, 50 Tage später werden die Sexualstrafgesetze verschärft.

Vier Jahre später, wieder Indien. In der Stadt Bangalore im südlichen Bundesstaat Karnataka sammeln sich laut Medienberichten in der Silvesternacht mehr als 10 000 Menschen in der Mahatma-Gandhi-Straße, mitten im Geschäftszentrum der drittgrößten Stadt Indiens. Und dann sind da diese Hände, diese fremden Männerhände. Frauen werden sexuell belästigt, örtliche Medien wie etwa der Bangalore Mirror veröffentlichten Zeugenberichte und Bilder, auf denen sich die Opfer vor den Angreifern wegducken, vor dem Mob fliehen. Der Bangalore Mirror, der in der Nacht Fotografen in die Stadt geschickt hatte, spricht von "Massenbelästigung".

"Wann werden indische Männer lernen, Frauen zu respektieren?"

Gruppenvergewaltigung, Massenvergewaltigung, Massenbelästigung. Spätestens seit 2012 sind diese Begriffe stark mit Indien konnotiert. Doch obwohl das Land versucht, sich von sexueller Gewalt zu distanzieren, gibt ein Politiker den Opfern nun eine Mitschuld. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hat der Innenminister von Karnataka, G. Parameshwara, die Angriffe als "bedauerlich" bezeichnet. Dem indischen Fernsehsender The Times Now sagte er am Montag, eine Gruppe junger Menschen habe sich zusammengefunden, die sich "fast wie westliche Leute" gäben. Sie versuchten nicht nur, das westliche Gedankengut zu übernehmen, sondern kleideten sich auch so, "und dann passieren solche Dinge".

Später soll Parameshwara erklärt haben, er sei falsch zitiert worden. Denn er wurde nicht nur in den sozialen Medien kritisiert, sondern auch von der Zentralregierung. So schrieb der Staatsminister im Innenministerium, Kiren Rijiju, auf Twitter: "Ich verurteile den unverantwortlichen Kommentar von Karnatakas Innenminister." Die massenhaften sexuellen Übergriffe dürften "nicht ungestraft bleiben". Die Leiterin der Nationalen Frauenkommission, Lalitha Kumaramangalam, forderte Parameshwara zum Rücktritt auf. "Wann werden die indischen Männer lernen, Frauen zu respektieren?", sagte sie laut AFP. Sie würde gern wissen, ob indische Männer wirklich so "schwach" seien, dass sie beim Anblick von Frauen mit westlicher Kleidung "die Kontrolle verlieren".

Die Kontrolle wird oft verloren, nicht nur an Silvester. In Indien ist sexuelle Gewalt nahezu normal. Einer Regierungsstatistik von 2015 zufolge wird in dem Land mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt, die Dunkelziffer dürfte höher liegen, und am Ende werden die vergewaltigten Frauen geächtet. Nur die grässlichsten Meldungen erreichen den Westen, etwa wenn Minderjährige vergewaltigt und dann lebendig an einen Mangobaum gehängt werden. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass Politiker solche Taten bagatellisieren: 2014 etwa sagte ein anderer Regionalminister, Vergewaltigungen würden "versehentlich" geschehen. Kurz zuvor war ein weiterer Minister mit den Worten zitiert worden, Vergewaltigung sei ein "soziales Verbrechen, das von Männern und Frauen abhängt". Manchmal sei es richtig, manchmal sei es falsch.

© SZ vom 04.01.2017
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